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Rainald Grebe nimmt auf der Parkbühne die "Berliner Republik" auseinander

Rainald Grebe nimmt auf der Parkbühne die "Berliner Republik" auseinander

Von der Nabelschau zur Gesellschaftsanalyse. Vom zuletzt biografischen "Rainald Grebe Konzert" zum aktuellen Programm "Berliner Republik". Von der Intimität zum Rundumschlag.

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Quelle: Stephan Lohse

Leipzig. Dazu passt sie, die opulente musikalische Besetzung. Grebe, der rastlose Liedermacher, Komödiant, Poet, Theaterkünstler, ließ sich am Donnerstagabend auf der Leipziger Parkbühne von seinem Orchester der Versöhnung begleiten. Neben seinen regelmäßigen Mitmusikanten Marcus Baumgart (Gitarre) und Martin Brauer (Schlagzeug): ein DJ, ein Bassist, Organist Buddy Casino, der schon mit Helge Schneider tourte, und ein vierköpfiges Bläserensemble.

Wovon ein Sound ausgeht, der zwangsläufig eine andere Stimmung produziert als Grebe solo am Flügel, der wenig Raum lässt für poetische Momente. Doch zu den meisten Songs passt die variabel arrangierte Wucht. Rockig, Big-Band-Swing oder Dorffest-Humtatata. (Grebe: "Wir feiern heute 850 Jahre Viervierteltakt.") Gleich der Prolog zum Programm "Berliner Republik", Pointen-freie aber eingängig gereimte Statistik zum 81-Millionen-Land, um das es gehen soll, wird von den Bläsern schwungvoll angeschoben.

In den kommenden zwei Stunden dreht sich dann alles um die Austauschbarkeit der Parteien und die Neo-Biedermeierlichkeit urbaner Menschen in der Lebensmitte, gesungen als treffende, aber nicht ganz so pointierte Fortsetzung seines früheren Lieds über "30-jährige Pärchen". Es geht um Selbstausbeutung und -optimierung in "Multitasking". Und in "Kokon" um Merkels Heile-Welt-Simulationsblase, in der sich kein Platz findet für Probleme ("Wer Nazis nicht sucht, findet auch keine"). Vielleicht das Lied, das sie am ehesten befriedigt, die Sehnsucht nach der Grebe-Melancholie, nach seinen zielsicheren Assoziationen.

Grebe betrachtet sein Thema mit Weitwinkel, erzählt vom Ende des weißen Mannes im Zangengriff zwischen aufstrebenden Asiaten und einer Frau an der Spitze der Bundeswehr, dann wieder vom deutschen Theaterbetrieb. Den kennt er. Und was Grebe durchdrungen hat, persifliert er mit feinen Spitzen, mit federleichter Ironie. "Ich mach Art" heißt es im Refrain. Einer macht was mit "Schweineblut fürs Goethe­institut". Wieder mal so ein Grebe-Geniestreich, weil er nichts erklären muss. Allein die Zitate von fünf Regisseuren, auch Sebastian Hartmanns Worte blitzen da auf, ergeben zum simplen, treibenden Groove eine entlarvende Collage, die Abgehobenheit offenbart, das Desinteresse am Publikum.

Nicht alle Songs sind so präzise, so pointiert, so polemisch. Doch wenn sich die Stimmung nicht zur großen Ausgelassenheit entwickeln will, dann liegt das mehr am zum Konzertbeginn einsetzenden Regen. Denn Grebe filtert auch in "Berliner Republik" wieder zielsicher den Zeitgeist aus der Gegenwart. Und hält Albernheiten zwischen den Liedern angenehm in Grenzen. Häufig fügt sich das Spaß-Geplauder ins Thema, wird zum Kabarett. Detlef D Soosts "Popstars" und andere Darwinismus-Shows werden beiläufig abgewatscht. Und: "Jeder muss jedes Instrument beherrschen. Ihr müsst noch flexibler werden", ruft Grebe seinen Musikern zu, spielt auf die marktradikale Gegenwart an.

Es könnte auch alles noch viel schlimmer kommen. Wenn das geheim verhandelte Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU tatsächlich auf den Weg gebracht wird, dürften einige Sozial-, Umwelt- und Verbraucherschutzstandards ausgehebelt werden. Grebe spricht es an zu Konzertbeginn. Auf Initiative von Marcus Baumgart liegen Unterschriftenlisten gegen das Abkommen aus. Grebe und Orchester als politische Künstler. Wenn nichts mehr zu verhindern ist, wer weiß, taugen das Abkommen und seine Auswüchse vielleicht als Thema eines künftigen Konzerts. Wenn einer über Chlorhühnchen singen kann, dann Grebe.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.07.2014

Dimo Rieß

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