Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Rebell im Selbstauftrag

Henry David Thoreau zum 200. Rebell im Selbstauftrag

Vor 200 Jahren wurde der US-amerikanische Autor Henry David Thoreau geboren. Hierzulande ist er vor allem für „Walden“ bekannt – aber eigentlich für eine Lifestyle-Rezeption viel zu modern.

Undatierte Aufnahme des Vordenkers Henry David Thoreau (1817–1862).

Quelle: epd

Leipzig. Als Henry David Thoreau am 31. August 1846 in Concord, Massachusetts, in die Eisenbahn steigt, führen die USA Krieg gegen Mexiko. Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski hat seinen ersten großen Erfolg, in Deutschland ist der Grundstein für die Göltzschtalbrücke gelegt worden, dem Belgier Adolphe Sax wurde das Saxophon patentiert, und Carl Zeiss wird in Jena seine erste optische Werkstatt eröffnen. Henry David Thoreau steigt in die Eisenbahn, um ins Hinterland von Maine zu gelangen und von dort auf den Berg Ktaadn, den zweithöchsten in Neuengland.

1606 Meter ist er hoch. Doch Thoreau nimmt die Welt nicht sportlich. Sein Ehrgeiz richtet sich aufs Innere. „Die Berggipfel zählen zu den unvollendeten Teilen des Erdballs, und es ist eine geringfügige Beleidigung der Götter, hinaufzuklettern, ihre Geheimnisse auszuforschen und deren Wirkung auf unsere Menschlichkeit zu erproben.“ So notiert er es in seinem Buch „Ktaadn“, das jetzt bei Jung und Jung erschienen ist. Wohl auch, weil sich Henry David Thoreaus Geburtstag zum 200. Mal jährt. Der Suhrkamp Verlag nimmt das zum Anlass für eine erste umfassende auf deutsch erscheinende Biographie: Frank Schäfers „Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell.“. Bei Matthes & Seitz liegt nun Band II der Tagebücher vor. Sie lohnen alle.

Henry David Thoreau

Henry David Thoreau: Ktaadn. Mit einem Essay von Ralph Waldo Emerson. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Pechmann.Verlag Jung und Jung; 160 Seiten, 20 Euro

Quelle: Verlag Jung und Jung

Schon vorher war Thoreau in Deutschland kein Unbekannter, der Schweizer Diogenes Verlag kümmert sich seit Jahren um deutschsprachige Ausgaben, bislang aber wurde der US-Amerikaner vor allem mit „Walden oder Leben in den Wäldern“ in Verbindung gebracht. Wobei der Bekanntheit sicher geholfen hat, dass Thoreaus Bericht über einen zweijährigen Rückzug in eine selbstgebaute Blockhütte am Walden-See modernen Glückssuchern nach „Landlust“-Prinzip und „Simplify your Life“-Methode aus der Seele zu sprechen scheint. Das seit 2015 erscheinende Outdoor-Magazin „Walden“ soll Männer mit Titeln wie „Einfach raus“ und „Komm, lass gehen!“ locken. Dabei folgte der damals 28-Jährige eben nicht schwärmerisch dem Ruf der Natur, sondern den Spuren des Natürlichen. Ihn trieb weniger Neugier als Haltung. Menschen wie Mahatma Ghandi haben seine Ideen aufgenommen.

Thoreau nimmt, was er erblickt, zum Anlass, es auch sehen zu wollen, auf den Grund zu schauen, zu verstehen. Was er erlebt, legt er aufs Konto der Erfahrung, von dem er bei nächster Gelegenheit abhebt, um neu zu investieren. „Was heute jeder als wahr nachplappert oder stillschweigend geschehen lässt, kann sich morgen als falsch erweisen – als bloßer Ansichtsdunst, den man für eine Wolke hielt, welche Wiesen und Felder mit fruchtbarem Regen erquicken würde“, schreibt er in „Walden“. Und über Ratschläge der Älteren: „Das ist das Leben – ein zum großen Teil von mir noch nicht ausgeführtes Experiment. Was hilft es mir, dass sie es ausführten? Wenn ich irgendeine Erfahrung gemacht habe, die ich für wertvoll halte, so hatten, ich kann mich darüber besinnen, wie ich will, meine Ratgeber mir nichts davon gesagt.“

Zuweilen bis zum Extrem

Der Philosoph lebte in einzelgängerischer Freiheit, war ein Rebell im Selbstauftrag. Geboren wurde Henry David Thoreau am 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts. Studiert hat er 1833 bis 1837 am Harvard College Altphilologie, Französisch, Deutsch, Mathematik, Geologie, Botanik und Philosophie. Nie wieder danach war er so lange von zu Hause fort. Vom 22. Oktober 1837 datiert sein erster Tagebuch-Eintrag – 47 Bände mit 7000 Seiten, eigentlich sein Hauptwerk, werden es am Ende sein, als Thoreau am 6. Mai 1862 mit 44 Jahren an Tuberkulose stirbt.

