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Reste-Essen: Der Boss legt sein 18. Album vor

Reste-Essen: Der Boss legt sein 18. Album vor

Bruce Springsteens 18. Album "High Hopes" gibt selbst ausgewiesenen Fans Anlass zu Zweifeln: Das Werk, am 14. Januar im Handel, jetzt schon im Netz zu hören, ist eine Mischung aus echten Perlen, Live-Klassikern und kruden Überarbeitungen bekannter Stücke.

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Alle Hände zum Boss: Bruce Springsteen legt mit "High Hopes" das erste viel beachtete Album der Saison vor.

Quelle: dpa

Leipzig. Kaum ein Musiker hat höhere Ansprüche an seine Studioproduktionen als Bruce Springsteen. Der Boss, im vergangenen Jahr in Leipzig gefeiert, lässt nichts auf Platte pressen, was nicht mindestens perfekt ist - eigentlich. Sein 18. Album "High Hopes" gibt selbst ausgewiesenen Fans Anlass zu Zweifeln: Das Werk, am 14. Januar im Handel, jetzt schon im Netz zu hören, ist eine Mischung aus echten Perlen, Live-Klassikern und kruden Überarbeitungen bekannter Stücke.

Wer mit dem neuen Springsteen-Album "High Hopes" die Hoffnung auf ein frisches, ambitioniertes, womöglich originelles Werk des US-Rockers verbindet, sollte besser vom Kauf absehen. Wer hingegen die 90er für das beste Musik-Jahrzehnt überhaupt hält, und auf die Kreischgitarren von Tom Morello steht, wird jubeln. Die Frage ist nur, wie groß die Schnittmenge beider Gruppen unter eingefleischten Springsteen-Fans ist.

Vielleicht ist genau diese Frage aber auch falsch. Zumindest der Boss selbst hat es nicht nötig, auf den Geschmack der Massen Rücksicht zu nehmen. Hat er sowie selten getan. Fest steht: Die Zusammenarbeit mit Tom Morello, Gitarrist der Crossover-Band Rage Against the Maschine und Ikone der 90er, stellt Hörer vor eine harte Probe. Denn kaum ein Song gewinnt durch das Fiepen, Stottern und Gejaule von Morellos Les Paul. Der Gitarrist hat sich die Kill-Switch-Technik zum Markenzeichen gemacht, einen Staccato-Effekt, mit dem es schon Jimi Hendrix gewaltig krachen ließ.

Morello gilt als einer der technisch besten und innovativsten Gitarristen - nur leider passt sein Spiel überhaupt nicht zu Springsteens bodenständigen Folk- und Rocksongs. Morello tobte sich in der Vergangenheit in diversen Formationen aus HipHop, Punkrock und Funk aus; arbeitet mit dem Wu-Tang-Clan, The Prodigy und Cypress Hill. Nicht gerade das Terrain des ausgewiesenen Working-Class-Heroes Springsteen.

Man kann sich gut vorstellen, warum der Boss in dem 50-Jährigen dennoch einen natürlich Mitreiter sieht: Der Gitarrist aus Harlem, New York, ist ein umtriebiger politische Aktivist, lautstarker Gegner der Republikaner und selten um eine gepfefferte Meinung zu Problemen in der USA verlegen. Brüder im Geiste müssen jedoch lange nicht Brüder im Studio sein.

Trotzdem schleppte Springsteen während der Tour zu seinem letzten Album "Wrecking Ball" Morello mit zu diversen Aufnahmesessions. Der Gitarrist war 2013 in Australien für E-Street-Band-Mitglied Stevie Van Zandt eingesprungen, der mit Dreharbeiten beschäftigt war. "Tom und seine Gitarre wurden meine Muse", erzählt der Boss nun zur Veröffentlichung. Abend für Abend habe der Gitarrist auf der Bühne "die Hütte abgebrannt" und das ganze Projekt auf ein anderes Level gehoben. Allein, das neue Level ist sehr gewöhnungsbedürftig.

Ständig wartet man bei den E-Gitarren-Soli auf musikalische Wutausbrüche á la Rage Against the Maschine. Doch statt "Fuck you, I won't do what you tell me" - aus dem großen Hit "Killing In The Name Of" - ertönt dann Bruce Springsteen mit sonorem Timbre.

Die gute Nachricht: Morello spielt nicht auf allen zwölf Liedern. Und so dürften sich am Ende doch viele Fans mit dieser Platte versöhnen. Denn Springsteen hat mit "High Hopes" zum ersten Mal Songs veröffentlicht, die er schon lange im Live-Repertoire hat, aber nie auf einem Album unterbringen konnte und wollte. Beste Beispiele: Die eindringlichen Songs "Hunter Of The Invisible Game" und "The Wall" sowie "Down In The Hole", ein freches, aber gelungenes Recycling von "I'm On Fire". Insgesamt drei exzellente Stücke, die nur wenige Künstler in die Schublade gesteckt hätten. Nicht so der Mann aus New Jersey, der stets bemüht ist, Alben aus einem Guss vorzulegen - thematisch wie musikalisch.

"Dies ist eine Geschichte darüber, was er alles nicht gewillt ist, auf ein Album zu packen - nur, weil es gerade nicht ins Konzept passt", sagt Produzent Ron Aniello. Es ist auch die Geschichte darüber, was den Kultstatus der E-Street-Band ausmacht. Denn auf der neuen Platte sind noch einmal die beiden verstorbenen Mitglieder Danny Federici und Clarence Clemons zu hören. Besonders das Saxophon von "Big Man" Clemons in "The Wall" dürfte einigen Fans die Tränen in die Augen treiben. Der 2011 verstorbenen Musiker war die Seele der E-Street-Band und hat inzwischen in New Jersey sogar seinen offiziellen Gedenktag, den "Clarence Clemons Day". Es ist der 11. Januar, sein Geburtstag. "High Hopes" erscheint am 14. Januar. Der Boss selbst nennt das Werk eine "Anomalie", eine Mischung aus Alt und Neu, aus nie veröffentlichtem Live-Material und Überbleibseln andere Produktionen. Ein großes Reste-Essen. Immerhin: "Alle Songs habe ein ähnliches Klangbild."

Das mag sein, doch leider ist nicht jede Politur eines Klassikers gelungen. "American Skin (41 Shots)", Springsteens Reaktion auf den Tod von Amadou Diallo, der 1999 von der New Yorker Polizei in einem Kugelhagel erschossen wurde, gerät im Duett mit Morello zur öden Rocknummer. Noch schlimmer ist die verhunzte Version von "The Ghost of Tom Joad". Der Song und Titeltrack des gleichnamigen Albums aus dem Jahr 1995 zählt zu Springsteens brillantesten Stücken. Ein fast meditatives Lied, das seine Kraft aus dem zwingendem Gesang schöpft und nun Morellos Furie zum Opfer fällt. Ärgerlich. Das haben weder Tom Joad noch Bruce Springsteen verdient.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.01.2014

Maja Heinrich

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