Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Reden war gestern - Reinhold Beckmann bekommt Reportage-Reihe in der ARD

Reden war gestern - Reinhold Beckmann bekommt Reportage-Reihe in der ARD

Der Film ist nicht fertig geworden. Vorigen Freitagabend wollte Reinhold Beckmann zeigen, was am heutigen Montag, um 20.15 Uhr, im Ersten zu sehen sein wird. Beckmann geht in den Schneideraum und packt einen Stapel Zettel auf den Schoß.

Voriger Artikel
Nachruf zum Tode von Reiner Süß: "Da lag Leidenschaft drin"
Nächster Artikel
Flüchtlingsinszenierung: Schauspiel Leipzig sucht 50 Laien für Sprechchor

Reinhold Beckmann will das Talken anderen überlassen.

Quelle: Angelika Warmuth

Leipzig. Auf den Bildschirmen startet der Film. Die Bilder bewegen sich stumm. Es fehlt die Stimme aus dem Off. Also liest Beckmann den fehlenden Text an den entsprechenden Stellen einfach laut vom Blatt ab. 45 Minuten später legt er die Zettel zur Seite und sagt: „Bei diesem Film vertrauen wir auch auf die Kraft der Bilder. Da muss man nicht alles zutexten. Man kann ein Bild auch mal etwas länger wirken lassen.“

15 Jahre hatte Beckmann seine eigene Talkshow. Alles lief gut, bis Günther Jauch zur ARD kam. Plötzlich waren im Ersten fünf Talkshows unterzubringen. Beckmann musste am Montag für Frank Plasberg weichen. Am Donnerstag lief es fortan nicht mehr so gut. Im Frühjahr 2013 erhielt er die Chance, selbst den Verzicht auf die Talkshow zu erklären. In einer der letzten Sendungen hatte er Songül Tolan zu Gast. Das war im August, der Völkermord des IS an den Jesiden im Nordirak hatte gerade begonnen. Was die Berlinerin über ihre Volksgruppe zu erzählen hatte, hinterließ bei Beckmann nachhaltig Eindruck.

„#Beckmann“ heißt die neue Sendung. Sie wird in diesem Jahr zehnmal zu sehen sein. Die Zusammenarbeit ist zunächst für zwei Jahre vereinbart. Jede Folge widmet sich einem anderen Thema, das im Netz um ein Paket aus weiterführenden Informationen, Film- und Fotomaterial ergänzt wird. Zum Auftakt heute geht es um deutsche Kämpfer gegen den IS-Terror und das Elend der geflohenen Jesiden im Nordirak. Kein Thema, bei dem Zuschauer massenhaft einschalten. Der gebührenfinanzierten ARD ist es aber wichtig genug, einen Themenabend zu veranstalten. Beckmann ist damit zurück am Montagabend. Plasberg wird im anschließenden „hart aber fair“ aus deutscher Sicht über das Flüchtlingsthema diskutieren lassen.

dpa923fdd3d871411714801.jpg

Jesidische Flüchtlinge in einem Zeltlager in der Kurdenregion.

Quelle: Antonio Pampliega

In dem Film begleitet Beckmann einen von Songül Tolan organisierten Hilfskonvoi aus Oldenburg in die umkämpften Gebiete im Nordirak. Er trifft die Mitglieder einer jesidischen Familie aus Bad Oeynhausen, die im Sindschar-Gebirge ihr Volk gegen den IS-Terror verteidigen. Und er besucht Flüchtlinge, denen es an allem fehlt. An einer Stelle im Film bricht Songül Tolan in Tränen aus. Die Kamera bleibt drauf, filmt, wie Beckmann sie zu trösten versucht. Seine Stimme erstickt in Tränen. Muss man das zeigen?

Beckmann diskutiert die Frage nicht zum ersten Mal. In einem Film, halb Reportage, halb Dokumentation, kann zu viel Gefühl auch abstoßen. Beckmann sagt, er wisse noch nicht, ob die Szene drin bleibt oder ob er zumindest die eigene tröstende Umarmung herauslässt. Andererseits: „Reportage machen heißt immer auch, neben dem Politisch-Rationalen den emotionalen Kontakt mit den Menschen aufzunehmen. Diese Szene ist Teil der Realität.“ Er mache schließlich kein „Korrespondentenfernsehen“.

Beckmann stört, dass in der bisherigen medialen Aufbereitung dieses Themas „jeder deutsche Dschihadist bei uns seine Biografie bekommt. Die Flüchtlinge dagegen haben keine Lobby.“ Schon in der Talkshow mit Songül Tolan hat ihn das Leid der Jesiden persönlich angefasst, erst recht, nachdem er die Beweggründe der vielen in Deutschland lebenden Jesiden verstanden und die Wirklichkeit und das Leid im Nordirak zwei Wochen selbst erlebt hatte. Wer beim Anblick eines Genozids verlangt, Distanz zu wahren, erntet sein Unverständnis: „Wer das kann, hat selbst einen Webfehler.“

„#Beckmann“ ist für ihn die Chance, sich mit hoher Intensität einem Thema widmen und am Ende vielleicht sogar etwas dazulernen zu können. Ihn hat überrascht, dass er, der Kriegsdienstverweigerer, der „typische Parade-Pazifist der Siebziger“, nach den Recherchen mit Ko-Autor Helmar Büchel verstehen kann, dass die Bundeswehr den Freiheitskämpfern der kurdischen Peschmerga den Umgang mit Waffen vermittelt. Es ist spät geworden, Beckmann wirkt abgespannt. Am Montag wird er 59. Der Film ist immer noch nicht fertig. Er scheint ihn aber mehr zu erfüllen als manche seiner Talksendungen.

„#Beckmann“, ARD, Montag, 20.15 Uhr

Ulrike Simon

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Leipzig. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine Papierfabrik stellt sich vor: "Edle Papiere aus Gmund" im Druckkunstmuseum Leipzig. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr