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"Rami ist doch einer wie wir"

Geschichte einer Flucht "Rami ist doch einer wie wir"

Der Journalist Nino Seidel hat die Flucht eines Syrers nach Deutschland dokumentiert. In "Protikoll einer Flucht" erzählt der NDR von heute an die Flucht des 31-jährigen Syrers Rami nach Deutschland.

Syrische Flüchtlinge (Symbolbild)

Quelle: dpa

LVZ: Herr Seidel, Sie haben für den NDR die fünf Monate währende Flucht des 31-jährigen Rami aus Syrien nach Deutschland dokumentiert. Wie haben Sie Rami kennengelernt?

Nino Seidel: Für eine Reportage über Schleuser und ihr Geschäft hielt ich mich im Frühjahr im türkischen Mersin auf. Einer von ihnen stellte mir seine Kunden vor, darunter war Rami. Er wartete dort darauf, dass ein Containerschiff nach Italien ablegt. Aber aus diesem Plan, aus dieser Route wurde nichts.

Was für ein Mensch ist Rami?

Rami ist ein unfassbar humorvoller Mensch, ein Lebemann, der in Damaskus bis zuletzt versucht hat, als junger Anwalt aus der gehobenen Mittelschicht eine gute Zeit zu haben. Bis das syrische Militär ihn einziehen wollte, da ergriff er die Flucht. Trotz seiner Lage lacht er viel, es ist ein sehr spezieller Humor – Galgenhumor. Aber er half ihm dabei, diese 4000 Kilometer lange, sehr brutale Reise durchzustehen.

Über Flüchtlingsschicksale liest und hört man zurzeit viel in den Medien. Was unterscheidet Ihre Erzählweise von anderen Migrantengeschichten?

Stimmt, es gibt zahlreiche eindringliche Geschichten über Menschen, die nach Europa geflohen sind. Aber meist sind sie im Rückblick erzählt, vom Ende her. Unsere Reportage, zu der es parallel zur Fernseh- und Radioausstrahlung auch ein Online-Tagebuch geben wird, stützt sich dagegen auf Aufnahmen während der Flucht. Rami hat immer wieder Fotos gemacht und Videos gedreht. Und ich war mit einer kleinen, unauffälligen Kamera unterwegs.

Steht Ramis Geschichte stellvertretend für den Weg der vielen Menschen, die jetzt Schutz in Deutschland suchen?

Es ist einerseits die typische Geschichte eines Flüchtlings, der sich auf dem Landweg, auf der „Black Route“ durch den Balkan, bis nach Deutschland durchschlägt. Aber die Intensität, mit der sie erzählt wird, macht die Probleme der Flüchtlinge besonders deutlich. Und immerzu kämpfen sie um ihre Würde, das ist mir bei den Begegnungen mit Rami erstmals so klar geworden. Für die Behörden sind Flüchtlinge nur Gefahrgut, die Schleuser sehen in ihnen nichts als Euro. Dabei ist Rami doch einer wie wir. Er fährt gern Mercedes und ist Bayern- München-Fan.

Hat Rami Ihnen von Anfang an vertraut?

Ja, er wollte seine Geschichte erzählen, er will, dass man versteht, was Leute wie er auf sich nehmen. Viele Flüchtlinge denken so, und fast alle sind sehr technikaffin. Journalisten sind ihrem Selbstverständnis nach meist neutrale Beobachter.

Geht das, wenn man wie Sie einen Kriegsflüchtling begleitet, der sich zudem Schleusern ausliefert und ständig auf der Hut vor Grenzschützern ist?

Zugegeben, meine Rolle war nicht ganz einfach. Ein Drahtseilakt. Natürlich will ich neutraler Beobachter sein, aber in solchen menschlichen Extremsituationen entsteht sehr schnell eine persönliche Verbundenheit. Oft habe ich tagelang in Hotels gewartet und nichts von Rami gehört. Ich konnte nichts machen. Dieses Ohnmachtsgefühl lässt mich bis heute nicht los. Ich musste gedanklich immer wieder einen Schritt zurücktreten und mir bewusst machen, dass es meine Aufgabe ist, Ramis Geschichte zu erzählen. Macht Ihre intensive Begleitung von Ramis Flucht Sie nicht auch zum Akteur in seiner Geschichte? Zu keinem Zeitpunkt habe ich seine Geschichte gesteuert oder Entscheidungen für ihn getroffen. Rami ist ein Dickkopf, nie im Leben hätte er sich von mir was sagen lassen.

Und das ist journalistisch legitim?

Ja – wenn man offen damit umgeht und die eigene Arbeit transparent macht. So ein Einfluss des Reporters auf die Geschichte ist wohl der Preis dafür, dass man einen Menschen so lange und aus nächster Nähe begleitet. Ich denke, ein Stück weit ist es ohnehin illusionär zu glauben, dass man als journalistischer Beobachter ganz außen vor ist.

Interview: Marina Kormbaki

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