Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Pierre Boulez, der Chef-Organisator der Moderne, ist tot

Lichtgestalt der Neuen Musik Pierre Boulez, der Chef-Organisator der Moderne, ist tot

Der Komponist und Dirigent Pierre Boulez ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Er starb am Dienstagabend in Baden-Baden, wo er mit seiner Familie gelebt hatte. Der am 26. März 1925 geborene Franzose war einer der bedeutendsten Vertreter der musikalischen Avantgarde.

Baden-Baden. Serielle Musik lag nach dem Zweiten Weltkrieg in der Luft. Als logische Fortführung von Schönbergs Zwölftontechnik und ihrer Lesart durch seinen Schüler Anton Webern war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommen würde, die Reihentechnik auszudehnen auf andere Parameter der Musik, auf Rhythmus und Klangfarbe, auf Dynamik und sogar die Form.

Drei Lichtgestalten der Avantgarde verhalfen diesem Denken zum Durchbruch, ein Deutscher, zwei Franzosen: Olivier Messiaen (1908–1992) legte 1949 mit dem Klavierstück „Mode de valeurs et d’intensités“ die Fundamente. Karlheinz Stockhausen (1928–2007) zeigte mit den „Kontrapunkten“ für zehn Instrumente 1952/53, wie wandelbar die auf den ersten Blick so rigorose Kompositionstechnik war. Und Pierre Boulez formulierte im Vorwort seiner „Structures“ 1951/52 bereits in aller Knappheit ihr Credo: Für ihn war „das dringendste Gebot die Einheit aller Sprachelemente – zusammengeronnen im Schmelztiegel einer gleichen Organisation; die Organisation sollte verantwortlich sein für Existenz, Entwicklung und die Wechselbeziehungen der Sprachelemente.“ Am Dienstagabend ist Pierre Boulez, der letzte der Granden europäischer Nachkriegsavantgarde, in seinem Haus in Baden-Baden gestorben. Er wurde 90 Jahre alt.

Es klingt hermetisch, kalt, abweisend, das Glaubensbekenntnis von der allmächtigen Organisation, die Boulez, sein Vordenker und sein Mitstreiter da in Klänge und Gedanken gossen – in klarer Abgrenzung zur Musik vor 1900, die vor allem Boulez lange Zeit nicht geheuer war in ihrer emotionalen Wucherung. Tatsächlich ist der Vorwurf nicht von der Hand zu weisen, dass serielle Musik, die alles aus einer Reihe zu entwickeln versucht, die den zwölf Tönen zwölf Dauern, zwölf Farben, zwölf Lautstärken und so weiter zuordnet, mit verantwortlich sei für die nachhaltige Entfremdung zwischen Neuer Musik und Publikum. Doch ist dies bei Lichte besehen eher ein Problem der Epigonen, der Heerscharen von Schülern und Jüngern, die seit den frühen 50ern die Darmstädter Ferienkurse für Musik, bei denen Boulez zu den wichtigsten Protagonisten zählte, nicht als Laboratorium der Moderne verstanden, sondern als obersten Gerichtshof.

Und während die sich im Ozean der neuen Töne an die rettende Planke des Seriellen klammerten und es zum Teil noch heute tun, waren die Erfinder längst zu neuen Ufern aufgebrochen, hatten Stockhausen und Boulez auf dem Umweg über die Elektronik wieder zu einem schöpferischen Selbstbewusstsein gefunden, das bei aller Klarheit, Strenge und Andersartigkeit Schönheit durchaus zuließ. Ohnehin hatte Boulez die Herrschaft über seine Werke nie an die Mathematik übergeben. Das beweist allein der Umstand, dass er bis zuletzt die Hand an sein überschaubares Schaffen legte, keines seiner Werke je als wirklich abgeschlossen betrachtete.

