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Plattenmusik: Klaviere im Freien zum Spiel für alle bei den ersten Leipziger Tastentagen

Grünau Plattenmusik: Klaviere im Freien zum Spiel für alle bei den ersten Leipziger Tastentagen

Ab Samstag darf man in Grünau neun Tage lang ausgiebig klimpern: Das Soziokulturzentrum Die Villa und das städtische Kulturzentrum Komm-Haus organisieren die ersten „Leipziger Tastentage“ und stellen dafür zehn Klaviere auf den Gehwegen, Grünflächen und Plätzen zwischen Kulkwitzer See und Karl-Heine-Straße auf.

Spontanes Klavierkonzert im Freien: Im Juni hat das Prinzip der Tastentage auf dem Augustusplatz bereits funktioniert.

Quelle: Komm-Haus

Leipzig. Grünau ist zwar Leipzigs bevölkerungsreichster, aber nicht gerade reichster Stadtteil. „Hier hat so gut wie niemand ein Klavier zu Hause – schon wegen der Hellhörigkeit der Blockbauten“, vermutet Patrick Seifried. Von Samstag an darf man im Plattenbau-Viertel dennoch neun Tage lang ausgiebig klimpern: Das Soziokulturzentrum Die Villa und das städtische Kulturzentrum Komm-Haus organisieren die ersten „Leipziger Tastentage“ und stellen dafür bis 10. September zehn Klaviere auf den Gehwegen, Grünflächen und Plätzen zwischen Kulkwitzer See und Karl-Heine-Straße auf.

Seifried kümmert sich als Sozialarbeiter im Auftrag der Villa um soziokulturelle und Integrationsprojekte in Grünau. Seinen Schreibtisch hat er im Komm-Haus – wo wiederum Oliver Kobe mit Kulturveranstaltungen befasst ist. Von einem „niedrigschwelligen Angebot“, spricht Kobe. „Ein Klavier ist ein imposantes Instrument. Aber wir holen es von seinem hohen Podest.“ Die Tastentage sollen die Grenze zwischen Musikern und Zuhörern zum Fließen bringen.

Bei einer Art Generalprobe habe das im Juni bereits recht gut geklappt, berichten die beiden. Bei der Fête de la musique, bei der jährlich in der ganzen Stadt eintrittsfreie Konzerte steigen, haben sie einen Flügel auf einen Hänger geladen und zunächst an der Moritzbastei zum Spielen eingeladen. Dann, auf dem Augustusplatz, tobte sich eine frisch nach Leipzig gezogene Musikstudentin aus, deren Klavier zu dem Zeitpunkt noch in Rostock lagerte. „Und eine Oma baute sich aus ihren Einkäufen eine Sitzgelegenheit und lauschte“, erzählt Kobe. Zu einer großen Piano-Party habe sich das Ganze schließlich auf der Sachsenbrücke im Clara-Zetkin-Park gesteigert. „Je später es wurde, desto mehr trauten sich“, erinnert sich Seifried. „Es war erstaunlich, wie viele Leute da richtig gut spielen konnten.“

Weiße und schwarze Tasten in Grünau

Samstag, 2. September

14 bis 17 Uhr, Grünauer Markt (Stuttgarter Allee 15): Pädagogische Klavier-Spiele
18 Uhr, Grünauer Markt: Eröffnung mit June Cocó

Sonntag, 3. September

14 bis 17 Uhr, Grünauer Markt: Pädagogische Klavier-Spiele
18 Uhr, Grünauer Markt: Konzert mit Sebastian Krumbiegel und Peter Piek
Dienstag, 5. September

9 Uhr, Amphi-Theater (Montessori-Schule, Alte Salzstraße 64): Mitmachkonzert mit Hazel Beh (ausgebucht)
Mittwoch, 6. September

17 Uhr, Amphi-Theater: Bürgersingen der Stiftung Bürger für Leipzig
Donnerstag, 7. September

14.30 Uhr, Komm-Haus (Selliner Straße 17): Gshelka-Singen
Freitag, 8. September

16 Uhr, KiJu Grünau (Heilbronner Straße 16): Jam-Session mit Kids
18 Uhr, Lindenauer Hafen: Konzert mit Schrauben-Yeti & Das Mammut, Emdee, Christian Rusch
Samstag, 9. September

14 bis 17 Uhr, Grünauer Markt: Pädagogische Klavier-Spiele
18 Uhr, Grünauer Markt: Interkulturelle Open Stage
Sonntag, 10. September

11 Uhr, Pauluskirche (Alte Salzstraße 185): Orgel-Schnupperstunden
14 bis 17 Uhr, Grünauer Markt: Pädagogische Klavier-Spiele
15 Uhr, Nachbarschaftsgarten (nahe Alte Salzstraße 133): Abschlusskonzert mit Bernd Reiher

Eintritt immer frei

Die Idee, Klaviere ins Freie zu karren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, haben drei Kanada-Urlauberinnen aus Toronto mitgebracht, wo ein Franchisenehmer alle paar Jahre einen Ableger des weltweiten Klavierfests „Play Me, I’m Yours“ ausrichtet. Bei einem Budget im niederen zweistelligen Bereich – mit Zuschüssen der Sächsischen Kulturstiftung und des Leipziger Kulturamts – stemmen Villa und Komm-Haus ihre Tastentage jedoch ohne die Play-Me-Marke, die ein britischer Künstler gegen eine Gebühr überlässt.

