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Rainer Totzke alias Kurt Mondaugen über das Leipziger Philosophie-Festival im Lofft

Interview Rainer Totzke alias Kurt Mondaugen über das Leipziger Philosophie-Festival im Lofft

Vier Tage lang werden mehr als 20 Philosophen und Performer die Machtfrage stellen. Das Festival „Soundcheck Philosophie“ zieht für die vierte Ausgabe von Donnerstag bis Sonntag nach Leipzig ins Lofft. „Macht_Denken“ lautet das Thema des diesjährigen Treffens, über das wir den Leipziger Philosophen Rainer Totzke (alias Kurt Mondaugen) befragt haben.

Abseits der Bühne heißt er Rainer Totzke, ist 49 und forscht und lehrt am Institut für Philosophie der Uni Magdeburg. Als Bühnenfigur Kurt Mondaugen, unter anderem Mitglied der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, ist er alterslos.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Vier Tage lang werden mehr als 20 Philosophen und Performer die Machtfrage stellen. Das Festival „Soundcheck Philosophie“, das von 2011 bis 2013 im Thalia Theater Halle stattfand, zieht für die vierte Ausgabe von Donnerstag bis Sonntag nach Leipzig ins Lofft. „Macht_Denken“ lautet das Thema des diesjährigen Treffens, das von den Leipziger und Magdeburger Philosophinnen und Philosophen Katrin Felgenhauer, Falk Bornmüller, Rainer Totzke (alias Kurt Mondaugen) und ihrem Verein „Expedition Philosophie“ organisiert wird. Einer der nach wie vor einflussreichsten Machttheoretiker ziert das Plakat: der französische Philosoph Michel Foucault (1926 bis 1984).

Warum haben Sie dem armen Foucault auf Ihrem Plakat die Augen wegdigitalisiert?

Macht, vor allem auch politische, hat ja etwas Eigentümliches. Einerseits ist sie sichtbare Macht, und sie inszeniert sich gern als solche – das Königtum mit den berühmten „Insignien der Macht“: Krone, Zepter und Thron, aber auch in der Architektur, von Erdogans Palast bis zum Bundeskanzleramt. Und auf bildlichen Darstellungen wie dem bekannten Titelblatt von Thomas Hobbes „Leviathan“-Buch, das die Machtfülle des souveränen Herrschers vor Augen stellt. Andererseits hat Macht – und das war ja gerade eine der Thesen Foucaults – immer auch eine unsichtbare Dimension. Und es war ebenfalls Foucaults These, dass die Sichtbarkeit von Macht im Laufe der letzten gut zwei Jahrhunderte eher abgenommen hat. Dass sich Machtverhältnisse für die Menschen zunehmend unsichtbar realisieren.

Daher nehmen Sie Foucault die Sicht?

Unsere alltäglichen Handlungen und unsere Körper sind in Foucaults Perspektive immer stärker von eher „unsichtbaren“, zum Beispiel disziplinierenden Formen von Macht durchzogen. Ohne dass wir es merken, produzieren staatliche oder gesellschaftlichen Institutionen Wissen und Praktiken, auch Sprachpraktiken, die uns oft für uns selbst unbemerkt zurichten, funktionalisieren, „normalisieren“. Um also auf Ihre Frage nach dem Plakatmotiv zurückzukommen: Die fehlenden Augen verweisen vielleicht auf diese fehlende Sichtbarkeit von Macht und appellieren, kritisch den womöglich nicht offensichtlichen Machtstrategien und -effekten nachzuforschen.

Was würde Foucault, der 1984 kurz vor Anbruch des digitalen Zeitalters starb, zu dieser Form der Macht sagen?

Da Foucault an einem Abend des Festivals selber anwesend sein wird – im Rahmen des Clubs der toten Philosophen – könnte man ihn dort am besten selber fragen. Wenn ich jetzt trotzdem einmal spekulieren darf: Diese ganzen Möglichkeiten der unsichtbaren digitalen Überwachung, aber auch der verborgenen Aufmerksamkeits-Lenkung der User durch undurchsichtige Suchalgorithmen oder das Nudging – dagegen hätte Foucault wohl vehement Einspruch erhoben. Vermutlich hätte er als einer der ersten in Frankreich auch ein Edward-Snowden-Asyl-Komitee gegründet und wäre dafür so lange auf die Straße gegangen, bis Hollande Snowden tatsächlich ein solches Asyl gewährt hätte. Anderseits hätten Foucault sicher auch die positiven Möglichkeiten fasziniert, die das Internet gerade für die „Subversion des Wissens“ und für die Bildung von öffentlicher Gegenmacht bietet. Was Foucault – der ja ein permanenter Macht-Verdächtigender war – allerdings zu dem ganzen Verschwörungstheorie-Hype im digitalen Netz sagen würde, das würde mich selber sehr interessieren.

Auferstehung der Philosophie als Theater

Ist machtfreies Denken denn möglich?

Ach, das ist ja eine alte philosophische Streitfrage, ob „Denken“ jemals ganz „machtfrei“ sein kann, beziehungsweise was denn „machtfreies“ Denken (und Sprechen) sinnvoll meinen könnte … Oder ob die Begriffe „herrschaftsfrei“ oder „gewaltfrei“ in Bezug auf Denken und Reden angebrachter sind. Auf welche Weise, wie offen oder verdeckt rhetorisch kann oder darf man sein Denken darstellen? Darf man seine Gedanken gar im ästhetischen „Überwältigungsstil“ mitteilen – wie Friedrich Nietzsche? Ich vermute: Es gibt da keine einfachen Antworten. Und in meiner eigenen Performance „Machtwortstudio: 1000 Nietzsche – Eine Performance für alle und keinen“ thematisiere ich genau das! Lasst uns mehr Experimente mit der Wahrheit machen!

