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Putin-Biograph Hubert Seipel in der ausverkauften LVZ-Kuppel

LVZ-Talk Putin-Biograph Hubert Seipel in der ausverkauften LVZ-Kuppel

Wladimir Putin bekommt in Deutschland selten gute Presse. Der preisgekrönte Journalist Hubert Seipel hingegen plädiert seit Jahren dafür, den Kreml-Chef als rational handelnden Politiker wahrzunehmen, statt ihn zu dämonisieren. Mit LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer hat Seipel am Donnerstag in der ausverkauften LVZ-Kuppel über sein aktuelles Buch gesprochen.

LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer im Gespräch mit Fernsehjournalist und Buchautor Hubert Seipel.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Offenbar sind nicht alle Klischees Quatsch, die hierzulande über Wladimir Putin kursieren. „Das mit den stahlblauen Augen stimmt“, bestätigt Hubert Seipel. LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer hat den vielfach preisgekrönten Fernseh-Journalisten am Donnerstagabend in der mit 200 Gästen ausverkauften LVZ-Kuppel soeben gefragt, ob er bei seinen Interviews mit dem Kreml-Chef seit 2009 tatsächlich dem personifizierten Bösen gegenübersitze. Und ob Putins Blick wirklich so kalt sei. „Er ist kein unangenehmer Mensch“, antwortet Seipel. „Schnell im Kopf, charmant – und eigentlich ziemlich normal.“

Spätestens seit seiner ARD-Dokumentation „Ich, Putin“ von 2012 und auch mit dem aktuellen Buch „Putin – Innenansichten der Macht“ plädiert der 65-Jährige dafür, den russischen Präsidenten als rational handelndes Wesen wahrzunehmen, statt ihn zu dämonisieren. „Putin ist kein Heiliger“, sagt Seipel zu den LVZ-Lesern, „Putin ist Politiker“. Der Kern von Politik sei aber nun mal, Interessen zu vertreten, sich auseinanderzusetzen. „Auch wir sind keine Heiligen.“

Die russischen Militärausgaben und die der Nato-Staaten stünden in einem Missverhältnis von eins zu zehn, rechnet Seipel vor. „Da beklagen wir die militärische Stärke Russlands?“ Sollte die Ukraine je Nato-Mitglied werden, würde das westliche Militärbündnis Moskau noch näherrücken. „Da wundern wir uns, wenn Putin andere Interessen verfolgt?“ Als ebenso einseitig charakterisiert Seipel die These einer „neuen russischen Propaganda-Offensive“. Seit sich die angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen Deutschrussin im Januar als Falschmeldung herausgestellt hat, finde sich in deutschen Medien verstärkt dieser Vorwurf, so Moderator Emendörfer – „und ist doch selbst Propaganda“, findet Seipel.

Kalter Frieden

Zwar sei es eine „extrem blöde Nummer“ des russischen Außenministers Sergej Lawrow gewesen, die vermeintliche Straftat öffentlich anzuprangern, ohne die Fakten zu kennen. „Aber warum hängen wir uns wochenlang daran auf?“ Weil es ins vorgefertigte „Bild im eigenen Kopf“ passe, glaubt Seipel. Putin für das „Flüchtlingselend der letzten drei Jahre verantwortlich“ zu machen, sei gleichfalls Propaganda. Hintergrund: Erst seit Ende September 2015 bombardieren russische Streitkräfte die Region um das syrische Aleppo .

„Wir befinden uns immer noch im Kalten Krieg“, sagt Seipel. „Wieder“, widerspricht Emendörfer, und Seipel stimmt zu; im Buch ist die Rede vom „Kalten Frieden“. Trotz der kühlen Witterung mutmaßt er, dass die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland aus der Krimkrise in absehbarer Zeit bröckeln. Wegen einer sich anbahnenden „Desintegration Europas“, die durch die Finanzkrise verursacht sei und die durch die Uneinigkeit bei der Flüchtlingsfrage beschleunigt werde. Und wegen wirtschaftlicher Interessen – die, wie Emendörfer hinzufügt, nicht zuletzt von mitteldeutschen Firmen formuliert werden.

Umfragewerte auf Allzeithoch

Beim umstrittenen Projekt einer zweiten Nord-Stream-Gaspipeline durch die Ostsee, das der LVZ-Chef daraufhin anspricht, solle Deutschland zuerst die eigenen Interessen in den Blick nehmen, rät Seipel. „Nord-Stream ist eine ökonomische Waffe, klar. Aber das immer zu betonen, gehört schon wieder zum Denken Kalter Krieger.“ Woraufhin sich Emendörfer fragt, „warum diese Bedenken nie bei Saudi Arabien auftauchen“.

Unter den Russen fährt Putin derzeit in Umfragen Zustimmungswerte von 86 bis 88 Prozent ein, Seipel spricht von einem „Allzeithoch“. Die Politiker des Westens werden wohl noch eine Weile in die stahlblauen Augen des 63 Jahre alten Präsidenten blicken. „Aber wie lange noch?“, will ein Zuschauer wissen. Seipel erwidert erklärtermaßen seinen Lieblingssatz: „Ich bin Journalist, kein Prophet.“

Hubert Seipel: „Putin – Innenansichten der Macht.“ Hoffmann & Campe, 368 Seiten, 22 Euro

Von Mathias Wöbking

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