Bei der Beschaffung guter gebrauchter Instrumente zu angemessenen Preisen haben sich die Festivalorganisatoren auf die Leidenschaft und Expertise des Zeitzer Klavierstimmers Daniel Falke verlassen. „Es ist ein Glücksfall, dass er auf uns aufmerksam geworden ist und dabei sein möchte“, sagt Seifried. Aber nicht nur für Falke – offenbar ist es für viele Menschen eine Herzensangelegenheit, in den nächsten Tage in Grünau und angrenzenden Vierteln in die Tasten zu hauen.

Wenige Wochen vor Veröffentlichung ihres zweiten Albums eröffnet June Cocó den Reigen am Samstag auf dem Grünauer Markt am Allee-Center. „Ich hoffe, ihr kommt vorbei und spielt mit uns“, lässt sie per Video ausrichten. Im weiteren Verlauf werden unter anderem Sebastian Krumbiegel, Peter Piek und Bernd Reiher an verschiedenen Standorten zum Spiel erwartet. Auch Seifried selbst, in den 90ern als „Patrick 23“ ein Aushängeschild der Leipziger Hiphop-Szene, erwägt eine Freestyle-Einlage zur Klavierbegleitung von Grünfeuer-Sänger Dario Klimke. „Schraubenyeti“ Martin Lischke rollt sein Instrument auch sonst auf Rollen durch die Lande und spielt mit Vorliebe draußen: Er passt also perfekt zu den Tastentagen. Sein Auftritt am Lindenauer Hafen soll zu einem regelrechten Hafen-Festival ausarten.

Vielleicht auf den Geschmack kommen

Sogar das Gewandhausorchester, das in der neuen Spielzeit ohnehin mehrmals in Grünau gastiert, schickt eine Pianistin zu den Tastentagen: Das Kontingent von Hazel Behs „Zwergenkonzert“ am Montag ist allerdings bereits ausgeschöpft. Ebenso ausgebucht sind mehrere Workshops, die Astrid Wappler und Madlen Sperl – zwei der besagten Kanada-Urlauberinnen – am sogenannten „Basismobil“ am Grünauer Markt geben. Vor allem Kindergartengruppen und Schulklassen aus Grünau haben sich angemeldet, so Seifried. Kurzentschlossenen stehen diese „pädagogischen Klavierspiele“ an beiden Wochenenden ohne Anmeldung offen.

Eine breite Teilnahme ist für die Organisatoren von zentraler Bedeutung. „Die Künstler und Könner stehen nicht im Vordergrund“, betont Seifried. „Unser Ziel ist, dass gerade auch die Tasteninstrument-Unerfahrenen und spontan Interessierten aller Bevölkerungsschichten die Chance erhalten, mit diesem sonst gehobenen Musikinstrument in Berührung zu kommen“, sagt er. „Dass sie sich in Improvisationen austoben und vielleicht sogar auf den Geschmack kommen.“

„Wir wollen die Leute zusammenbringen“, erklärt Kobe. Menschen aus Grünau und aus anderen Stadtteilen, die vielleicht Vorurteile gegen die Platte hegen. „Kein anderes Viertel hat so viel Raum für Fußgänger, keines würde sich besser für die Tastentage eignen“, ergänzt Seifried. Grünau sperrt den Straßenverkehr weitgehend aus – ideale Bedingungen, insbesondere für Familien mit kleinen Kindern.

Identitätsstiftung

Dass Grünau zugleich ein sozialer Brennpunkt ist, muss man den Sozialarbeitern nicht erklären. Der Wachschutz der Wohnungsgenossenschaft Wogetra schaut während der Tastentage nachts nach den abgedeckten Klavieren. Doch Seifried und Kobe haben gute Erfahrungen damit gemacht, das Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühl der Menschen hier zu stärken – Identität zu stiften. Vergangenes Jahr initiierte Kobe im Auftrag der Villa einen Musikvideodreh, „Hello Sun­shine (zwischen den Blocks)“ hieß das Lied, zu dem Neo Kaliske, Susann Großmann und der Rapper Padshah Strophen beitrugen. Die Plattform „Wir sind Grünau“ vernetzt seither Akteure des Viertels, die dazugehörige Facebook-Seite wird rege nachgefragt. Filmemacher Richard Adam, der seinerzeit den Videoclip drehte, wird auch die Tastentage dokumentieren.

Zwar wird es auf absehbare Zeit wohl dabei bleiben, dass „Grünau Leipzigs größter Stadtteil mit dem kleinsten Kulturangebot ist“, wie es Kobe ausdrückt. Aber zumindest in den kommenden neun Tagen dürfte man vor Ort einen anderen Eindruck gewinnen.

Leipziger Tastentage, 2. bis 10. September, täglich ab 9 Uhr, Grünauer Markt, Nachbarschaftsgarten, KiJu, Komm-Haus, Kulkwitzer See (zwei Klaviere), Amphi-Theater, Schönauer Park, Lindenauer Hafen, Karl- Heine-Straße; www.wir-sind-gruenau.de

Von Mathias Wöbking

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