In seiner Trauerrede bezeichnet der Philosph Ralph Waldo Emerson, dessen Privatsekretär er eine Zeitlang gewesen und dem er in Freundschaft verbunden war, ihn als „Bilderstürmer der Literatur“, der „nach einer umfassenden Berufung“ strebte: „der Kunst, gut zu leben“. Thoreau hinterfragte jede Gewohnheit und wollte sein Handeln auf eine ideale Grundlage stellen. „Er hatte keinen Beruf erlernt; er heiratete nie; er lebte allein; er ging nie in die Kirche; er machte nie von seinem Wahlrecht gebrauch; er weigerte sich, dem Staat Steuern zu zahlen; er aß kein Fleisch, er trank keinen Wein, mit Tabak wusste er nie etwas anzufangen; und obwohl er in der Natur lebte, benutze er weder Fallen noch Schusswaffen.“

Denken mit Henry David Thoreau

Denken mit Henry David Thoreau. Von Natur und Zivilisation, Einsamkeit und Freundschaft, Wissenschaft und Politik. Ausgewählt, aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Vorwort von Philipp Wolff-Windegg. Diogenes Verlag; 145 Seiten, 10 Euro

Quelle: Diogenes Verlag

Der Autor verstand es, „arm zu sein, ohne im geringsten elend oder derb zu wirken“, sagt Emerson und würdigt dessen Erhabenheit und Geduld, sein Interesse an jeder naturgegebenen Tatsache. er beschreibt einen Menschen von „zärtlicher und absoluter Frömmigkeit“ Nachzulesen ist dieses Abschiedsporträt im Anhang von „Ktaadn“. Es zeichnet das Bild einer Persönlichkeit, die so einnehmend wie herausfordernd war, wenn die Tugenden „zuweilen bis zum Extrem gingen“ .

Thoreau hat in seinem Leben als Privatlehrer und als Landvermesser gearbeitet. In der väterlichen Bleistiftmanufaktur entwickelte er eine bessere Graphitmine, bei der er es beließ, denn warum „wiederholen, was ich schon einmal getan habe“. Er reiste, veröffentlichte Essays, und weil er lieber eine Nacht im Gefängnis verbrachte, als Steuern zu zahlen, galt der Nonkonformist als störrisch. Es ging auch um Prinzipien. Bis zu seinem Tod hat er sich gegen die amerikanische Sklaven- und Eroberungspolitik engagiert, ergriff Partei und veröffentlichte 1849 den Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Nicht für einen Augenblick, schreibt er darin, „kann ich eine politische Organisation als meine Regierung anerkennen, die zugleich auch die Regierung von Sklaven ist.“

Respekt vor der Gerechtigkeit

„Was ist die amerikanische Regierung anderes als eine Tradition – und noch dazu eine recht junge –, die danach strebt, sich selbst ohne Machteinbuße für die Nachwelt zu erhalten, die dabei aber in jedem Augenblick mehr von ihrer Glaubwürdigkeit verliert?“ Von sich aus „hat diese Regierung noch nie irgendeine Unternehmung gefördert, höchstens durch die Behendigkeit, mit der sie ihr aus dem Weg gegangen ist“, schreibt Thoreau und spricht sich bei allem beherzten Zweifel nicht gegen eine Regierung aus, sondern für eine bessere. „Könnte es nicht eine Regierung geben, „in der nicht die Mehrheit über Falsch und Richtig befindet, sondern das Gewissen?“, fragt er und findet, „wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“

Sein Anliegen war es, neben dem Erfahrenen den Weg zur Erfahrung zu nachzuzeichnen. Die zunächst körperliche, doch dann immer intellektuelle, mitunter spirituelle Annäherung prägt seine Schriften. Henry David Thoreau war modern mit allem – wie er lebte, was er schrieb. Ein Vordenker mit Begabung zum Handeln.

Henry David Thoreau: Ktaadn. Mit einem Essay von Ralph Waldo Emerson. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Pechmann.Verlag Jung und Jung; 160 Seiten, 20 Euro

Zitate von Henry David Thoreau

Der Anglo-Amerikaner kann in der Tat diesen ganzen wogenden Wald roden und fällen ..., aber er kann nicht mit dem Geist des Baumes, den er fällt, Zwiesprache halten; er kann die Dichtung und die Mythologie nicht lesen, die sich in dem Maße zurückziehen, in dem er sich vorwärtsbewegt.

Das Unbewusste des Menschen ist das Bewusstsein Gottes.

Feuer ist der angenehmste Dritte im Bunde.

Die beste Poesie ist nie geschrieben worden, denn als sie hätte geschrieben werden können, vergaß sie der Dichter, und als es zu spät war, erinnerte er sich ihrer.

Es scheint ein Gesetz zu sein, dass man nicht mit den Menschen und mit der Natur in tiefer Sympathie sein kann.

Was bedeutet es schon, in ein Museum gehen zu können, um eine Vielzahl einzigartiger Dinge zu sehen, wenn einem stattdessen die Oberfläche eines Planeten, harte Materie an ihrem Ursprungsort, gezeigt wird.

Wir erwecken Freundschaft in den Menschen, wenn wir Freundschaft mit den Göttern geschlossen haben.

Das Gesetz hat die Menschen nicht um ein Jota gerechter gemacht; gerade durch ihren Respekt vor ihm werden auch die Wohlgesinnten jeden Tag zu Handlangern des Unrechts.

Nichts sollte man so sehr fürchten wie die Furcht. Atheismus könnte im Vergleich dazu selbst Gott gefallen.

Wie können wir erwarten Gedanken zu ernten, ehe der Charakter gekeimt ist?

Wir sind an die Menschen gefesselt, denen wir Freiheit schenken.

Lektüre-Tipp: Denken mit Henry David Thoreau. Von Natur und Zivilisation, Einsamkeit und Freundschaft, Wissenschaft und Politik. Diogenes; 160 Seiten, 10 Euro

Von Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Leipzig. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine Papierfabrik stellt sich vor: "Edle Papiere aus Gmund" im Druckkunstmuseum Leipzig. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr