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Potenzial verschenkt: Ärgerliche Premiere von „Remains. Eine Rede“

Cammerspiele Potenzial verschenkt: Ärgerliche Premiere von „Remains. Eine Rede“

Schon das reale Ereignis aus dem Jahr 2011 ist entlarvendes Theater: Die damalige Staatsministerin Cornelia Pieper (FDP) vertritt in der Charité höchst ungeschickt die Bundesrepublik, als diese 20 Totenschädel aus kolonialen Zeiten an Namibia zurückgibt. Nur ist der Gruppe „anne&ich“ in den Cammerspielen leider nicht gelungen, das Potenzial dieser Steilvorlage zu nutzen.

Staatstragend: Michaela Maxi Schulz in den Cammerspielen als Staatsministerin Cornelia Pieper

Quelle: André Kempner

Leipzig. Staatsministerin Pieper, 20 afrikanische Totenschädel und die „historische und moralische Verantwortung“. Am Mittwoch hatte in den Cammerspielen mit „Remains. Eine Rede“ eine Inszenierung Premiere (Regie: Anton Kurt Krause), die ein Szenario aus den Untiefen dessen, was man gemeinhin „politische Kultur“ nennen könnte, noch einmal für die Bühne aufbereitet.

Es war 2011, als Cornelia Pieper (FDP) in der Charité vor einer hochrangingen namibischen Delegation eine Rede hielt (auf der Seite des Auswärtigen Amtes ist sie nachzulesen), die unter rhetorischen Aspekten erst einmal kaum mehr ist als ein Exempel politischen Phrasen-Patchworks. Anders gesagt: nichts Ungewöhnliches also.

Nur, dass im konkreten Fall das leere Hallen des Substanzlosen ein Echo verursachte, auf das Pieper erst konsterniert, dann gereizt reagierte und das in Folge zum Eklat, zur politischen Blamage geriet. Galt es doch 20 namibische Totenschädel, die zu Kolonialzeiten aus dem damaligen, sogenannten „Deutsch Südwestafrika“ zwecks „rassenanatomischer Untersuchungen“ in die Charité gebracht worden waren, nach mehr als 100 Jahren zurückzugeben. Und das, so die Hoffnung der afrikanischen Anwesenden, mit einem deutschen Bekenntnis, einer Entschuldigung auch von offiziell politischer Seite.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen ein sich peinlich windendes Vermeiden klarer Worte (Völkermord, Verantwortung, Entschuldigung, Entschädigung) in einer monoton vom Blatt abgelesenen Rede, die Pieper als Einzige auf dieser Veranstaltung in Deutsch hält. Eine Dramaturgie der Peinlichkeit, die sich – unter theatralen Aspekten betrachtet – effektvoll steigert in den Pausen, in denen das Vorgelesene ins Englische übersetzt werden muss.

Eine Grobkarikatur ununterbrochenen Chargierens

Um bei „Remains. Eine Rede“ zu sein. Eine Inszenierung, die, um nicht drum herum zu reden, alles verschenkt, was die Vorlage fraglos an Möglichkeiten bietet. Für eine Sprachkritik des Politischen genauso wie für ein Analysieren jener Rudimente des Kolonialistischen, die sich nicht zuletzt auch in einem eklatanten Mangel an Empathie gegenüber den einstigen Kolonialisierten artikuliert. Und die vielleicht auch noch in einem Selbst – und das gerade wider aller Selbstwahrnehmung – erspürbar sind.

Was natürlich voraussetzt, dass man erstens zur Selbstbefragung willens und fähig ist. Und zweitens generell inszenatorisch tiefer gräbt, als es mit dem Plastikschüppchen des kabarettistischen Sandkasten-Buddelns möglich ist.

Genau das vor allem bietet dann aber „Remains“. Michaela Maxi Schulz gibt die Ministerin am Rande des Nervenzusammenbruchs. Eine Grobkarikatur ununterbrochenen Chargierens, der das kleine Fähnchen Namibias auf dem Pult ständig im Weg steht und die die große Schwarz-Rot-Gold-Flagge in großer Geste schwenkt.

Möglich, dass derlei „entlarvend“ gemeint ist und mithin witzig sein soll. Vor allem aber ist es erst einmal selbstgerecht, weil weit entfernt von jedweder Vertiefung und kritischen Selbstbefragung sowieso. Und was die handwerklichen Aspekte dieser Inszenierung angeht, ist dann tatsächlich der eigentliche Witz, dass das bessere – auch im Sinne eines aufklärerischen Effektes eben entlarvende – Theater damals in der Charité stattfand.

„Remains. Eine Rede“, weitere Vorstellungen Donnerstag, Freitag und Samstag, je 20 Uhr, Cammerspiele (Kochstraße 132), Eintritt 10/6 Euro

Von Steffen Georgi

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