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Pierrot des Schreckens – zum 90. Geburtstag von Edgar Hilsenrath

Deutsch-jüdischer Autor Pierrot des Schreckens – zum 90. Geburtstag von Edgar Hilsenrath

Seine Erinnerungen an Leipzig sind schön und traurig: Am Samstag wird der deutsch-jüdische Schriftsteller Edgar Hilsenrath 90. Sein Debüt-Buch „Nacht“ (1954), ein erbarmungsloser Bericht über den Überlebenskampf Verlorener, führt ins Ghetto, das er selbst ertragen musste. Heinrich Böll attestierte ihm eine „düstere und stille Poesie“.

75. Geburtstag von Edgar Hilsenrath im academixer-Keller gemeinsam mit Bernd-Lutz Lange (l.).

Quelle: LVZ

Leipzig. Edgar Hilsenrath, der bedeutende deutsch-jüdische Dichter, wird am Samstag 90. Geboren wurde er am 2. April 1926 in Leipzig in der Langen Straße am Rande des Grafischen Viertels. In einem Essay für diese Zeitung machte er sich einmal Gedanken über seine einstige Ankunft auf Erden: „Anfangs war die Angst. Eigentlich war’s warm, gemütlich im Schoß der Mutter. Und trotzdem hatte ich Angst, fürchterliche Angst. Es war, als hätte ich schon damals als Embryo gewusst, dass der Augenblick der Geburt zugleich ein Todesurteil ist. Ich klammerte mich an der Nabelschnur meiner Mutter fest, entschlossen, weder zu wachsen, noch mich hinausstoßen zu lassen in diese Welt …“

„Diese Welt“ war zunächst die Kindheit in Leipzig, in seiner „Lieblingsstadt“, in die er zu gern kam, weil seine Eltern mit ihm kurz nach der Geburt nach Halle an der Saale gezogen waren. In Leipzig besuchte er immer wieder die Großeltern, die mit Textilien und mit Obst und Gemüse handelten. Man wohnte in der Funkenburgstraße und in der König-Johann-Straße. Ein Onkel war wohlhabend, er besaß mehrere Schuhgeschäfte und sogar eine Villa am Zoo. Mit dem Bruder, dieser sieben und Edgar zehn Jahre alt, fütterten sie die Tauben auf dem Augustusplatz und kamen auf die Idee, die Eltern, die es sich gerade im Eden-Varieté gut gehen ließen, zu treffen. Vater lachte, als er die beiden sah und spendierte ihnen Torte und heiße Schokolade. Im Jüdischen Theater der Stadt erlebte Edgar manch Aufführung, so auch Erich Kästners „Emil und die Detektive“.

1944 wird sein Cousin nach Auschwitz deportiert

Diese Zeit, diese Familiengeschichten fanden ihr jähes Ende mit der Machtergreifung der Nazis. Als Hilsenrath vor Jahren und schon im Rollstuhl sitzend sein Leipzig wieder mal besuchte, fiel ihm auch das ein: „1944 wurde mein Cousin nach Auschwitz deportiert, was zuvor schon seinem Bruder und seinem Vater widerfahren war. Die Schwester meines Vaters, Klara, wurde zusammen mit ihrem ältesten Sohn Freddy nach Treblinka gebracht und vergast. Onkel Oskar geschah das in Auschwitz. Cousine Margit und ihre Eltern wurden nach Riga deportiert und dort von der SS erschossen. Meine Großeltern wurden nach Theresienstadt verschleppt und ermordet.“

„Mit Leipzig sind schöne und traurige Erinnerungen verbunden“, beschloss Hilsenrath seinen Essay über seine Geburtsstadt. Die war ihm in einem langen Leben lange abhanden gekommen. Vor der Pogromnacht im November 1938 war er mit seiner Mutter und seinem Bruder aus Hitler-Deutschland zu den Verwandten nach Sereth in der Bukowina (Rumänien) geflohen. 1941 wurden die drei ins Ghetto Mogilev-Podolsk (heute Ukraine) deportiert. Als das Ghetto 1944 befreit wurde, kam Hilsenrath erst nach Czernowitz und bald darauf nach Palästina. Ab 1947 lebte er in Frankreich und von 1951 bis 1975 in New York. Erst dann kehrte er nach Deutschland zurück und ist bis heute in Berlin zu Hause. „Ich habe diese Rückkehr nie bereut“, sagte er einmal in einem Gespräch mit dieser Zeitung.

Trotz allem verliebt in die deutsche Sprache

Trotz allem verliebt in die deutsche Sprache, konnte er als Dichter die Diskrepanz zwischen dem gesprochenen englischen und seinem geschriebenen deutschen Wort nicht länger ertragen. Sein Debüt-Buch „Nacht“ (1954), ein erbarmungsloser Bericht über den Überlebenskampf Verlorener, führt ins Ghetto, das er selbst ertragen musste. Einen „Pierrot des Schreckens“ nannte man den Autor, als er 1977 seinen Roman „Der Nazi und der Friseur“ veröffentlichte. Zum Erfolg seines wohl spektakulärsten Buches hatte auch Heinrich Böll beigetragen, der Hilsenraths oft verstörende Sprache als „düstere und stille Poesie“ bezeichnete. In der Slapstick-Satire nimmt ein SS-Mörder nach Kriegsende die Identität eines seiner Opfer an. 1989 erschien dann „Das Märchen vom letzten Gedanken“. Mit dem Roman erinnert der Autor an Völkermord an den Armeniern. Hilsenrath wurde später zum Ehrendoktor der Universität Jerewan ernannt.

Erst in späten Lebensjahren erfuhr dieser Dichter hierzulande endlich jene Ehren, die einem wie ihm zustehen. Es gibt heute sogar eine elfbändige Werkausgabe, die aber nicht von einem der renommierten deutschen Verlage herausgegeben wurde, sondern vom kleinen Dittrich-Verlag. Den gibt es nicht mehr. Die Editionsleistung bleibt.

Von Thomas Mayer

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