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Regiedebüt am Leipziger Schauspiel: Baustellen-Inszenierung „Der Weibsteufel“

Premiere Regiedebüt am Leipziger Schauspiel: Baustellen-Inszenierung „Der Weibsteufel“

Mit Karl Schönherrs Drei-Personen-Stück „Der Weibsteufel“ von 1914 hat die Schauspielerin Katharina Schmidt am Dienstag auf der Baustellen-Bühne des Schauspiels Leipzig ihr Regiedebüt gegeben. Trotz spannender Handlung vermag es die Inszenierung aber kaum zu fesseln.

Mal grundsolide, mal Blubber-Blasen: Annett Sawallisch, Denis Petković und Jonas Fürstenau (von links).

Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel

Leipzig. Karl Schönherr (1867 bis 1943) war Österreicher, Arzt und Schriftsteller. Künstlerisch eingeklemmt irgendwo zwischen psychologischem Sezieren à la Schnitzler oder Strindberg (wenn auch qualitativ ein ziemliches Ende hinter diesen) und einer dampfenden Heimatschollenprosa, die „völkisch“ genug war, um den mit einer Jüdin verheiratenden Autor auch nach dem „Anschluss“ 1938 die Existenz zu sichern. „Der Weibsteufel“ heißt Schönherrs Drama, das jetzt im Schauspiel auf der Baustellen-Bühne als „szenisches Projekt“ zu sehen ist. Am Dienstag war Premiere.

Mit dem Drei-Personen-Stück aus dem Jahre 1914, heute zurecht nur noch selten aufgeführt (zuletzt 2008 in Wien mit einer atemberaubenden Birgit Minichmayr in der Titelrolle), gibt jetzt Schauspielerin Katharina Schmidt ihr Regiedebüt. Mit einer Inszenierung von nur etwas über einer Stunde Dauer, in die das inzwischen doch recht pittoresk wirkende Personal hinein skizziert ist in eine Handlung, die hier in den besten Momenten mit dem Tempo und der Lakonie eines Psychokrimis abspult: Da ist die Hütte im Wald und das Ehepaar, einfach nur „der Mann“ und „sein Weib“ geheißen. Er: ein Schmuggler, so clever wie körperlich kränklich. Sie: stark, attraktiv, sinnlich. Und natürlich wird das zur Waffe des Manipulierens, als ein Gebirgsjäger auftaucht. Dessen Plan: die Frau erst verführen, um dann den Schmuggler zu überführen. Klappt nur nicht so ganz – womit ein Spiel beginnt, ob dessen fataler Dynamik freilich bald die hauptsächliche Frage ist: Wer wird’s überleben? Keiner, einer, eine?

Was – vorausgesetzt man kennt das Stück nicht – durchaus für Spannung sorgt. Man könnte somit sagen, dass hier in der Aufbereitung dieses Schönherr-Dramas weniger Schnitzler und Strindberg irrlichtern als vielmehr ein James M. Cain oder George Simenon. Was das Schlechteste ja nicht ist. Ob Schmidt das allerdings bewusst so gesetzt hat, ist schwer auszumachen. Ihre aufs Tempo drückende Inszenierung forciert es jedenfalls. Weil sie automatisch lakonischer gestaltet, was im Original gern auch schwülstig ist; den immanenten Naturalismus abstrahiert hin in eine Versuchsanordnung aus Belauern und Begehren, Verdrängen und Lügen.

Richtig heiß wird es nie

Das Problem nun ist: Kennt man den Plot, wird man also nicht mehr von der simplen, aber eben auch effizienten Frage „wie es wohl ausgeht?“ bei Laune gehalten, bleibt der Inszenierung nicht mehr allzu viel an Fesselndem. Die Szenerie zeigt da winklig verkantete Bühnenelemente gleich gefährlich schartigen Berg- und Tal-Zacken, die die Bewegungen auf dem ohnehin begrenzten Spielraum der Baustelle beengen (Bühne: Severine Christen). Durchaus eine sinnbildliche Kulisse, in der sich dann, in dezent österreichischer Sprachfärbung, ein darstellerisch grundsolides Schauspiel aufzeigt, dessen stärkeren Momente allerdings allesamt Annett Sawallisch und Denis Petkovic unter sich ausmachen.

Die Frau und der Gebirgsjäger und das Begehren, das nicht übers Kalkül siegen darf. Die Frau, die das Vollweib spielt, und der Mann, der ein ganzer Kerl sein will. Die Manipulationen, die aus dem Ruder laufen und sich gegen den wenden, der eigentlich manipulieren wollte – hier köchelt das immer wieder Mal gut auf, allerdings oft auch nur in Form darstellerischer Blubber-Blasen. Mag dabei die Temperatur auch steigen, richtig heiß wird das nie.

Vielleicht wirkt ja auch deswegen Jonas Fürstenau als Ehemann eher lauwarm, wenn er den drohenden Verlust seiner Gattin – deren Emanzipation auch – irgendwie so pflichtschuldig fürchtet und beklagt. Ein müder Fatalist, der nur behauptet, das Gegenteil zu sein. Als würde er von Anfang an ahnen, wenn nicht wissen, wie dieses Spiel endet. Wie sich sowas auf die Spannung auswirken kann, wurde ja schon erwähnt.

„Der Weibsteufel“ wieder am 29. und 30. September, jeweils 20 Uhr, in der Baustelle des Schauspiels (Bosestraße 1), 5 Euro

Von Steffen Georgi

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