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Philip Glass’ „Aguas da Amazonia“ in der Schaubühne

MDR-Masken-Festival Philip Glass’ „Aguas da Amazonia“ in der Schaubühne

Uraufführung beim MDR-Masken-Festival in der Schaubühne Lindenfels: Kristjan Järvi dirigiert Charles Colemans Orchesterfassung von Philip Glass’ „Aguas da Amazonia“ in der Schaubühne

Philip Glass

Quelle: dpa

Leipzig. Immer wenn es droht, zu schön zu werden, bricht Philip Glass kurzerhand ab. Mitten in der dynamischen Steigerung, die Harmonik noch im funktionalen Niemandsland der Auflösung harrend. Ansonsten sorgt das brasilianische Crossover-Ensemble Uakti, dem der populäre Großmeister unter den US-Minimalisten seine „Aguas da Amazonia“ auf den Leib geschrieben hat, mit verblüffenden Perkussions-Klängen, orgelnden Keyboard-Flächen und schmutzig geblasenen oder gestrichenen Solo-Eskapaden dafür, dass die schillernd strömende, gleißend funkelnde zehnsätzigen Suite von 2006 bei aller popmusikalischen Verbindlichkeit weitestgehend kitschfrei bleibt. Ein später Jean-Michel-Jarre-Reflex, bei dem auf weiten Strecken kaum zu unterscheiden ist, welche Klänge handgemacht sind und welche elektronisch.

Das ist anders in Charles Colemans Einrichtung für ziemlich großes Orchester, die Kristjan Järvi und sein MDR-Sinfonieorchester da am Dienstagabend als Teil ihres Masken-Festivals in der gestopft vollen Schaubühne im Lindenfels der über alle Maßen geneigten Öffentlichkeit vorstellen. Denn im brokatenen Orchester-Gewand verwandelt dieses schwül flirrende südamerikanische Gewässersystem seinen Charakter doch recht grundlegend. Zumal Coleman dem Ganzen einen allzu plüschigen postromantischen Blechbläser-Doppelpunkt voranstellt, den er aus dem Ende des „Tiquiê River“ generierte.

Doch bald entwickelt sich auch in dieser Version der Zauber, der aus der saugenden Dynamik scheinbarer Ereignisarmut entsteht. Und wie Coleman den spröden Charme der dreifachen Schnabelflöte auf strangulierte Einwürfe von Horn und Trompete überträgt, das ist wirklich gut gemacht. Überhaupt gelingt ihm die Übertragung der herben Kompaktheit des Uakti-Klangs aufs große Orchester erstaunlich gut. Und für den Rest sorgt Kristjan Järvi am Pult, der ohne Posen auskommt und als solider Taktgeber die ganze Angelegenheit souverän durch alle Taktwechsel und Stromschnellen im Fluss hält.

Allerdings sind seine Proben-Bemühungen offenhörlich auf weiten Strecken an der Oberfläche geblieben: Die Balance zwischen den fabelhaften Perkussionisten hinten, den bisweilen etwas irritierten Streichern vorn und den erstklassigen Bläsern dazwischen trägt nicht immer den strukturellen Bedürfnissen der Partitur Rechnung – und der nicht unproblematischen Orchesterakustik im herrlichen Saal der Schaubühne schon gar nicht.

Aber die „Aguas da Amazonia“ funktionieren auch ohne letzte Präzision in Zusammenspiel und Farbmischung. Weil es im Mahlstrom der Patterns und der floskelhaften Einwürfe, der Pop- und Rock-Reflexe kein Entrinnen gibt. Und so spielt die Frage, ob Amazoniens Gewässer ohne Orchester-Maske nicht vielleicht doch lebendigere Biotope sind, am Ende nur noch eine allenfalls akademische Rolle. Die Begeisterung im Saal für diese gute Stunde angewandten Crossovers ist jedenfalls schrankenlos. Und zur Zugabe gelingt Järvi sogar das Kunststück, Glass’ wirkungssicheren Minimalismus zum brodelnden Urwald-Bolero aufzublasen.

Von Peter Korfmacher

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