Dennoch blieb Boulez der Organisation treu, im wörtlichen Sinne. Denn über Jahrzehnte lief im französischen Musikleben nichts ohne ihn. Ohne seine Billigung bekam kein Kollege in Paris einen Fuß auf den Boden, und als Herrscher des IRCAM, des Pariser Instituts für akustisch-musikalische Forschung & Koordination, dem er von der Gründung 1971 bis 1992 vorstand, verfügte er zwischenzeitlich über zwei Drittel des gesamten französischen Fördermittel für Neue Musik. Aber es ging ihm nicht um Macht, nicht um Ämter, Titel, um sich selbst. Wenn Pierre Boulez mit seiner und um seine Musik rang, dann rang er mit und um die Musik an und für sich. Und wie die letzte Konsequenz des Seriellen hatte er viele seiner Ansichten längst revidiert, als die Adepten sie noch wacker nachplapperten.

Berühmt geworden ist seine Forderung, man müsse alle Opernhäuser in die Luft sprengen. Immer wieder ist ihm diese Provokation aus den 60ern aufs Butterbrot gestrichen worden. Vor allem, weil er wenig später als Dirigent selbst zum Exponenten des Musiklebens wurde, das er zuvor noch so lautstark bekämpft hatte: 1967 bis 1972 war er Gastdirigent beim Cleveland Orchestra, 1971 bis 1975 leitete er das BBC Symphony Orchestra, 1971 bis 1977 war er als Nachfolger Leonard Bernsteins Chef des New York Philharmonic Orchestra, und von 1976 bis 1980 stand er als Dirigent des berühmten Jahrhundert-Rings und 2004 beim Schlingensief-Parsifal sogar auf dem Grünen Hügel in Bayreuth am Pult.

Aber auch hier war er bei näherem Hinsehen kein Umfaller, das war er nie. Er versuchte vielmehr, den Musikbetrieb von innen heraus zu verändern, machte sich, wie manche der politischen Revolutionäre dieser Zeit, auf den langen Weg durch die Instanzen, der für ihn Dank seiner phänomenalen Fähigkeiten, seines unbestechlichen Gehörs, seiner maschinenhaft präzisen Zeichengebung nicht sehr beschwerlich war.

Zum Dirigieren war er gekommen, weil er es leid war, Musiker stöhnen zu hören, seine Musik und die anderer Zeitgenossen sei unspielbar. Also scharte er im Ensemble intercontemporain Musiker um sich, die nicht jammerten, sondern arbeiteten. So lange, bis das klingende Ergebnis mit dem in der Partitur verbrieften Komponistenwillen übereinstimmte. Diese so uneitle wie unerbittliche Organisation der Musik kam in der Folge auch älteren Komponisten zu Gute: Wenn Boulez Mahler dirigierte oder Debussy, Ravel oder Bartók, Strawinsky oder Schönberg und natürlich Webern, dann förderte er Unerhörtes zutage. Was auch für Wagner galt, dessen Fähigkeit, lange Zeiträume zu füllen, zu gliedern, zu strukturieren, ihn immer schon beeindruckt hatte.

Dieser Weg war dem am 26. März 1926 in Montbrison an der Loire als Sohn eines Stahlfabrikanten Geborenen keineswegs in die Wiege gelegt worden. Aufs Komponieren hatte er sich überhaupt nur verlegt, weil er bei der Aufnahmeprüfung als Pianist am Conservatoire in Paris „wegen Unfähigkeit“ abgelehnt worden war. Doch derlei Rückschläge waren für den feinsinnigen, eleganten, geistreichen, durch und durch aufgeklärten Franzosen nie Grund zum Lamentieren, sondern, da war er ganz Preuße, zum Arbeiten.

Oder: zum Organisieren. Und so hat er wie die Musik auch sein langes Leben in ihrem Dienst akribisch organisiert. Mit den Mittelpunkten Deutschland, wo er in den 50ern seinen Durchbruch erlebte, und Frankreich, wo er die Ernte einfuhr. In Paris, wo die Fäden der Macht bei ihm zusammenliefen, und in Baden-Baden, wohin er sich immer wieder zurückzog, wenn es ihm an der Seine zu hektisch wurde. Und wo er nun gestorben ist.

Von PETER KORFMACHER

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr