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RTL-Serie schickt naiven DDR-Spion Anfang der 80er in die Bundeswehr

Schlichter Fernseh-Tobak RTL-Serie schickt naiven DDR-Spion Anfang der 80er in die Bundeswehr

Mit „Deutschland 83“, dem achtteiligen Abenteuer eines DDR-Spions in der Bundeswehr Anfang der 80er Jahre, versucht sich Privatsender RTL erstmals an einer horizontal erzählten TV-Serie – und scheitert an Schlichtheit, fehlenden Charakteren, hölzernen Dialogen und hanebüchenen Situationen.

Grenzsoldat Martin Rauch (Jonas Nay) wird in „Deutschland 83“ von der Stasi in den Westen gedopt und dann als Spion bei der Bundeswehr eingeschleust. Er soll geheime Unterlagen zur Pershing II besorgen.

Quelle: RTL/Robert Grischek

Leipzig. Ja, genau so stellt sich Klein Moritz wohl die Welt des Kalten Krieges vor. Die eine Seite ist verbissen, brutal und hinterhältig, die andere weich, warmherzig und vertrauensselig. Finstere Zeiten Anfang der 80er Jahre.

US-Präsident Reagan hat das Reich des Bösen weit im Osten ausgemacht und setzt Pershing II-Raketen gegen die SS-20, die der russische Bär in der DDR stationiert hat. Der Pershing II- Einsatz soll im Manöver Able Archer geprobt werden, wovon Moskaus KGB und Markus Wolfs Auslands-Stasi Wind bekommen – und durchdrehen. Die Angst vor einem Nato-Erstschlag geht um.

So weit, so verstehbar. Die politische Lage war halt frostig. Da kommt die Stasi, Hauptverwaltung Aufklärung, auf eine Idee. Sie betäubt den naiven Grenzsoldaten Rauch, der eben noch der Anwerbung seiner Tante Nora widerstand, mit Drogen und verfrachtet den Arglosen in den Westen – in die Bonner Villa von Tobias Tischbein, Hochschul-Professor, Aktivist der Friedensbewegung, Stasi-Spion und schwul.

Deckname Kolibri

Der macht aus dem DDR-Grenzer den Bundeswehr-Oberleutnant Moritz Stamm, Deckname Kolibri, der als Ordonnanz im Vorzimmer des mit seiner unruhigen Familie gebeutelten General Wolfgang Edel landet. Von dort soll er Pershing II-Unterlagen des US-Generals Jackson besorgen.

So beginnt der ehrgeizige RTL-Achtteiler „Deutschland 83“, der erste Angriff eines deutschen TV-Senders auf die Herrschaft der neuen, horizontaler Qualitätsserien aus den USA („House of Cards“), Dänemark („Borgen“), Frankreich („The Returned“), Italien („Gomorrha“), Britannien („Fortitude“) oder Chile („Profugos“).

Die Absicht ist löblich, der Stoff interessant, das Resultat allerdings ganz weit weg von der erzählerischen Raffinesse von „KDD – Kriminaldauerdienst“ (ZDF). Die einzige deutsche Produktion über die sich bisher zu reden lohnt, nachdem sich zuletzt der TNT-Versuch „Weinberg“ als reichlich gepanschter Mystery-Krimi entpuppte.

„For eyes only“ West

„Deutschland 83“ liegt im Windschatten des Defa-Agenten-Abenteuers „For eyes only“ (1963) von János Veiczi. Damals holte ein Stasi-Offizier hochbrisante Unterlagen mit einem Nato-Angriffsplan auf die DDR aus West-Tresoren. So ähnlich lassen auch Anna und Jörg Winger ihre Story laufen – bis hin zum Personal.

Die Figuren sind Holzschnitte, die Dialoge hölzern, die Szenen höllisch ausgedacht und die Situationen hanebüchen konstruiert. Das ist alles so simpel gestrickt, dass man sich wünscht, hin und wieder würde mal eine Masche fallen. Was tatsächlich auch passiert. Doch dann hilft der mörderische Zufall plump nach, alles wieder aufs schlichte Gleis zu setzen.

Wie man Zeitgefühl und Zeitstimmung spielerisch miterzählt, kann man gerade wieder wunderbar bei Sky an „Masters of Sex“, dritte Staffel, sehen, bei „Deutschland 83“ kommt alles mit dem Holzhammer der schlichten Denkungsart. Wer so etwas doppelbödiges und listiges wie die DreamWorks-Serie „The Americans“ erwartet, wird sein blaues, deutsches Wunder erleben.

Schlichte Konstruktionen

Da werden zwei West-Studenten bei der Kontrolle an der Grenze Ost über den Billigkauf von DDR-Büchern dümmlich belehrt. Da entdeckt die schlichte Annett, Freundin von Spion Kolibri, im Keller seiner Mutter eine Bibliothek in der DDR angeblich verbotener Bücher, verzinkt einen Freund und wird IM.

Da kann die Stasi in Ostberlin über Wanzen Büros in Brüssel live abhören. Da ist eine Sicherheitskonferenz der Nato von Stasi-Spionen regelrecht eingekreist, inclusive einer undurchsichtigen Asiatin. Da gibt Kolibri in Westberlin einem Mann eine Kaffeedose – und das Maison de France fliegt gleich darauf in die Luft. Womit Carlos ins Spiel kommt.

Da feiern die Generäle auf Dienstreise hingebungsvoll im Bordell (man erinnert sich an DDR-Berichte über Franz Josef Strauß). Da tanzt Stasi-General Schweppenstette, der unter KGB-Kuratel steht, selbstvergessen zum Udo-Lindenberg-Auftritt im Palast der Republik. Da geht, weil die Friedensbewegten nicht nur ostinfiziert oder Stasi-Schläfer, sondern auch schwul sind, bald auch Aids um.

Alles wurde reingestopft

Man hört die Bausteine beim Aufsetzen knirschen und weiß: Aha, das musste auch noch reingestopft werden. Von der Romeo-Story bis zur Bekehrung einer Bhagwan-Jüngerin zur Background-Sängerin von Udo Lindenberg und der Radikalisierung des rüstungsbesorgten, fahnenflüchtigen General-Sohns.

Keine der Figuren bekommt allerdings jemals so etwas wie Charakter. Manchmal möchte man einfach nur Augen und Ohren zuhalten. So stark ist der Tobak, wenn Spion Kolibri aus dem Haus seines Generals einfach in die DDR durchwählt und sagt: Ich will wieder nach Hause.

Trash und Paranoia

Da kommt er allerdings erst ganz spät hin – um die Angriffs-Paranoia des Ostens zu stoppen. Die so verbiesterte wie holprige Rand-Erzählung um die Nierenspende für die Mutter des Spions hat man dann schon längst wieder vergessen. Weil die Enttarnung seines lange unbekannten Vaters einfach zu tiefe Trashspuren hinterlässt.

Eine hübsche Schleife hat „Deutschland 83“ allerdings. Wenn nämlich Kolibri eine Floppy-Disc in die Stasi-Zentrale gebracht hat, kann die dort nicht gelesen werden. Die DDR-Technologie ist schlichtweg untauglich. Damit hatte der nette Kundschafter des Friedens nicht gerechnet.

RTL, 26. November, Teil 1 und 2; dann: 3., 10. und 17. Dezember

Von Norbert Wehrstedt

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