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Politik und Spaß beim Leipziger HGB-Rundgang

Ausstellung Politik und Spaß beim Leipziger HGB-Rundgang

Die Ästhetik hat ihre Unschuld verloren. Das zeigt sich beim diesjährigen Rundgang an der Hochschule für Grafik und Buchkunst mal subtil, mal in Aktionen, mit denen die Studenten deutlich Haltung zeigen.

Trubel beim Rundgang in der HGB. Noch bis Sonntagabend stehen die Türen offen.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein Tag der offenen Tür ist das nicht, der findet in der HGB schon einen Monat früher statt, hauptsächlich für interessierte Studienbewerber. Die Türen stehen trotzdem jedem offen, sowohl am Donnerstagabend bis tief in die Nacht als auch von Freitag bis Sonntag zu besucherfreundlichen Zeiten. Wer kein Rundgangsneuling ist, steht vor der Wahl: Entweder am Donnerstag mit gepolsterten Ellenbogen durchkämpfen oder später in Ruhe genießen.

Jedenfalls war am Tag nach Aschermittwoch nichts von Traurigkeit und Fasten zu spüren, im Gegenteil. Neben Getränken, Speisen wie etwa „Souljanka“, Live-Musik und mehr oder weniger schrägen Aktionen stand die gute Laune im Vordergrund.

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Die Ästhetik hat ihre Unschuld verloren. Das zeigt sich mal subtil, mal in Aktionen, mit denen die Studenten deutlich Haltung zeigen.

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Doch schon im zentralen Oberlichtsaal wird die Stimmung getrübt. Ein roh ummauerter Pfeiler, Relikt einer vorigen Ausstellung, wird zum Hintergrund für eine Ansammlung von Grablichtern und Devotionalien, wie man sie von Orten schrecklicher Ereignisse kennt, arrangiert von Max Richter und Roman Schultze. Zwar ist eine Zeitungs-Schlagzeile über „Straßenterror in Leipzig“ erkennbar. Doch Zigarettenschachteln, ein Hammer und andere Objekte lassen Zweifel daran aufkommen, ob es um das geht, was man beim schnellen Blick zu erkennen vermeint.

Solide, aber kaum aufregend

In der eigentlichen Galerie der HGB sind wieder die Diplomanden des Wintersemesters zu sehen. Solide, aber kaum aufregend. Das mag daran liegen, dass die Studierenden bei den zu verteidigenden Abschlussarbeiten lieber auf Nummer Sicher gehen wollen. Am provokantesten ist noch ein Werk, dass zunächst nur wie ein langweiliger weißer Sockel aussieht. Er diente Regina Magdalena Sebald als Requisite einer Performance, bei der ahnungslose Ausstellungsbesucher über einen unter dem Podest liegenden nackten Menschen liefen.

Quirlig geht es in den oberen Stockwerken zu. Im Festsaal stehen Besucher Schlange, um in einen Kampfjet aus Wellpappe sehen zu dürfen. Mitmach-Aktionen kommen immer gut an. So kann man bei den Typographen für je 5 Cent Aufkleber mit Buchstaben aus ganz verschiedenen Schriften kaufen, um damit eine persönliche Botschaft an die Wand zu bringen.

Nicht zu übersehen ist aber eine Tendenz, die sich schon in vorherigen Ausstellungen abzeichnete. Die Ästhetik hat ihre Unschuld verloren. In Zeiten, wo der Ton rauer wird, entdecken auch Kunststudenten wieder die Politik. Auch wenn im Vorjahr für einen Studenten solch eine Stellungnahme mit der Bekanntschaft mit dem Staatsschutz endete und die Hochschulleitung dabei nicht unbedingt auf Seiten der Kunstfreiheit agierte, lassen sich heute noch weniger junge Künstler davon abhalten, Haltung zu zeigen.

Saubere Arbeit

Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Subtil zum Beispiel in manchen Buchprojekten wie dem Bildband „We call it Disneyland“ über Israel von Josefine Bieler oder einem fetten Wälzer mit aufgelisteten Patenten zu körperbezogenen Patentanmeldungen. Sehr direkt hingegen sind Aktionen wie die von Jan-Helge Aisenbrey und Cajetan Scheliga, die sich an Hilfslieferungen für Flüchtlinge auf der Balkanroute beteiligten.

Gut gemeint muss nicht unbedingt (künstlerisch) gut sein. Die in Leipzig gerade hochkochende Frage des handwerklichen Könnens darf offenbar auch 100 Jahre nach Dada, Malewitsch und Duchamp nicht ignoriert werden. Auch wenn sich manche Nachweise erst im Dachgeschoss finden lassen, ist die gute Nachricht doch, dass an der manchmal als altmodisch verschrieenen HGB das Grundlagenstudium noch eine wichtige Rolle spielt. Nicht nur bei den ohnehin tradierten Medien Malerei und Grafik oder den auf Funktionalität ausgerichteten angewandten Bereichen ist saubere Arbeit zu finden. Auch manche Videos wie „Fata Morgana“ von Alexander Pannier zeugen von einer Beherrschung der technischen Mittel.

Nach einer heißen Februarnacht ist die Party vorbei, der Rundgang geht weiter. Dass sich manche brave Bürger über bekritzelte Wände erregen ist so unwichtig wie Ansammlungen leerer Flaschen. Mehr ins Gewicht fällt, dass manche audiovisuellen Medien abgeschaltet sind oder der Festsaal verschlossen bleibt. Wer also die ganze Fülle zur Kenntnis nehmen will, sollte sich für nächstes Jahr den Eröffnungsabend zum Besuch vormerken und dabei viel Zeit und Gelassenheit mitbringen.

Rundgang: Sa 11–22 Uhr, So 11–20 Uhr, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstraße 11

Von Jens Kassner

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