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Premiere im Spiegelzelt auf dem Leuschnerplatz: 15 Jahre „Gans ganz anders“

Die Mutter aller Dinnershows Premiere im Spiegelzelt auf dem Leuschnerplatz: 15 Jahre „Gans ganz anders“

Leipzigs erste Dinnershow feiert 15. Geburtstag: Seit Donnerstag und noch bis einschließlich Silvester lädt das Team des Krystallpalast-Varietés auf den Leuschnerplatz, um im größtem Spiegelzelt der Welt die „Gans ganz anders“ zu erleben.

Duett-Duell zu sechst: Ron Holzschuh, Simone Cohn-Vossen, Matthias Stein, Raschid D. Sigdi, Armin Zarbock und Nadine Hammer.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Nein, eigentlich ist ein 15. Geburtstag kein Jubiläum, es ist nicht einmal ein runder. Und doch kann man es Krystallpalast-Chef Rüdiger Pusch nicht verdenken, wenn er den 15. der „Gans ganz anders“ etwas größer feiert. Schließlich ist seine Dinnershow die höchst erfolgreiche Mutter aller Dinnershows in Leipzig – und die aktuelle, gestern Abend feierte sie ausverkaufte Premiere auf dem Leuschnerplatz, überdies seine letzte. Denn im kommenden Jahr will Pusch das Leipziger Varieté-Zepter weiterreichen.

Also ist bei der 2016er Gans wirklich alles ganz anders – abgesehen von der Gans selbst, die ganz klassisch (dezent glasiert, mit Apfel-Blaukraut und gebackenen Kartoffelklößen) auf die vielen kommt, auf den Punkt gegart und auf durchaus gehobenem Wirtshaus-Niveau.

Ansonsten aber ist diesmal alles mindestens eine Nummer größer. Die grandiose und aus gegebenem Anlass sechsköpfige Band um Michael Hinze peppen Saxophon respektive Klarinette sowie Trompete und Posaune auf. Und das Spiegelzelt selbst ist gar das größte der Welt. Auf zwei Etagen bietet es knapp 500 recht großzügig gesetzten Gästen Platz – und deren exaltierte Ahs und Ohs beim Entrée zeigen eindrucksvoll, dass die Atmosphäre dieses temporären Palastes der gehobenen Unterhaltung einen nicht geringen Teil dazu beiträgt, aus den rund dreieinhalb Stunden dieser Show in vier Gängen und vier Akten nebst Prolog einen rundum gelungenen Abend zu machen.

Auf exotische Szenarien hat Regisseur Volker heuer diesmal verzichtet: Kein Wild-West-Trash also und keine transsilvanischen Blutsauger. Stattdessen feiert der dünne, aber hinreichend stabile Handlungsfaden die Veranstaltung selbst: Herbert von Cremefeld (Armin Zarbock) nebst angetrauter Anna Karenina (Simone Cohn-Vossen) und der sattsam bekannte Traditions-Anhang (Matthias Stein als Chefkoch Lord Stone, Raschid D. Sigdi als Faktotum Machmut Schmidt) sowie die singenden Stargäste Nadine Hammer und Ron Holzschuh bitten zur Gala und spreizen und beharken sich dabei so prall klischeekomisch wie in den letzten Jahren. Nur dass sie jetzt eben Smoking und Abendkleid tragen, was allen Beteiligten ausnehmend gut steht.

Nicht so ausnehmend gut steht dem auch 2016 wieder wunderbaren Zarbock das schrille Agnetha-Leibchen, in das er sich gezwängt hat, um an Anni-Frid Hammers Seite mit einem Abba-Medley gegen Cohn-Vossen und Holzschuh auf Musical-Pfaden im Duett-Duell zu bestehen. Das Rennen machen am Ende aber Stein und Sidgi mit ihrer hinreißend albernen Albano-und-Romina-Power-Parodie.

Dabei wird nicht nur von den professionellen Gästen fabelhaft gesungen – und weil auch die Gala-Goggos Angelina Arnold, Kora Lang, Ulrike und Tamara Michaelis sowohl steppend und tanzend als auch vokal eine gute Figur machen, ist es schön, dass die Live-Musik in der anderen Gans des Jahrgangs 2016 eine noch größere Rolle spielt als bisher.

Ob es zur unbeschwerten Dinner-Kurzweil noch der umfänglichen Video-Zuspielungen auf der Suche nach den Lieblingsmitarbeitern bedurft hätte, fällt in die breite Kategorie Geschmacksache. Aber sie stören auch nicht weiter, weil knallbunter Gala-Bilderbogen gekonnt ausbalanciert wird durch ausnahmslos exzellente Akrobaten.

Da springen, quirlen und winden sich die drei „Jump Ropes“ aus der Ukraine so rasant und selbstverständlich, so kompliziert und locker, dabei so kunstvoll choreographiert durch ihre fluoreszierenden Springseile, dass das Auge bisweilen nicht mehr mitkommt. Da schlägt Nacho Ricci aus Argentinien am Vertikalseil ungeheuer kraftvoll und elegant seine riskanten Volten. Da schweben Beth und Martin aus Großbritannien in poetischer Vertrautheit an den Strapaten, bringt Hans Krüger aus Berlin mit hemmungsbefreitem Holzhammer-Humor und sensationell durchgeknalltem Saalfeuerwerk aus Zollstöcken das Zelt zum Toben.

Gut ist das alles, sogar sehr gut – mindestens. Dennoch stiehlt all diesen Acts Banquinbar die Schau. In der letzten Newcomershow räumten die Sechs aus Kolumbien bereits ab, und auch hier stockt manch einem wieder der Atem. Die Präzision, mit der da Menschen durch die Luft wirbeln und sicher wieder auf Händen landen nach zahlfreichen Drehungen und Wendungen, nach Luftpirouetten und vielfachen Salti, ist schon nichts für schwache Nerven. Doch erst der lässige Lausbubencharme, mit dem die Sechs hier die Grenzen des Möglichen ausloten, macht diese Nummer einzigartig.

Im Menü kommt die Aufgabe des Höhepunktes diesmal dem Finale zu. Nach einem gekonnten Wildkräutersalat mit Limonen-Seitling und Roastbeef-Streifen, dem die mit Fensterkitt-Käse zusammengehaltenen gebackenen Schwarzwurzeln allerdings nicht nennenswert aufhelfen, einer sensationell aromatischen Tomatensuppe und der gediegen zubereiteten, aber etwas nachlässig angerichteten Gans lässt das Dessert die Geschmacksknospen explodieren: Lebkuchen und eine Praline voll flüssigen Himbeermarks, Orangen-Spalten und Champagner-Cassis-Parfait finden da sich da am Gaumen zur überraschend komplexen Aromen-Gala zueinander.

Was im Grunde als Blaupause für diesen ganzen sehr langen, sehr kurzweiligen sehr bunten und sehr schönen Abend gilt. Das Publikum sieht es ähnlich und jubelt angemessen ausdauernd.

„Gans ganz anders“ im größten Spiegelzelt der Welt auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz: bis 31. Dezember, keine Show am 23. und 24. 12; Restkarten von 69 bis 99 Euro (Silvester 119/129 Euro) unter Tel. 0341 140660 ; www.gans-ganz-anders.de

 

Von Peter Korfmacher

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