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Prekäre Stadt: In „Cash“ rückt Richard Price die Straßen New Yorks ins Zentrum

Prekäre Stadt: In „Cash“ rückt Richard Price die Straßen New Yorks ins Zentrum

Richard Price weiß, wie es auf New Yorks Straßen zugeht und er weiß auch, wie dort gesprochen wird. Die Authentizität der Dialoge hat in den USA Begeisterung ausgelöst.

Leipzig. In seinem großen Gesellschaftsroman „Cash“, der im Original „Lush life“ heißt, führt Price in die Lower East Side und auf die Schattenseiten des Überlebens.

Gewalt ist nichts Spektakuläres in dieser Gegend. Es scheint nicht schwer, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, hier, wo man sich nicht wehrt, nicht diskutiert, wo man macht, was gesagt wird, die Sache vergisst und seiner Wege geht. Als Eric, Ike und Steven von einer Sauftour heimwärts steuern, treten ihnen zwei „Kiezratten“ aus der Sozialbausiedlungen in den Weg, verlangen Geld und bekommen die falsche Antwort. Dann liegt Ike tot auf der Straße. „Heute nicht, mein Freund“, waren seine letzten Worte.

In dieser Ecke Manhattans kann jedem alles zugetraut werden. Schnell gerät Eric Cash unter Mordverdacht, denn kein Zeuge will die beiden Typen gesehen haben, die angeblich nach dem Schuss davonliefen. Und Steven war zu betrunken, um sich an Details erinnern zu können. Die Leser sind von Anfang an dabei, sie kennen die Täter und schauen nun den Detectives dabei zu, wie sie falschen Fährten folgen, sich in Vermutungen verrennen: „Drei Betrunkene auf nächtlicher Souftour, der mit den Minderwertigkeitskomplexen ist bewaffnet.“ Dabei wechselt Price die Perspektive, folgt den Spuren der Opfer, Täter, Ermittler durch ihre „präkere Stadt“.

Porträt einer Stadt, in deren Silhouette ein Loch schmerzt

In unerfüllter Sehnsucht nach eigenen Meriten arbeitet Eric, „jüdischer Upstate New Yorker“, seit einigen Jahren als Geschäftsführer im Szene-Lokal Berkmann, dem Flagschiff des Wir-sind-dabei. „Was ihn an dieser Gegend allerdings wirklich packte, war nicht ihre nostalgische Ironie, sondern ihr Jetzt, ihr unbedingtes Hier und Jetzt, das ihn im Innersten antrieb, ein Verlangen, es zu schaffen, das durch seine vollkommene Ahnungslosigkeit, wie dieses ,Es‘ auszusehen hatte, um ein Vielfaches verschärft wurde.“ Der erfolglose Autor, verlassene Freund treibt durch die Nächte. Price beschreibt ihn als einen Mittdreißiger mit mürrischen Tränensäcken und einem gleichgültigen Körperbau. Nicht zu beneiden.

Auch mit dem in Aussichtslosigkeit erschöpften Detective Matty Clarc möchte man nicht tauschen. Der rotblonde Ire mit „kantigem Kinn und der Figur eines Alternden Highschool-Fullbacks“, einer, der in der Regel „kein großes Bedürfnis verspürte, seine Gedanken zu verbalisieren“, muss sich nebenher mit dealenden Söhnen herumschlagen. Er und seine Kollegin Yolanda gehören zu jenen Polizisten, die jeden verdammten Ladenbesitzer und angestammten Dealer in ihrem Revier kennen. Doch Little Dap und Tristan kannten sie nicht, und es ist am Ende beinahe banal, wie ihnen die beiden Straßengangster ins Netz gehen.

Doch Price kreist nur um das Lösen eines Kriminalfalls, im Zentrum steht das pralle Leben, das Porträt einer Stadt, in deren Silhouette ein Loch schmerzt:  New York nach dem 11. September 2001.

Scharfe Kontraste, präzise Figuren

In der Lower East Side leben Chinesen  neben Puerto-Ricanern, aschkenasisch-jemenitische Israelis neben Iren. Daraus erwächst eine Weisheit der Straße, ein Panorama der Armut, es wirkt, als sei das Überleben hier überhaupt das Schwierigste. In gewisser Weise ist es das auch für Billy, den Vater des toten Ike, der inzwischen auf eigene Faust ermittelt.

Price rückt die privaten Probleme der Menschen in den Vordergrund, deren Ironie jederzeit in Zynismus umschlagen kann. Dass er ihnen ihre Sprache abgelauscht hat, in der sich Gnadenlosigkeit und Gewalt spiegeln, die knapp und zielführend ist und in jenem vielgelobten Jargon mündet – von Miriam Mandelkow adäquat übersetzt. „Kein Wunder arbeiten Sie als Kellner“, sagt Matty. Oder: „Im Moment geht mir das ziemlich am Arsch vorbei, weil solange es sich in der Glotze hält, in den Zeitungen? Können sie nicht so tun, als wäre es nie passiert.“

Neue Wörter tauchen auf: „Kinngrübeln“. Oder „Rammlathon“. Überzeugend sind die Beschreibungen: „Auf einmal war er so müde, dass er sein Doppelkinn wachsen fühlte.“ Am meisten aber reißen die ohnehin dominierenden Dialoge mit: „Woher kennen Sie T.S. Eliot?“ – „Die Affen, die mich aufgezogen haben, waren erstaunlich intelligent.“

Das Buch lebt von den genau gezeichneten Figuren wie auch von der Schärfe der Kontraste: hier die Kinder in der schmuddeligen Hochhaussiedlung – da die hippen Neu-Bewohner, die scheinbar alle im selben Kreativcamp waren. Ein Panorama des Hier und Jetzt, ein ruppiger Gesellschaftsroman aus einer wenig gemütlichen Mitte, das oft nahe geht – und dann wieder fremd bleibt.

Richard Price: Cash. Roman. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow. S. Fischer Verlag; 525 Seiten, 19,95 Euro

Janina Fleischer

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