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Peter Schreiers letztes Weihnachtsoratorium

Abschiedskonzert für Kinderhospiz Bärenherz Peter Schreiers letztes Weihnachtsoratorium

Er war de Evangelist des 20. Jahrhunderts. Nun hat er auch als Dirigent der Bühne den Rücken gekehrt: Der Tenor Peter Schreier. Am Sonntag hat er noch einmal im Gewandhause dirigiert: Bachs Weihnachtsoratorium mit dem GewandhausChor und der Camerata lipsiensis

Peter Schreier.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Von diesem Handschlag wird Patrick Grahl noch seinen Enkeln am Kaminfeuer erzählen. Lang dauert er. Tief schaut Peter Schreier ihm dabei in die Augen. Und noch aus der Ferne ist zu sehen, dass Wertschätzung und Respekt in diesem Blick liegen. So wird dieser Hand- zum Ritterschlag für den jungen Tenor aus Leipzig, der in diesem Weihnachtsoratorium am Sonntagabend im großen Saal des Gewandhaus die Evangelistenpartie gesungen hat. Unter den strengen Augen und vor den unbestechlichen Ohren des Jahrhundert-Tenors Peter Schreier, dessen allerletztes Konzert als Dirigent dieser Benefizabend fürs Leipziger Kinderhospiz Bärenherz sein soll. Wahrscheinlich ist es das wirklich. Denn im Gegensatz zu den allermeisten Kollegen hat Schreier bislang ernst gemacht mit seinen Rückzugsankündigungen.

Wie mag man sich fühlen in der Haut Patrick Grahls, der diese Partie jenem Kollegen zu Füßen legt, der die Gestaltung von Bachs Evangelisten nachhaltiger beeinflusst hat als jeder andere vor ihm und bisher auch danach? Offenkundig gut. Denn Grahl ist keinerlei Nervosität anzumerken. Auch keine stilistische Liebedienerei. Mit seinem blitzsauber geführten weichen Tenor erliegt er keiner der beiden ja naheliegenden Versuchungen: Er unternimmt gar nicht erst den Versuch, den Giganten am Pult zu kopieren; und er versucht auch nicht, sich durch bewusste Abgrenzung freizuschwimmen. Vielmehr gelingt es Grahl, das, was Schreier so groß machte, die inhaltliche Durchdringung des Gesangs, die Gestaltung aus dem Text und seinen Inhalten heraus, auf die eigene Stimme zu übertragen – und in die aufführungspraktisch informierte Moderne.

Woran freilich Schreier nicht nur die Aktien des Vorbilds hat. Wichtiger noch ist das, was er da am Pult macht. Sparsam ist es, minimalistisch. Schlagtechnisch wäre dieses oder jenes zu hinterfragen. Aber was bedeutet schon Schlagtechnik im Zusammenhang mit der Musik Bachs – zu seiner Zeit gab es den Dirigentenberuf noch nicht. Schreier tupft nur hier und da in die Camerata lipsiensis hinein, zeigt bisweilen dem von Frederico Baron Mussi exzellent präparierten GewandhausChor einen Zeigefinger, eine Handfläche, ein Lächeln. Diese bis zum äußersten reduzierten Gesten zeigen unmittelbar Wirkung: Selten hört man die vielstrapazierten Kantaten so aus einem Guss, so unaufgeregt filigran, dabei so berückend intensiv.

Das liegt vor allem daran, dass dem Dirigenten Peter Schreier jede Form von musikalischer Besserwisserei abgeht. Dabei könnte er es sich wie wenige andere leisten, zu sagen, er wisse, wie es sein muss. Aber sein Ansatz ist eher reaktiv: Schreier hört dem, was die Interpreten ihm anbieten, sehr genau zu – und formt dann daraus ganz uneitel das in seinen Augen und Ohren jeweils Beste.

Dieser Musizierhaltung kommt der Umstand entgegen, dass er mit der Camerata lipisiensis den Klang nicht erst herstellen muss, sondern ihn gleich abrufen kann. Das Ensemble verfügt über erstklassige Solisten in allen Gruppen (auch über absolut verlässliche und selbst im Angesicht der Zumutungen des Schlusschorals ungefährdete Naturtrompeten), geht als Ganzes auf in kristalliner Homogenität, nutzt die Dreifachbesetzung im Continuo (Cembalo, Orgel Laute) klug disponierend zu farblicher Differenzierung. Kurzum: Es bietet der Sänger-Legende am Pult einen fein ausschwingenden, lichten, farbenprächtigen und bemerkenswert wandelbaren Original-Klang, den Schreier nach Herzenslust modellieren kann.

Wovon der gern und ausführlich Gebrauch macht. Immer wieder sortiert er in den Arien das Geflecht der Stimmen neu, spielt auch bisweilen recht frei mit dem Tempo. Aber nie so, dass irgendetwas aufgesetzt erschiene oder dem Effekt verpflichtet. Wenn Schreier im Chor „Ehre sei Gott“ bei „Friede auf Erden“ das Tempo zurücknimmt oder in der herrlichen Alt-Arie „Schließe, mein Herze“ im Mittelteil anziehen, klingt das, als könne, als dürfe es anders gar nicht sein. Weil der beeindruckend bewegliche Gewandhauschor in Echtzeit reagiert und wie die Solisten offenbar nicht angewiesen wurde, sondern überzeugt.

Überhaupt die Solisten: Grahl, der neben der Evangelisten-Partie auch die beiden höchst anspruchsvollen Arien, die „Frohen Hirten“ in innerer Erregung und äußerlich beinahe ruhig, die „Stolzen Feinde“ mit kämpferischer Glaubensgewissheit, zur sinnlichen Klangrede ausformt, ist Teil eines sensationellen jungen Solisten-Quartetts, in dem keiner sich ungebührlich in den Vordergrund spielt: Olena Tokar lässt die Operei auf der anderen Seite des Augustusplatzes, singt leicht, schlank und dennoch kraftvoll, Wenngleich dieses Fach auf Dauer das ihre nicht ist. Altistin Marie Henriette Reinhold dagegen geht ganz auf in der warmen Schönheit von „Bereite dich, Zion“, der entrückten Zartheit von „Schlafe, mein Liebster“, der schlichten Kraft von „Schließe, mein Herze“. Und auch Bassist Cornelius Uhle singt seinen Bach so, wie man es sich schöner, intensiver, stilsicherer kaum vorstellen kann. Voller Energie, aber nicht kraftmeierisch in der Trompeten-Arie „Großer Herr“ in größter Innigkeit im Duett mit Tokar in „Herr, dein Mitleid“. Geschmeidig führt er seine wunderbare Stimme – mit größter Natürlichkeit und stilsicherer Eleganz.

Dieses „Weihnachtsoratorium“, wird unter Schreiers kleinen Gesten weit mehr ist, als die Summe seiner erstklassigen Teile. Vielleicht sollte der Jahrhundert-Evangelist sich das mit dem Abschied vom Pult doch noch einmal überlegen. Wer dieses Konzert erlebt hat und sich hinterher ausführlich und im Stehen die Finger wundklatschte, würde bestimmt wiederkommen.

Heute Abend (14. Dezember 2015), 19.30 stehen in der Peterskirche die Kantaten vier bis sechs von Bachs Weihnachtsoratorium auf dem Programm. Universitätsmusikdirektor David Timm dirigiert den Leipziger Universitätschor und das ebenfalls historische Instrumente bedienende Pauliner Barockensemble. Restkarten (13 / 8 Euro) gibt’s noch an der Abendkasse.

Von Peter Korfmacher

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