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Reanimation des eigenen Kults: US-Band Mother Tongue kehrt nach Leipzig zurück

Moritzbastei Reanimation des eigenen Kults: US-Band Mother Tongue kehrt nach Leipzig zurück

2007 und 2010 konnten sich Mother Tongue jeweils erst nach drei bis vier Stunden endgültig in den Backstage-Bereich der Moritzbastei verabschieden, da sie von einem entfesselten Publikum für fünf ausufernde Zugabenblöcke auf die Bühne zurückbeordert wurde. Am Donnerstag kehrt die kalifornische Band zurück.

Haben in Deutschland ihre musikalische Heimat gefunden: die kalifornische Band Mother Tongue. Ganz links David „Davo“ Gould, daneben Christian Leibfried.

Quelle: Travis Shinn

Leipzig. „Es bildet sich ein Plasma, das uns durchdringt und auf die Zuschauer übergreift. Sobald wir in diesem Energiepool baden und alle Anwesenden eins werden, dann entsteht das erhabenste Gefühl, das ich bisher erfahren durfte.” Wenn der Gitarrist Christian Leibfried über Mother-Tongue-Konzerte philosophiert, könnten seine Aussagen für uneingeweihte Ohren schnell wie realitätsferne Ritus-Schilderungen eines verblendeten Sektenmitglieds klingen. Doch bei denjenigen, die das Quartett aus Los Angeles schon einmal live erlebt haben, sorgen solche Beschreibungen für zustimmendes, nostalgisches Nicken.

2007 konnte sich die Gruppe erst nach vier Stunden endgültig in den Backstage-Bereich der Moritzbastei verabschieden, da sie von einem entfesselten Publikum für fünf ausufernde Zugabenblöcke auf die Bühne zurückbeordert wurde. Und 2010, bei der letzten Leipzig-Show im Rahmen der Tour zum 20. Bandgeburtstag, spielten sich vergleichbare Szenen ab. Es sind Momente wie diese, die den Hauptsänger und Bassisten David „Davo“ Gould zu einem vollmundigen Statement verleiten: „Wir gehören zu den zehn besten Live-Rock­acts der Welt.”

Ob diese Selbsteinschätzung tatsächlich zutrifft, kann man allerdings nur noch selten überprüfen – und das auch fast ausschließlich in Deutschland und Österreich, wo die Band derzeit wieder eine zweiwöchige Tour absolviert. In diesen beiden Ländern genießen Mother Tongue zwar Kultstatus; anderswo sind sie jedoch in Vergessenheit geraten. Anfang der Neunziger sprach noch einiges für eine kometenhafte Karriere: Mit einer Fusion aus grimmig-warmem Alternative-Sound, melancholischen Blues-Licks und grooviger Funkiness zählten sie schnell zu den vielversprechendsten Vertretern der florierenden L.A.-Szene.

„Ein paar Motherfucker in Ekstase versetzen“

Gepaart mit ihrer hingebungsvollen Live-Präsenz bescherte ihnen dies Auftritte mit Größen wie Kyuss oder The Cult. Doch schlechte Geschäftsentscheidungen führten 1996 neben Querelen mit dem ersten Drummer Geoff Haba zur zwischenzeitlichen Auflösung. „Im Major-Business sind wir zwar gescheitert”, bestätigt Gould rückblickend ohne Bedauern, „aber wir können jetzt ohne kommerzielle Zwänge aus reiner Liebe zur Musik und zueinander aktiv sein, mehr Erfolg kann man doch gar nicht haben! Wenn es damals anders gelaufen wäre, müssten wir jetzt vielleicht sogar touren, um irgendwelche Hypotheken bedienen zu können.”

Am glücklichsten ist die Band laut Gould jedoch darüber, „dass wir ein zweites Zuhause gefunden haben – und das liegt in Deutschland, wo man uns immer mit offenen Armen empfangen hat”. Hartnäckige Konzertanfragen aus der Bundesrepublik, ein Angebot des Berliner Labels Noisolution und vor allem die unablässige Unterstützung der eingeschworenen Fangemeinde spielten auch bei der Reunion zur Jahrtausendwende eine entscheidende Rolle. Ihre musikalische Heimat können Mother Tongue jedoch nur sporadisch besuchen: Während Gould in den letzten sechs Jahren durch seine Familie und die Arbeit als Drehbuchautor für Fernsehserien eingebunden war und sich Leibfried um seine drei Bars in Los Angeles kümmern muss, reisen der zweite Gitarrist Bryan Tulao und der neue Schlagzeuger Sasha Popovic häufig mit anderen Bands und Projekten um den Globus.

Doch wegen dieser langen Pause fiebern Mother Tongue dem morgigen Auftritt in der Moritzbastei und den restlichen Tour-Terminen laut Gould nur umso heftiger entgegen: „Wir wollen endlich wieder zusammen ein paar Motherfucker in Ekstase versetzen – uns selbst eingeschlossen.”

Mother Tongue, Donnerstag, 21 Uhr, Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Abendkasse 25 Euro

Von Conrad Pohlmann

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