Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Riccardo Chailly dirigiert Schostakowitsch und Rachmaninoff

Großes Concert des Gewandhausorchesters Riccardo Chailly dirigiert Schostakowitsch und Rachmaninoff

Werke von Dmitri Schostakowitsch und Sergej Rachmaninoff stehen in den drei Großen Concerten des Gewandhausorchesters auf dem Programm. Zum drittletzten Mal steht dabei Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly am Pult. Solist in Schostakowitschs zweitem Violinkonzert ist Vadim Gluzman.

Noch-Gewandhauskapellmeister Ricardo Chailly

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Mit zwei Russen fing alles an: Im Dezember 2001 dirigierte Riccardo Chailly in einem Großen Concert außer der Reihe erstmals das Gewandhausorchester in Leipzig. Auf dem Programm standen Werke von Tschaikowski und Prokofjew. Danach wurden die Weichen so gestellt, dass er 2005 das Amt des Gewandhauskapellmeisters antreten konnte. Nun, gut 14 Jahre später, stehen die Zeichen auf Abschied, und zwei Russen markieren den Anfang vom Ende. Aber weil viel Zeit vergangen ist, das Orchester an diesem Chef reifte – und umgekehrt, rücken auch die Russen sozusagen jeweils eine Generation vor: Sergej Rachmaninoff, der ästhetische Ziehsohn Tschaikowskis, und Dmitri Schostakowitsch, sein Enkel im Geiste, liefern die Musik zu den drei reichlich kurzen Großen Concerten dieser Woche. Es sind die drittletzten der Ära Chailly.

Es beginnt merkwürdig grob. Was nicht nur an der lärmenden Giftigkeit der drei Sätze von Schostakowitschs Suite aus seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ liegt, sondern auch an der offenkundigen Übellaunigkeit des Gewandhauskapellmeisters, dem vielleicht noch der Trauergottesdienst für Kurt Masur vom Vormittag in den Knochen steckt. Jedenfalls lässt er diese grelle Jahrmarktsmusik, der als Suite die szenische Legitimation fehlt, beinahe verbissen besonders giftig lärmen. Das entwickelt in seiner bösartigen Motorik durchaus einen gewissen Reiz. Doch würde der mit Ansätzen klanglicher Balance noch weitaus größer ausfallen können.

Die Sonne geht erst in Schostakowitschs letztem Instrumental-, seinem zweiten Violinkonzert auf und scheint im herrlichen Adagio matt durch die Nebel tiefer Traurigkeit, die der Komponist diesem Werk mit auf den Weg gegeben hat. Vadim Gluzman ist der Solist dieses enorm anspruchsvollen, so tief- wie abgründigen Konzerts. Und er macht seine Sache grandios: So hoch Schostakowitsch auch die Anforderungen türmt, Gluzman lässt mit überlegener Musikalität seine Stradivari singen. Groß ist sein Ton, erdig, substanziell, lebendig auch im Passagenwerk oder auf den weiten polyphonen Feldern der Kadenzen. Gluzmans kein Risiko scheuendes und doch makelloses Spiel bleibt in jedem Augenblick der Schönheit verpflichtet und der Wahrhaftigkeit, schert sich einen feuchten Kehricht um die virtuosen Effekte, die Schostakowitsch durchaus anböte. Er singt dieses schorfige Meisterwerk von innen heraus, jeden Ton mit Bedeutung aufladend und aus der Logik des sinfonischen Filigrans entwickelnd, das Chailly und sein Gewandhausorchester ihm anbieten.

Das braucht im Kopfsatz noch ein wenig, um einzurasten. In Tempofragen umschleichen und belauern sich Solist und Orchester eine Zeit lang, bis sie geschmeidig aufeinander zu reagieren beginnen. Doch bald sind im Gewirk der solistisch (Flöte, Horn!) und im Satz rundum phänomenalen Bläser, im dichten Geflecht der Streicher um Konzertmeister Sebastian Breuninger die Sterne deutlich zu sehen, münden elf gemeinsame Jahre mit Riccardo Chailly, der hier auch wieder verstärkt auf die inspirierende Magie seiner Linken setzt, in eine ernste Sinnlichkeit, die Schostakowitschs Konzert auch für den Hörer jeden Schrecken nimmt. Und die Wonnen des zentralen Adagio zeigen, dass die Kategorien satztechnischer Moderne immer schon unerheblich waren für Qualität und Bedeutung von Musik.

Was auch Rachmaninoffs orchestraler Schwanengesang, die Sinfonischen Tänze von 1940, eindrucksvoll belegen. Natürlich komponierten viele zu dieser Zeit anders, moderner, wilder. Aber komponierten sie darum automatisch besser? Gewiss nicht. Zumal Chailly in den drei Sätzen nicht nach gefälliger Larmoyanz sucht, sondern durchaus auch Wucht und Sprengkraft zutage fördert.

Rachmaninoff zieht hier die Summe seines Schaffens, versichert sich durch Zitate und Neubewertungen von Material aus früheren Werken, seiner ersten Sinfonie zum Beispiel, der Tauglichkeit seiner Erfindungskraft, und erschafft daraus eine völlig neue musikalische Welt. Diese Sinfonischen Tänze, bei denen der Akzent deutlich mehr auf der Sinfonik liegt als auf dem Tanz, sind virtuos aus motivischen Zellen entwickelt, die der Komponist zu unendlichen Melodien vor allem in den wieder atemberaubenden Bläsern (Oboe, Flöte, Englisch Horn ...) auffaltet oder zu treibenden, pulsenden, schmeichelnden, gleißenden polyphonen Gebirgen schichtet. Chailly folgt dieser sinfonischen Konstruktionsarbeit mit aufmerksamer Akkuratesse, lässt Sinnlichkeit, Üppigkeit, Zärtlichkeit, Sentiment, auch Überrumpelung durchaus zu. Aber nie so weit, dass sie sozusagen filmmusikalisch Selbstzweck würden. So gespielt, so suchend skrupulös in der Herangehensweiswe, so emotional zwingend im Detail, ist das richtig große Musik.

Schade, dass der geplante Rachmaninoff-Zyklus mit Chailly und dem Gewandhausorchester wegen der Umorientierung des italienischen Chefs wieder gestrichen wurde. Ein besseres Orchester als dieses kann er sich für diese Musik kaum wünschen, und so muss das der Mailänder Scala sie erst einmal spielen.

Darum, weil der Leipziger Rachmaninoff-Gipfelsturm mit Chailly schon an der ersten Steigung wieder endet, macht dieses letzte russische Große Concert einer Ära, die mit einem großen russischen Konzert begann, mehr als nur ein wenig wehmütig. Was dem Jubel im voll besetzten Saal keinen Abbruch tut. Und am Ende scheint auch die Laune des Maestro sich deutlich verbessert zu haben.

Das Konzert wird am Freitag, 15 Januar, 29 Uhr, und am Sonntag, 17. Januar, 11 Uhr, wiederholt. An der Tageskasse gibt es noch einige Restkarten (5– 65 Euro)

Von Peter Korfmacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr