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„Reich wird niemand bei uns“: Janna Kagerer über zehn Jahre Theater Eumeniden

Interview „Reich wird niemand bei uns“: Janna Kagerer über zehn Jahre Theater Eumeniden

Neben absoluter Leidenschaft fürs Theater benötigt man als freies Ensemble einen langen Atem, um Jahr für Jahr Manuskripte in sehenswerte Inszenierungen zu übersetzen. Dem Theater Eumeniden gelingt das seit zehn Jahren – und das überdies im Leipziger Osten, der kulturell erst allmählich in Fahrt kommt. Ein Interview mit Regisseurin Janna Kagerer zum runden Geburtstag der Gruppe.

In der Eumeniden-Produktion „Räuberrr!“ nach Schiller haben 2009 von Sylvia Kowalski gefertigte Puppen eine Hauptrolle gespielt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Neben absoluter Leidenschaft fürs Theater benötigt man als freies Ensemble einen langen Atem, um Jahr für Jahr Manuskripte in sehenswerte Inszenierungen zu übersetzen. Dem Theater Eumeniden gelingt das seit nunmehr zehn Jahren – und das überdies vor allem im Leipziger Osten, der kulturell erst allmählich in Fahrt kommt. Ein Interview mit Regisseurin Janna Kagerer zum runden Geburtstag ihrer Gruppe.

Sie haben schon vor den Eumeniden Theater gemacht. Was ist seit 2006 anders?

Zum einen natürlich die Qualität der Inszenierungen, man lernt ja aus den Erfahrungen, obwohl – vor allem in der Zeit, in der ich mit Anke Klöpsch die Cammerspiele gegründet und geleitet habe – doch einiges dabei war, woran ich mich gern erinnere und wieder so machen würde. Zum anderen haben wir inzwischen mit dem Verein Mühlstraße einen wertvollen und großartigen Partner gefunden, was Organisation und Spielstätte betrifft.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Mit dem Mühlstraße e.V. habe ich schon sehr lange eine „Liebesbeziehung“. Ich mache seit 1996 Theater, und nicht wenige Veranstaltungen von mir fanden seitdem dort statt, auch vor der Eumeniden-Zeit. Dass wir aber einen langfristigen festen Spielplan anbieten können, ist eine ganz neue Qualität. Im Januar bespielen wir in der Mühlstraße 14 sogar drei Räume gleichzeitig mit drei Inszenierungen.

Vor zehn Jahren waren Sie einer der Vorreiter, die den Leipziger Osten kulturell belebt haben. Mittlerweile gilt der Osten als angesagtes und kommendes Pflaster. Merken Sie etwas von einem Umschwung?

Wenig, wir sind aber auch nicht rund um die Uhr im Haus Mühlstraße involviert. Schön ist, dass inzwischen auch Anwohner zu den Vorstellungen kommen. Unser Hauptpublikum sind natürlich Freunde und Bekannte der Mitwirkenden, aber es kommen auch Theatergänger, die uns im Internet oder in der Presse gefunden und rausgepickt haben. Trotzdem ist der Osten noch eine kulturelle Nische, es könnten gern noch ein paar mehr Besucher sein, auch aus der Freien Szene.

„Brüder Karamasow“ nur mit Frauen gespielt

Wieso der Name – entlehnt von Rache­göttinnen der griechischen Mythologie, bei den Römern als Furien bezeichnet, die sich zu Segensgottheiten wandeln?

Als ich 2006 unter einem neuen Namen „Die Troerinnen“ des Euripides inszenieren wollte, fand ich einen Namen aus der Antike passend. Die Umdeutung der Erinnyen beziehungsweise Furien in Eumeniden fand ich interessant. Zudem assoziieren die Eumeniden auch fruchtbare Frauen im Sinne von kreativ und rührig. Unser Theater ist und war stets bemüht, Frauen sowohl in den Geschichten als auch auf der Bühne eine größere Rolle spielen zu lassen. Zwei Drittel unseres Ensembles besteht aus Frauen, und bei der letzten größeren Produktion „Die Brüder Karamasow“ wirkte ein ganzes Dutzend Frauen mit und kein Mann.

Welche Inszenierung ist in der Rückschau am besten gelungen?

Ich persönlich liebe vor allem unsere Singspiele für Kinder und Erwachsene wie „Das Gespenst von Canterville“ oder „Die kleine Meerfrau“. Es ist einfach schön, wenn große und kleine Zuschauer mit glücklichem Gesicht die Vorstellung verlassen und sogar noch eins der Lieder trällern. Beide Produktionen waren zudem so erfolgreich, dass wir sie in unser Repertoire aufgenommen haben, das man für Feierlichkeiten buchen kann. Meine Frau Ulrike Böhm – seit 2009 dabei –, die sich vor allem um Verwaltung und Ausstattung kümmert, aber manchmal auch mitspielt, steht auf die von mir selbst verfassten Stücke wie die Komödie „Crazy Weekend“ und die Weltraum-Parodie „Das Ding“. Beide Stücke erleben in der kommenden Spielzeit ein Remake.

