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„Rede, daß ich dich sehe“ – Reden und Gespräche von und mit Christa Wolf

„Rede, daß ich dich sehe“ – Reden und Gespräche von und mit Christa Wolf

Mit „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist 2010 das letzte Buch Christa Wolfs erschienen. Seit sie am 1. Dezember 2011 starb, fehlt nicht nur eine große Schriftstellerin und kritische Intellektuelle, sondern auch eine moralische Instanz.

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Große Autorin, warmherzige Rednerin, kritische Intellektuelle: Christa Wolf im Jahr 2009 im Berliner Kino Babylon.

Quelle: dpa

Am Montag erscheinen unter dem Titel „Reden, daß ich dich sehe“ Reden, Essays und Gespräche von und mit Christa Wolf.

„Was bleibt“, hieß eine Erzählung Christa Wolfs aus dem Jahr 1979, mit der sie beim Erscheinen 1990 einen heftigen Streit über Schreiben und Leben in der DDR auslöste. Sie endet so: „Was bleibt. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.“

Von Christa Wolf bleiben neben den Prosa-Werken auch jene Essays, Reden und Gespräche, die jetzt – noch von ihr selbst ausgewählt – im Band „Rede, daß ich dich sehe“ versammelt sind. Der Titel geht auf Sokrates zurück, ist Aufforderung wie Wunsch, sich zu erkennen zu geben – im Dialog wie im künstlerischem Werk. Christa Wolf zitiert ihn aus Johannes Bobrowskis Roman „Litauische Claviere“ und bezieht ihn auf Richard Weizsäckers Rede am 8. Mai 1985, das Beispiel einer „achtsamen, emotional und intellektuell glaubwürdigen Rede zur deutschen Vergangenheit“.

"Das Dilemma unserer Gesellschaft diskutieren"

Am Schluss steht ein Gespräch mit Zeit-Redakteurin Evelyn Finger aus dem März 2011, nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Vor Ereignissen wie diesem hat Wolf in ihrer Erzählung „Der Störfall“ (1987) gewarnt, am Beispiel Tschernobyls das Zerstörerische der Zivilisation gezeigt. „Je bequemer wir leben, auch durch die massenhafte Herstellung zum Teil überflüssiger Industriewaren, desto näher kommen wir einer Zerstörung unserer Welt“, sagt sie im Interview. Das sei vielleicht der Grund, warum sie noch öffentlich spreche: „Wir müssen das Dilemma unserer Gesellschaft endlich diskutieren. Vielleicht bestärke ich andere Menschen.“ Sie konstatiert ein großes Bedürfnis nach Orientierung, die Geschichte wäre trostlos ohne Figuren wie Kassandra oder Medea, mit denen sie sich in ihren Werken auseinandergesetzt hat. „Wir müssen schon mutig sein.“

In anderen Gesprächen analysiert Wolf die Wahrnehmung des Bösen, spricht über das Schreiben, die therapeutische Funktion von Büchern, über ihre Freundschaft zu Max Frisch und dabei immer auch über gesellschaftspolitisch Um- und Zustände. Auch jenes Spiegel-Interview ist nachzulesen, in dem es im Juni 2010 um „Die Stadt der Engel“ gehen soll und zunächst Angriffe, Unterstellungen, fast schon Demütigungen dominieren.

Den größten Teil der Sammlung aber nehmen Essays und Reden ein, einige davon erstmals veröffentlicht. Beim Schriftsteller-Kollegen, Psychoanalytiker und Ethnologen Paul Parin (1916–2009) bedankt sie sich zu dessen 90. Geburtstag warmherzig für Ermutigungen. Bei ihm lernte sie, dass man äußerst skeptisch sein kann „gegenüber den menschlichen Verhältnissen“ und doch nicht griesgrämig werden muss: „heiter, freundlich, souverän das Leben genießen, von sich selbst und von den Mitstreitern eine moralische Anstrengung verlangen, ohne sich zu verkrampfen, erkennen, wie viel von dieser Anstrengung scheinbar erfolglos bleibt, und doch nicht bitter werden, sondern der Aufklärung verpflichtet bleiben“. Frei zu tun, was man selbst für richtig hält, und zwar kompromisslos und unerschütterlich, das müsse in einer Gesellschaft, die auf Anpassung ausgerichtet ist, Gegener schaffen. „Aber es schafft auch Freunde.“

Wolfs Reden zeugen von vielfältigen Freundschaften

Von solchen Freundschaften erzählt dieses Buch, von Alternativen, Utopien und den menschlichen Faktoren in historischen Abrechnungen. Reden zum Thomas-Mann- und zum Uwe-Johnson-Preis sind darunter, Würdigungen für Egon Bahr, Adolf Muschg, für die Künstler Nuria Quevedo, Angela Hampel, Helga Schröder oder Günther Uecker. Anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universidad Complutense de Madrid sprach sie im Oktober 2010 über „Begegnungen mit Spanien und seiner Literatur“. Mit einer „Kleinen Rede zum günstigen Augenblick“ bedankte sie sich 2009 aus dem Stegreif auf der Feier zu ihrem 80. Geburtstag in der Berliner Akademie der Künste. Im „Nachdenken über den blinden Fleck“ geht es um das Erinnern im psychoanalytischen Prozess (2007), wofür sie sich der Literatur bedient, „die man zu großen Teilen als den Gedächtnisspeicher eines Volkes verstehen kann“.

„Rede, daß wir dich sehen“ ist der „Versuch zu dem gegebenen Thema, Reden ist Führung‘“ auf dem Kongress der Redenschreiber im Jahr 2000 überschrieben. Auch hier sucht Wolf Bezüge zur Tagespolitik, argumentiert entlang an aktuellen Meldungen, warum das Privileg, öffentlich das Wort zu ergreifen, Einfluss und Macht bedeutet und der Kampf um das Rede-Recht ein Machtkampf ist. „Doch wer zu wem worüber öffentlich sprechen darf, wird in der parlamentarischen Demokratie kaum dem Zufall überlassen“, schreibt sie und erinnert daran, dass zum 10. Jahrestag des Mauerfalls im Bundestag „ursprünglich kein Redner aus der DDR vorgesehen war.“ Ihre Wunschvorstellung von „Rede als Dialog“ verweist sie selbst ins Reich der Utopie, bevor sie einen weiten Bogen schlägt über Aufklärung, Weimarer Republik, Nationalsozialismus zurück zur Deutungshoheit, zum Verstummen und zu eben jenen Reden, in denen sich der Redner zeigt.

Jeder einzelne dieser Texte ist Diskurs, Lehrstück, Liebeserklärung, Geständnis,  – auch Literatur. Aus allem spricht die wissende, zweifelnde, fordernde, träumende, aufrichtige Schriftstellerin. Das alles bleibt.

Christa Wolf: Rede, daß ich dich sehe. Essays, Reden, Gespräche.

Suhrkamp Verlag;  208 Seiten, 19,95 Euro

(erscheint am 12. März)

Janina Fleischer

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