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Riccardo Chailly und Lars Vogt im Großen Conctert: Über Analyse zur Emotion

Riccardo Chailly und Lars Vogt im Großen Conctert: Über Analyse zur Emotion

Giftig klingt Lukas Benos Solo-Trompete, böse. Erbarmungslos sind die Crescendi, nachgeschärft die doppelten Punktierungen. Auf volles Risiko spielt er diesen einsamen Beginn von Gustav Mahlers Fünfter.

Riccardo Chailly und Lars Vogt musizieren Griegs Klavierkonzert.

Quelle: Gert Mothes

Und dass dieses Risiko am Donnerstagabend auch unschöne Folgen zeitigt, wiegt weniger schwer, als die Energie, die Beno in den Saal pumpt. Die Energie, aus der Riccardo Chailly am Tag nach seinem 60. Geburtstag den Kopfsatz entwickeln kann, diesen brodelnden Trauermarsch, der am Schluss, wenn die Aggression der Trompete im flüchtigen Pianissimo der Querflöte verhaucht.

Diesen Moment behält Chailly fest im Blick, gibt so der Architektur des Satzes ein Ziel über alle Brüche und Umschwünge hinweg. Beinahe atemlos geht es voran - und wirklich atemlos nimmt das "Stürmisch bewegt" den Impuls wieder auf. Auch die Gemütlichkeit des Scherzo schein vergiftet. Erst im Adagietto lässt Chailly Ruhe zu. Die indes nichts mit Entspannung, Harmlosigkeit gar zu tun hat. "Sehr langsam" schrieb Mahler über den Satz, gewiss. Doch ist es die Langsamkeit der Viertel. Die Triolen der Harfe aber, sie müssen fließen. Dann leuchtet der Satz so entrückt und sanft wie hier. Dann ist zu hören, dass es sich um ein Liebes-Tableau in Tönen handelt, nicht um eine Totenfeier in Venedig.

Nach dieser der Welt abhanden gekommen Schönheit scheint das Rondo-Finale gleichsam geläutert in Heiterkeit. Doch die Fugen-Reflexe verhärten sich alsbald, und zum bösen Schluss reißt der Strudel der Beschleunigung alles mit in den Abgrund der trockenen Schlussakkorde - und die Militärtrompete könnte von vorn beginnen.

Dieses abgründige Bogenform, auch die Unerbittlichkeit im Vorwärtsdrang, die zarte Verheißung des Adagietto, sie gaben bereits vor sechs Jahren dem Werk das Format, als Chailly es zuletzt mit dem Gewandhausorchester aufführte. Und doch ist diesmal vieles anders: Neben dem Architekten Mahler und dem Beherrscher der Emotion verhelfen Chailly und sein Orchester nun überdies dem Instrumentations-Großmeister zu seinem Recht. Mahler konnte wie sonst nur Strauss und Puccini (der derlei indes ganz anders nutzte) orchestrieren. Bleibt in diesem gewaltigen Orchestersatz also etwas auf der Strecke, liegt es am Orchester oder seinem Leiter.

In den großen Concerten dieser Woche indes bleibt nichts auf der Strecke. Wie Chailly die Registerwechsel färbt, die diesmal durch die Bank sensationellen Holzbläser atmen und singen und granteln lässt; wie die Streicher um Konzertmeister Sebastian Breuninger leuchten und schwingen und funkeln und schreien; wie das Blech, die fabelhaften Hörner zumal, all seine Autorität in die Waagschale wirft, ohne den Rest zu übertönen, das schärft den Blick auf die Details der herrlichen Partitur. Von denen der stehend gefeierte Gewandhauskapellmeister und sein Orchester keines unbeachtet lassen - ohne indes aus Mahlers Fünfter ein Puzzle schöner Stellen zu machen.

Das gelingt bereits vor der Pause bei Edvard Griegs a-moll-Klavierkonzert. Am Flügel sitzt Lars Vogt, Jahrgang 1970, einer der interessantesten deutschen Pianisten unserer Zeit. Auch Vogt gibt sich nicht mit oberflächlicher Schönheit zufrieden, sondern erkundet mit seinem nuancenreichen Anschlag die Strukturen hinter und unter den Wonnen in Melodie und Harmonie. Sein Spiel tendiert zur Herbheit. Nicht, weil er es nicht sanft und sacht perlen lassen könnte. Das beweist der chopineske Zauber im Mittelsatz. Sondern weil Vogt nicht den direkten Weg zur Seele sucht, sondern über die Analyse zur Emotion vordringt. Und zu einer Intensität, die mit reinem Schönklang kaum zu erzielen wäre. Die überdies Vogt so beansprucht, dass er beinahe mit Gewalt die Finger von den Tasten reißen muss, wenn Chailly und Gewandhausorchester zwischendrin immer mal wieder allein das Sagen haben.

Das Orchester nimmt sie mit traumwandlerischer Sicherheit auf, die Farben und die Ästhetik des Pianisten. Der bedankt sich mit Chopins posthumem cis-moll-Nocturne für die Bravi, ganz schlicht, ganz weise, ganz zauberisch in seiner beherrschten Melancholie.

iMahlers Fünfte wird heute, 20 Uhr, im Großen Concert wiederholt. Daneben gibt es Mendelssohns Ruy-Blas-Ouvertüre und die Uraufführung von Thomas Daniel Schlees Orgelkonzert "Rufe zu mir". Das Konzert ist ausverkauft.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.02.2013

Peter Korfmacher

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