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Pop-Poetin Julia Engelmann im Interview: „Ich will immer noch Handstand lernen“

Tour-Stopp im Gewandhaus Pop-Poetin Julia Engelmann im Interview: „Ich will immer noch Handstand lernen“

Julia Engelmann ist 25, eine Art Dichterin und steckt mitten in einer Quarter-Life-Crisis. Im Interview spricht sie über diese, außerdem über die Wirkung ihrer Texte und ein Kindergartentrauma. Im Herbst geht Engelmann mit Texten und Musik auf Tournee.

Julia Engelmann macht im November mit ihrem Programm „Jetzt, Baby, Poesie und Musik“ Halt im Leipziger Gewandhaus.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. „Eines Tages Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können“ – mit diesen Zeilen traf Pop-Poetin vor vier Jahren den Nerv einer Generation. Das Video ihres Auftritts beim Bielefelder Hörsaalslam wurde bis heute mehr als zehn Millionen mal angeschaut. Der unerwartete Erfolg stellte ihr Leben auf den Kopf. Heute singt die 25-Jährige und schreibt Bücher. Im Herbst geht sie mit ihrem Programm „Jetzt, Baby – Poesie und Musik“ auf Tour.

In Ihrem neuen Programm widmen Sie sich dem Thema “Quarter-Life-Crisis” - stecken Sie mit 25 in der Krise?

Ich bin auf jeden Fall in einer Quarter-Life-Crisis. 25 ist schon so ein Alter… Über Nacht hat sich nicht alles verändert, aber es ist für viele eine Phase, in der weichenstellende Entscheidungen getroffen werden.

Vor welchen Weichen stehen Sie?

Das weiß ich selbst nicht und das ist vielleicht die größte Weiche, vor der ich stehe, weil ich nicht genau absehen kann, was für mich wichtig wird. Das macht die Verwirrung noch größer. Vielleicht stehe ich vor allem vor der Weiche, was ich mit meinen Gedanken anfange. Mit meiner Weltanschauung und meiner gedanklichen Freiheit steht und fällt alles.

In Ihrem aktuellen Lied-Gedicht “Grapefruit” geht es um die depressionsartige Krise eines jungen Menschen. Warum beschäftigt Sie dieses Thema?

Ich habe den Text geschrieben, weil ich auf einer WG-Party jemandem gegenüber saß, der super traurig war und ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Mir fällt aber viel dazu ein. Ich finde nicht, dass irgendjemand so traurig sein sollte. Natürlich gibt es traurige Dinge auf dieser Welt, ich bin auch manchmal traurig. Daran gibt es nichts Verwerfliches. Vieles ist aber eine Frage der Haltung und dessen, was ich aus meinem Leben mache. Ich glaube nicht, dass es den Leuten früher besser ging. Goethe und der junge Werther hatten auch Schwierigkeiten, genau wie Nietzsche und Sokrates. Wir haben heutzutage den Luxus, mehr darüber nachdenken zu können und darüber zu sprechen ist kein Tabu mehr.

Und wie geht es Ihnen persönlich?

Ich selbst lebe sehr reizüberflutet, voller Optionen und Möglichkeiten. Für alles, was ich mache, muss ich irgendwas verpassen. Es gibt sehr viele Leben, die ich leben könnte und ich glaube daher rühren Werte und Fragen. Glück wird manchmal missverstanden - wenn möglichst viele Leute auf Facebook schreiben oder wenn ich mir etwas tolles kaufen kann. Für mich ist es das nicht. Ich will mich meiner eigenen Freiheit bedienen, auf mein Herz hören und ein guter Mensch sein.

Sind Ihre Texte also eine Art Selbsttherapie?

Therapie ist ein großes Wort. Ich finde, dass es etwas Reinigendes ist, wodurch ich mich selber besser kennenlerne. Sich in irgend einer Form auszudrücken, tut jedem gut - ob man ein Instrument spielt, Sport treibt, häkelt, meine Oma malt Aquarellbilder und ich schreibe eben gerne.

