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Pomp, Gloria und Tragik im Leipziger Rosental

Klassik Airleben Pomp, Gloria und Tragik im Leipziger Rosental

Einmal echt heiß, einmal tropfnass: Klassik Airleben mit Simone Kermes und dem Gewandhausorchester im Rosental. Zu Gast war auch der designierte Gewandhauskappellmeister Andris Nelsons – und hatte im Publikum sichtlich Spaß.

Klassik Airleben im Leipziger Rosental. Am Freitag kamen 25 000 Besucher, am Samstag wurde das Konzert wegen Regens abgebrochen.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Zweimal – am Freitag- und am Samstagabend – begrüßt Gewandhaus-Direktor Andreas Schulz zum Beginn von „Klassik Airleben“ Musiker und Besucher auf der Bühne und dem Rasen des Rosentals. Zweimal freut man sich über den anwesenden designierten Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons im bestuhlten VIP-Bereich, und zweimal bekunden die Front Men vom Hauptsponsor Porsche beseligt: „Wir sind Leipziger und wir mögen dieses Weltklasse-Orchester.“

Doch gerade da, als sich die mit beträchtlichem Party-, Möbel- und Kulinarik-Equipment eingezogenen Gäste im Rosental am zweiten, dem Samstagabend vom angekündigten Regen unbelästigt fühlen: Flatsch! Wie aus Kübeln regnet es unmittelbar in den letzten Ton von Simone Kermes nach dem Höhentorpedo einer Kastratenarie aus Riccardo Broschis „Artaserse“, nach der Eröffnung mit der Eurovisionshymne aus dem Te Deum Marc-Antoine Charpentiers. Alle hatten sich so auf Evergreens von „Star Wars“ bis „Zauberer von Oz“ gefreut, nachdem Simone Kermes am Abend davor mit „My Heart will go on“ und „Summertime!“ alles zum Schmelzen brachte. Stattdessen ein Abmarsch begossener Pudel, die gern erfahren hätten, was „La Primadonna“ noch so alles in petto hat.

Der neue Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons (r) neben Gewandhaus-Direktor Andreas Schulz am Freitag beim „Klassik Airleben“ im Rosental

Der neue Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons (r.) neben Gewandhaus-Direktor Andreas Schulz am Freitag beim „Klassik Airleben“ im Rosental. Foto: Christian Modla

Quelle: Christian Modla

Mitgebracht hatte die gebürtige Leipzigerin Alexander Shelley, den Chefdirigenten der Nürnberger Symphoniker. In seinen Ansagen genießt der gebürtige Brite erste zaghafte Erfolge im hiesigen Dialekt, Simone Kermes hat ihn mit einem Sprachführer „Sächsisch für Anfänger“ ausdrücklich ermutigt.

Am Dirigentenpult ist er allerdings überhaupt kein Anfänger mehr und setzt viele der Vorzüge des Gewandhausorchesters ins beste Licht: Nicht nur, dass er bei einem Open Air wie diesem Hits wie die Ouvertüren zu „Die Fledermaus“ und Verdis „Die Macht des Schicksals“ mit der Präzision einer Salve und höchstmöglichem Streicher-Flauschgrad ausbreitet – zweimal setzt dann das Orchester an zu sonst eher verschütteten Talenten: Rossinis burleske „Barbier von Sevilla“-Ouvertüre ist distinguiert seidenmatt und unterm dafür heikel freiem Himmel wunderbar bläserflockig, Bernsteins „Candide“-Einleitung kommt dank Shelley wie eine Ladung Lava. Nicht ganz so glückvoll gelingt den Damen und Herren des Gewandhausorchesters Gershwins Symphonic Pictures aus „Porgy and Bess“ oder das „Star Wars“-Thema. Für den dafür erforderlichen dynamisch-groben Zugriff sind die Musiker aufgrund der aktuellen Wagner- und Mahler-Schwerpunkte drüben am Augustusplatz nicht ganz so in Schuss, wie man das aus den Blockbustern kennt.

Erstes Leipzig-Konzert nach viel zu langer Zeit

Die orchestralen Intermedien geben „La Primadonna“ Gelegenheit, die Roben zu wechseln. Erst erscheint sie in barockisierendem Grün-Pink, dann in Schwarz-Gelb und zum Finale am Freitag mit ganz viel Silberglitzer zu ihrer vokalen Visitenkarte „Glitter And Be Gay“. Das entspricht in etwa dem Kostüm-Volumen eines Opernbravourparts mit Pomp, Gloria und Tragik. Das Koloraturfeuerwerk passt in die milde Sommernacht, und Simone Kermes hält, was sie für diese Auftritte in Leipzig mehrfach versprochen hat – den ersten seit viel zu langer Zeit.

Das gibt zu denken. Leipzig hat einen internationalen Star, doch warum nur ist diese Frau mit der rassigen Rasanz, deren Marke mit dem etwas überstrapaziertem Attribut „Crazy Queen of Baroque“ nur den marktkonformen Teil ihrer satten Talente markiert, nicht öfter hier? Unvorstellbar wäre zum Beispiel der Verdruss des Staatsopern-Publikums in München, wenn dessen dort geborener Edeltenor Jonas Kaufmann nicht jede Spielzeit mindestens eine seiner aktuellen Paraderollen vorführen würde.

Sopranistin Simone Kermes

Sopranistin Simone Kermes.

Quelle: Christian Modla

Hoffentlich erfährt Opernintendant Ulf Schirmer von seinen Casting-Spionen, dass der Leipziger Belcanto-Stern auch eine Top-Individualität für hier sträflich vernachlässigtes Repertoire hat. Das hört man an „Bel raggio luinghier“ aus Rossinis „Semiramide“, aus der Kermes keine dauer-nobilitierte Ornat-Königin macht – vielmehr zeigt der reifende Sopran die Allüren einer Frau, die unbeleckt von einigen Morden wie ein verwöhntes Gör durchs Leben wandelt. Das ist keine keusche Göttin, sondern eine babylonische Infantin. Koloraturen attackieren wie diamantene Strahlen das Auge, wo man nur sanfte Reflexe aus mildem Kerzenlicht erwartet. Später, aus Verdis Trauer- und Tanzarie auf einem falschen Grab aus „Die Räuber“ und Amalias Freude über die Nachricht, dass ihr Karl lebt: viel mehr als somnambules Entzücken mit Überzuckerung. Das Potenzial zur Anarchistin bricht aus der Überbehüteten, die dem heranrollenden Schicksalsfanal trotzt mit Stimmlauten und körperlichem Nachdruck. Da geizt eine Primadonna nicht mit den ihr zugewachsenen Mitteln und verschleudert sie mit affektiv-motorischer Intelligenz.

Diese Gewalt ist eine erarbeitete, eine Gewalt im Totaleinsatz für ihr Publikum und auch eine Gewalt stellenweise gegen den vermuteten Willen der Komponisten. Simone Kermes macht Schluss mit dem Sopransäuseln, holt die Power der Kastratenkondition hervor und reißt alle mit. Die Beinwürfe rechts-links auf der Rosental-Wiese zum Offenbach-Cancan müssen ja nicht ihre Sache sein ... Auch das händelt sie, auch das gehört zum Handwerkszeug einer echten „Primadonna“. Jetzt weiß Leipzig wieder, warum sie in Berlin und überall in der Welt gefragt ist.

Von Roland H. Dippel

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