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Retter der Nachbarschaft: Netflix-Serie „Daredevil“ zeigt die düstere Seite von Marvel

Retter der Nachbarschaft: Netflix-Serie „Daredevil“ zeigt die düstere Seite von Marvel

Dieser Held ist es auch: Matt Murdock blutet, schwitzt und leidet. Bevor sich nächste Woche im Kino wieder die strahlenden Helden der „Avengers“ um die Rettung der Welt kümmern, zeigt eine neue Serie des Online- Streamingdienstes Netflix („House of Cards“) die Schattenseiten des Marvel-Comicuniversums: „Daredevil“.

Gerechtigkeit ist blind. Die 1964 von Comiclegende Stan Lee entwickelte Figur gilt als verletzlichster aller Marvel-Helden – und als einer der widersprüchlichsten: Tagsüber vertritt dieser Matt Murdock als Anwalt das Gesetz, nachts bricht er es als Vigilant und übt Selbstjustiz. Seine Gegner sind allerdings anders als bei seinen Kinokollegen „Iron Man“, „Thor“ und „Captain America“, nicht irgendwelche ausländischen Potentaten mit Gewaltfantasien, sondern ganz irdische Verbrecher wie Drogendealer und Menschenhändler.

Durch einen Unfall mit chemischen Stoffen in der Kindheit ist er erblindet; im Gegenzug schärften sich alle anderen Sinne übernatürlich stark. Charlie Cox – Serienfans aus „Boardwalk Empire“ bekannt – spielt diesen Teufelskerl als aufrechten Kämpfer mit nur mühsam unterdrückter Wut. Mit seinem Freund Fogg Nelson (Eldon Henson) eröffnet er eine Anwaltskanzlei. Fall für Fall und Folge für Folge wird so eine ganze Welt aufgefächert, die erst allmählich mit weiteren Figuren bevölkert wird: mit der Sekretärin Karen Page etwa (Deborah Ann Woll), mit der in den Comics als „Night Nurse“ bekannten Krankenschwester Claire Temple (Rosario Dawson), schließlich mit dem mächtigen Gegenspieler Wilson Fisk alias der Kingpin (Vincent D’Onofrio).

Das alles ist herausragend gespielt und hervorragend geschrieben. Steven DeKnight inszeniert die Serie mit kaltem Realismus, gespickt mit perfekt choreografierten, allerdings nicht gerade zimperlichen Actionszenen. Die Serie ist somit zugleich eine Ehrenrettung der Figur, deren bislang einziger Kinoauftritt von 2003 (mit Ben Affleck) als missglückt gewertet werden muss. Die Macher orientieren sich ausdrücklich nicht an anderen, sehr knalligen Superhelden-Serien wie „Arrow“ oder „Agents of S.H.I.E.L.D.“, sondern an „The Wire“, jener hochgelobten Kriminalserie, die zugleich eine genaue Milieustudie der postindustriellen Gesellschaft ist. „Die Avengers sind da, um das Universum zu retten, Daredevil rettet die Nachbarschaft“, beschrieb Marvels Fernsehchef Jeph Loeb das Konzept.

Tonal könnte diese sehr düstere, sehr geerdete und – ja, auch das – sehr brutale Bodenoffensive kaum weiter entfernt sein von Marvels strahlenden Leinwandhelden, die in den „Avengers“ gemeinsame Sache machen. Und doch hat man sich die Kinoserie formal zum Vorbild genommen: „Daredevil“ ist nur die erste von geplanten vier, jeweils 13-teiligen Netflixserien über Marvel- Helden auf Straßenebene, es folgen noch „A.K.A. Jessica Jones“, „Iron Fist“ und „Luke Cage“. Abschließend werden die Figuren in „The Defenders“ zusammengeführt. Dabei spielt wie üblich alles im selben Universum: Die Büroräume, die Murdock und Nelson beziehen, sind in der Serie nur deswegen so günstig, weil die Nachbarschaft – das in unserer Welt gründlich gentrifizierte Hell’s Kitchen in New York – im Finale des ersten „Avengers“- Films in Schutt und Asche gelegt worden war.

„Daredevil“ | Netflix

Fantasyserie aus dem Marvel-Universum

Alle 13 Folgen bei Netflix abrufbar

Stefan Gohlisch

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