Und welches Stück ging total in die Hose?

„Die Brüder Karamasow“. Aber zum Glück nur beinahe. Die Textfassung war einfach zu lang, was ich trotz Warnungen erst beim ersten Durchlauf zwei Wochen vor der Premiere so richtig wahrhaben wollte. Dann wurde gestrichen, was das Zeug hält, mitunter ganze, bereits gelernte Szenen. Ich glaube, die Darstellerinnen waren kurz vor der Rebellion. Am Ende war’s ein vierstündiges Werk, das sehr positiv aufgenommen wurde. Seitdem streiche ich aber alles, was sich streichen lässt, immer schon im Vorfeld.

Ein offenes Ensemble

Haben Sie einen Überblick, wie viele Schauspieler in den zehn Jahren auf einer Eumeniden-Bühne standen?

Eine Zeit lang habe ich noch gezählt, inzwischen erinnere ich mich nicht mal mehr an alle Namen. Wesentlicher ist, dass sich seit einigen Jahren so etwas wie ein harter Kern an Mitwirkenden gebildet hat. Leute, die immer wieder gern mitmachen, zu großen Talenten heranwachsen und untereinander befreundet sind. Mitunter entsteht sogar eine Partnerschaft oder Familie. Aber das Ensemble ist offen, das ist uns wichtig. Neue Leute haben immer eine Chance, reinzukommen und aufgenommen zu werden.

Viele Darsteller sammeln bei den Eumeniden erste Bühnenerfahrungen. Stehen die Proben oder Aufführungen im Vordergrund?

Wir sind keine Theater-AG, die mit einer Handvoll Leuten ein Stück aussucht und dann auf die Bühne bringt. Es ist umgekehrt. Ich suche mir die Stücke aus und dann passende Leute für die konkrete Inszenierung. Prinzipiell kann sich aber jede und jeder bewerben, ob mit oder ohne Erfahrung. Um sicherzugehen, dass die Leute wirklich bühnentauglich sind, müssen Neulinge bei uns ein kleines einmaliges Vorsprechen absolvieren. Durchgefallen ist aber ganz selten jemand. Auch Leute, die ein Stück musikalisch begleiten oder eine Assistenz absolvieren wollen, sind bei uns sehr willkommen.

Seit 2010 haben Sie in der Schönbach­straße eine Probebühne, die Sie auch gelegentlich dem Publikum öffnen. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Bis jetzt haben wir selten dort gespielt. Dadurch hielt sich der Zulauf in Grenzen. Kommende Spielzeit wollen wir etwas mehr dort veranstalten, auch längere Stücke wie „Crazy Weekend“ oder das nächste Dostojewski-Projekt, „Raskolnikow“. Außerdem bieten wir ab September auf der Probebühne jeden ersten Donnerstag im Monat ein kleineres Format mit wechselnden Lesungen, Vorträgen und ähnlichem an. Ich bin gespannt, wie es ankommt.

Wie finanziert sich das Theater Eumeniden?

Das Theater trägt sich mehr oder weniger selbst, der größte Posten ist die Miete für die Probebühne. Von den Einnahmen zweigen wir immer einen gewissen Prozentsatz für die Unkosten ab. Der Rest wird an die Mitwirkenden verteilt. Reich wird aber niemand bei uns.

Benefiz für Medica Mondiale

Von Anfang an sammeln Sie regelmäßig Spenden für die Hilfsorganisation Medica Mondiale. Was motiviert Sie gerade zu diesem sozialen Engagement?

Es fing 2005 mit einem groß angelegten Benefizkonzert zugunsten der Opfer des Tsunami an. Damals war ein von Medica Mondiale mitfinanziertes Frauenhaus im indonesischen Aceh zerstört worden. Seitdem unterstützen wir die Organisation regelmäßig. Gründerin Monika Hauser ist eine echte Heldin für mich, und ihre Initiative ist nicht so aufgebläht und anonym. In der nächsten Spielzeit wird es einige Benefizprojekte geben. Die Einnahmen fast aller auf der Probebühne laufenden Veranstaltungen zum Beispiel werden zu 100 Prozent an Medica Mondiale gehen.

Wie sieht die kommende Spielzeit aus?

Ein gutes Dutzend Premieren sind geplant, von meinem Solo-Puppen-Contest „Palmström sucht den Morgen-Star“, auf den ich mich besonders freue, über das dritte E.T.A.-Hoffmann-Stück dieses Jahres, „Prinzessin Brambilla“, bis hin zum Sommertheater „Der Maulheld von Plautus“. Auch Goethe und Schiller werden vertreten sein, und eine Neuinszenierung meines Singspiels „Emmis wundersame Weltreise“ für die ganze Familie. Höhepunkt könnte das Antikefestival „AGON“ im Mai werden, bei dem mehrere Regisseure mit Inszenierungen antiker Komödien und altgriechischer Tragödien in Wettbewerb mit mir treten sollen. Die Bewerbungsphase läuft bereits.

www.theatereumeniden.de

Von Mathias Wöbking

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