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Revuen des Grauens mit Heidi und Heiner in der Festspielarena des Centraltheaters

Revuen des Grauens mit Heidi und Heiner in der Festspielarena des Centraltheaters

Was hat Heiner Müller mit Heidi Klum zu tun? Was ein Stück wie "Die Schlacht" mit "Germany's Next Topmodel"? Und was der Faschismus mit einer Casting Show? Zeit, diese Fragen mal auf einer Bühne durchzuspielen.

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Revue des Grauens: Szene aus der "Top Müller Schlacht" mit Ingolf Müller-Beck (l.), Barbara Trommer, Lea Draeger und dem "Büchner-Chor".

Quelle: Rolf ArnoldCentraltheater

Am Donnerstag hatte im Centraltheater "Top Müller Schlacht" Premiere. Regie führte Thomas Thieme. Und der lässt seine Inszenierung im wahrsten Sinne aufmarschieren. Ins Arena-Rund stapft ein bizarres Ensemble: Zombies des Show-Bizz im Glitzerfummel, Gespenster der Geschichte und Ungeister des TV, Traumatisierte und Hirntote. Auferstandene aus der Gruft der Geschichte und des Irrsinns.

Ekel, sagte einmal Heiner Müller, sei ein gutes Stimulans für Kunst. Der Schauspieler und Regisseur Thomas Thieme dürfte das wohl unterschreiben. Allein die Idee, "Die Schlacht" mit "Germany's Next Topmodel" kollidieren zu lassen, mag man als Indiz dafür lesen. Müllers frühes Stück über die Delirien des deutschen Faschismus treffen auf die Gegenwartsdelirien des deutschen Privat-TV. Die Funken, die hier sprühen, beleuchten dann auch tatsächlich eine grobe Schweißnaht: "Die Schlacht" und "GNTM" - zwei Revuen des Grauens. Thieme lässt sie auf der Bühne erstehen.

Freilich ist das von bewusst fratzenhafter Verzerrung. Es deckt sich hier der Irrsinn der Geschichte mit dem Stumpfsinn einschlägiger TV-Unterhaltung. Barbara Trommer dabei als Heidi Klum zu sehen, macht Spaß. Gut karikiert ist sie die Heidi-Mischung aus gouvernantenhafter Strenge, herablassendem Wohlwollen und rhetorischem Leerlauf. Den flankieren hyperventilierend Manolo Bertling und Ingolf Müller-Beck als Assistenten. Zwei parfümierte Schoßhündchen und hysterische Lackaffen. Dass dazu Darsteller im Seniorenalter (Mitglieder des einst für Thiemes Leipziger Woyzeck-Inszenierung initiierten Büchner-Chors) als Model-Kandidaten das Gewäsch dieses Trios ertragen müssen, macht die Horror-Revue perfekt.

Weniger perfekt ist, wie Thieme den Rahmen füllt. Stalingrad und Privat-TV werden zwar als "aneinander gekettete Tribute des deutschen Untergangs" deklariert, aber die Kausalitäten-Kette, die auf der Bühne zum Klimpern gebracht wird, vermag das nicht wirklich zu zeigen. Müller-Szenen und kommunistische Kampflieder, Heidi und Heiner in der Verbalschlacht - die Funken der Kollisionen verglühen mit der Gewöhnung. Und Sätze wie "Mein Führer, sag uns endlich, wer Germany's next Topmodel wird" oder "Raus aus den Klamotten, rein in die SS!" haben bald nur noch die Funktion, die auch Heidis High Heels haben: etwas größer und sexier zu machen, als es ist.

Heiner Müller: "Wenn du siehst, dass der Baum keine Äpfel mehr bringt, dass er anfängt zu verfaulen, gräbst du nach den Wurzeln." Das ist es, was Müllers Stücke versuchten: Wurzeln frei zu legen. Thiemes Inszenierung aber gräbt nicht, sondern buddelt im Sandkasten. Das zu sehen, ist so kurzweilig, wie es eine gute Show sein kann. Der deutsche Untergang- eine böse Travestie. Man kann bestens darüber lachen. Nicht mehr, nicht weniger.

 

 

Weitere Vorstellungen: Samstag 19 Uhr, Sonntag 20 Uhr. Am Sonntag, 11 Uhr: Matinee mit Sophie Rois, Festspielarena im Centraltheater: 0341 1268168, www.schauspiel-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.03.2013

Steffen Georgi

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