Glauben Sie, Sie können mit Ihren Texten auch andern Menschen helfen?

Ich würde niemals behaupten, dass ich ein Heilmittel durch einen Gedanken gefunden habe. Bei keinem meiner Gedichte kann ich bestimmen, wie es andere aufnehmen und was sie daraus machen. Ludwig Wittgenstein hat mal gesagt “Sprache schafft Wirklichkeit”. Wenn ich oft denke, dass ich schrecklich bin und mein Leben furchtbar ist, wird das irgendwann Realität. Ich entscheide mich dafür zu gucken, bis wohin meine Selbstwirksamkeit geht.

Vor vier Jahren wurden Sie zum viralen Internet-Hit. Was hat die Aufmerksamkeit mit Ihnen gemacht?

Es war eine riesige Überraschung. Im Nachhinein hat das ganz viel in meinem Leben verändert – vor allem meinen Beruf. Ich bin jetzt eine Art Dichterin geworden, gehe nicht mehr zu Uni und habe noch mehr Zeit, kreativ zu sein. In der Grundschule fragen die Lehrer nicht danach, wer Dichterin werden möchte – das war eigentlich gar keine Option.

Ist das Internet für Sie also mehr Segen als Fluch?

Wenn ich am Bahnhof jemanden beleidige, kommt im Idealfall die Polizei und sagt “Stop!” – das ist im Internet noch nicht so. Da muss noch einiges getan werden. Natürlich gibt es, wenn man viele Likes bekommt, Botenstoffe im Gehirn, die wie ein Belohnungssystem funktionieren. Die werden aber genauso über Spielsucht, Drogen und Essen freigesetzt. Deswegen gebe ich nicht dem Internet die Schuld, sondern der Tatsache, dass man als Mensch manchmal den Weg der geringsten Widerstands geht, um sich gut zu fühlen. Für mich ist das Internet eine Chance. Ich nutze zum Beispiel sehr gerne Instagram und schaue mir dort Bilder an, die mich inspirieren.

Was inspiriert Sie noch?

Fragen, die ich habe. Dinge, von denen ich denke “Oh Gott, warum habe ich das (nicht) gesagt?”, Gespräche mit anderen Menschen, Musik, Bücher und Wünsche. Der Urmotor ist die Frage danach, was mich zu einem guten Menschen und mein Leben zu einem schönen macht. Was mich beschäftigt ist, ob ich mich jemals so frei benehmen kann, wie ich mich fühle. Und das ist noch work in progress.

Ihre Tour zählt 35 Stopps, Sie sind fast jeden Tag in einer anderen Stadt. Wo bleibt da noch Platz für Poesie?

Platz für Poesie ist überall. Das ist etwas, was in meinem Kopf stattfindet und ich gar nicht zu Hause lassen kann. Auch, wenn ich in einem Auto oder einer anderen Stadt sitze, kann ich mindestens ein Buch und Menschen die ich mag mitnehmen.

Welche Geschichten möchten Sie gerne noch erleben, um davon zu erzählen?

Ich will immer noch Handstand lernen. Ich kann bis jetzt nur einen schlechten Kopfstand. Das ist ein Grundschultrauma, das ich noch überwinden möchte. An der Umsetzung meiner eigenen Freiheit zu arbeiten wäre phänomenal. Ich möchte möglichst viel Glück empfinden durch nachhaltige Dinge.

Julia Engelmann auf Tournee mit „Jetzt, Baby – Poesie und Musik“ – Stopp in Leipzig ist am 9. November im Gewandhaus; Beginn um 20 Uhr. Informationen und Tickets für die Show gibt es ab 29,93 Euro im Internet auf der Seite www.ticketgalerie.de sowie telefonisch unter der Bestellhotline 0800 218 1050, außerdem allen Geschäftsstellen der LVZ.

Von André Pitz

Augustusplatz 8, Leipzig 51.3378179 12.3804377
Augustusplatz 8, Leipzig
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