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Rettungsbojen in der Zeit - Yasmina Rezas Roman "Glücklich die Glücklichen"

Rettungsbojen in der Zeit - Yasmina Rezas Roman "Glücklich die Glücklichen"

Yasmina Reza zeigt in kleinen Zerstörungen das, was wir groß das Leben nennen. Und das mit gar nicht großen Worten. Ihre weltweit gespielten Theaterstücke erheitern mit Abgründen und Desillusion: "Kunst", "Drei Mal Leben" oder "Der Gott des Gemetzels".

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Theater- und Romanautorin Yasmina Reza.

Quelle: dpa

Sie kann es einfach. Doch auch in ihrer Prosa überzeugt die französische Schriftstellerin mit Komödien der Verzweiflung. Nun ist Rezas Roman "Glücklich die Glücklichen" erschienen.

Der Titel spielt an auf Jorge Luis Borges: "Glücklich die Geliebten und die Liebenden und die auf die Liebe verzichten können. Glücklich die Glücklichen".

Ein weites Feld. Yasmina Reza parzelliert es. Sie lässt die Figuren einzeln und nacheinander sprechen, berichten von dem, was sie unmittelbar bewegt: ein Streit im Supermarkt, eine Eskalation beim Bridge-Turnier, der Kauf eines Kleides, das Warten auf die Strahlentherapie, der Trübsinn der Liebhaber, wenn sich außerhalb vom Bett nichts mehr tut. Meist Momente der Einsamkeit.

Das Besondere ist, dass fast alle einander irgendwie kennen, fast alle - Schauspielerin, Banker, Anwältin, Journalist, Arzt oder Spieler - miteinander zu schaffen haben. Nicht allein in Familien. Dort sogar am wenigsten. Bei einer Beerdigung schließlich treffen sie aufeinander. Das wäre nicht nötig gewesen, macht es aber den Lesern leichter. Die finden sich wieder in Episoden mit den von Reza perfektionierten richtigen Sätzen im nur fast richtigen Moment. Und umgekehrt.

Nicht nur in der Ehe wird ein Gespräch rasch zur Gerichtsverhandlung, ein Dialog zum Gefecht. Meist geschieht gar nicht viel, doch das am Abgrund. Die Pariser Mittelschicht tingelt durch einem Alltag zwischen Depression und Erfolg. Und würzt das Arrangement gelegentlich frivol nach. Eine kalte Suppe wirkt durch Pfeffer zwar wärmer - wird aber nicht heiß.

So rückt sich hier jede und jeder eine Art Glück zurecht, genau genommen die Brille für den Blick darauf. Die 70-jährige Jeannette bezeichnet ihren Mann Ernest als gerissen, verlogen, gnadenlos. "Frauen fliegen auf fürchterliche Männer, weil fürchterliche Männer immer Maske tragen, als gingen sie zum Ball. Sie kommen mit Mandolinen und Partykostümen." Für seinen Schwiegersohn hingegen ist Ernest ein Freund, "der über eine Vision vom Dasein" verfügt. "Das ist ziemlich rar. Die Leute haben keine Vision vom Dasein. Sie haben nur Meinungen."

Luc trifft sich nicht mehr mit Paola, weil "irgendwann bei jeder Kurtisane die gute Frau durchschlägt", die ihn überdies zu Dichterlesungen schleppt. Damien verliebt sich in Géraldine, weil sie seine Leidenschaft für "Pim's-Kekse" teilt. "Paare widern mich an", sagt Chantal, die eine Affäre mit dem Staatssekretär für Tourismus und Handwerk hat. "Ihr gemeinsames Einschrumpeln, ihre staubige Komplizenschaft." Sie verachtet beide Seiten, und ihr "einziges Ziel besteht darin, sie zu zerstören". Zweifellos ist es Chantal selbst, die daran zerbricht.

Das Leiden an der Liebe gehört hier unbedingt dazu, und Philip, ein Arzt, will es spüren. Der Onkologe unterrichtet, seine Artikel erscheinen in internationalen Zeitschriften, er macht "im Jahr ungefähr fünfzehn Kongresse mit". Nachts streift er durch die Straßen, um für Sex mit Männern zu bezahlen, die ihn schlagen. "Ich tue das, was ich im realen Leben nicht zu erreichen weiß: ich gehe auf die Knie, ich liefere mich aus." Wie man zur Liebe findet, hängt auch davon ab, auf welchem Weg man ihr zum ersten Mal begegnet ist.

Bei Reza sind Beziehungen erstarrt in Pragmatismus, banalisiert in Ritualen, verborgen vor der eigenen Courage. Eine Konfrontation der Gegenwart mit den Erwartungen aus Kindertagen macht selten froh. "Vielleicht ist es gar nicht gut für das Leben, wenn man in der Kindheit glücklich ist?", fragt Lionel, dessen Sohn sich für Céline Dion hält, was nur in der Psychiatrie halbwegs akzeptiert wird.

Yasmina Reza setzt das alles so komisch wie böse in Szene. Ihr Timing ist perfekt. Dabei erzählt sie weniger mit sprachlicher Raffinesse als mit dramaturgischem Witz. Im Kopf entstehen Bilder, die anrühren, weil sie stimmen; so einfach - und dabei so wahr.

"Rémi rettet mich vor Robert, vor der verstreichenden Zeit und vor allen Arten von Melancholie", sagt Odile über ihren Liebhaber. Hin und wieder schaukeln Rettungsbojen in der Zeit.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.02.2014

Janina Fleischer

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