Wer hat die Macht, um zu bestimmen, was wahr ist?

Nun, eine sehr abstrakte Frage und nur sehr abstrakt zu beantworten. Oder wie ein bekannter Londoner Philosoph mal formulierte: „Es kömmt darauf an …“

Wer die Macht hat, lautet auch die Frage, welche die Kontrahenten eines Philosophie-Slams erörtern werden ...

Ich bin selbst gespannt und kann gar nicht prophezeien, was an dem Abend an Machtenthüllungs-Gewittern auf uns zukommt – zum einen deshalb, weil ich die Texte von denjenigen Slammerinnen und Slammern, die wir schon vorab eingeladen hatten, sowieso gar nicht kenne. Zum anderen haben wir als Orgateam von denen, die sich über die offizielle Ausschreibung beworben haben, nur einen sehr kurzen Text-Auszug verlangt – Und nicht primär deshalb, weil wir schon vorab wissen wollten, was sie beim Slam konkret thematisieren, sondern eigentlich nur, um uns der Ernsthaftigkeit der Bewerbungen zu versichern. Jeder Slam – und auch ein Philosophie-Slam – lebt ja bekanntlich vom Geist des Augenblicks!

Wen nehmen Sie außer Foucault in Ihren „Club der toten Philosophen“ auf?

Karl Marx wird von dem ausgewiesenen Marx-Kenner Georg Lohmann von der Uni Magdeburg verkörpert. Kurt Röttgers von der Fernuniversität Hagen, der übrigens in seiner Jugend selber viel Theater gespielt hat, wird als Friedrich Nietzsche auf der Bühne zu erleben sein. Thomas Hobbes, der Autor des „Leviathan“, wird gespielt von Thomas Kater von der Uni Leipzig, und last but not least wird Nikolaos Psarros, ebenfalls Uni Leipzig, Michel Foucault geben – eben jenen Michel Foucault, der den aktuellen Zusammenhang von Philosophie und Bühneninszenierung einmal so diagnostiziert hat: „Es gab die Philosophie als Roman (Hegel, Sartre); es gab die Philosophie als Meditation (Descartes, Heidegger); nun ersteht nach Zarathustra die Philosophie wieder als Theater.“

So elegant wie möglich auf Leidenschaften und Gedanken surfen

Sie selbst arbeiten unter Ihrem bürgerlichen Namen Rainer Totzke als Philosoph an der Uni Magdeburg und spielen auf den Leipziger Bühnen als Autor und Performer Kurt Mondaugen eine beachtliche Rolle. Haben Sie noch die Macht zu entscheiden, wer von beiden Sie in einem bestimmten Moment sind?

Ja und nein. Manchmal denke ich: Es ist doch eigentlich gut, wenn die Identitäten von sich aus konvergieren und lasse es geschehen … Manchmal wiederum will ich die Identitäten mit Absicht auseinanderhalten, einfach, um mehr (auch denkerische) Spannung zu erzeugen, und mal gelingt das dann und mal wiederum nicht. Es ist vielleicht so, wie Friedrich Nietzsche es in „Jenseits von Gut und Böse“ formuliert hat: „Das ,Ich’ ist nur als Wort eine Einheit.“ Wir sind – jeder einzelne von uns ist – ein ganzer „Gesellschaftsbau“ aus Trieben, Gedanken, Leidenschaften und auch „Denk-Leidenschaften“! Und man kriegt das alles nie ganz verwaltet. Es kommt im Leben eher darauf an, auf diesen Leidenschaften und Gedanken, die einen wie Meereswellen überkommen, so elegant wie möglich zu surfen, auf seinen eigenen „Identitäten“ zu surfen, eine Art Gespür dafür zu entwickeln, was sie in jedem Augenblick gerade von einem „wollen“ und das Vermögen („die Macht“) zu erlangen, sie zu einem prozessierenden Gesamtkunstwerk zu choreografieren – und als Philosoph auch zu einem Geamtdenkkunstwerk. Aber das kann immer nur im jeweiligen Moment gelingen und steht eben immer nur partiell „in meiner Macht“! Wer zu viel „will“, hat schon verloren.

Wieso kehren Sie mit dem Festival nach fünf Jahren und drei Ausgaben Halle den Rücken und ziehen nach Leipzig um?

Mit der Schließung des Thalia Theaters als eigenständigem Haus und dem Weggang der Intendantin hatten wir in Halle den wichtigsten Kooperationspartner verloren. Das war Anlass, uns neu zu orientieren. Auch sind in den letzten Jahren einige Leute aus dem Orgateam aus beruflichen Gründen nach Leipzig gezogen, so dass wir als Verein uns irgendwann entschlossen haben, auch mit dem Festival nach Leipzig zu gehen. Hier haben wir mit dem Lofft einen sehr guten Kooperationspartner gefunden, weil es auch dort ein Interesse daran gibt, die Schnittstellen von Theater/Performance Art und philosophischem Diskurs zu besetzen und experimentell auszuloten.

„Soundcheck Philosophie“, Donnerstag, 19 Uhr: Eröffnung und Joy Harder, 21 Uhr: Richter/Meyer/Marx; Freitag, 20 Uhr: Böhler/Granzer, 22 Uhr: Totzke/Mondaugen/Weißenfels; Samstag, 20 Uhr: Club der toten Philosophen, 22 Uhr: Philosophie-Slam; Sonntag: Matinee von 10.30 bis 16 Uhr – Lofft (Lindenauer Markt 21), Eintritt zur Tagung (Fr/Sa ab 9 Uhr) frei, abends 6 bis 10 Euro; soundcheckphilosophie.wordpress.com

Von Mathias Wöbking

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