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Rimini Protokoll zeigen „Mein Kampf“ im Schauspiel Leipzig

Theater Rimini Protokoll zeigen „Mein Kampf“ im Schauspiel Leipzig

Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ wurde bis 1945 millionenfach gedruckt. Und verschwand dann im Giftschrank. Die Theater-Performer Rimini Protokoll folgen in ihrer Inszenierung der Spur des Propaganda-Werks bis heute. Und beleuchten dessen Wirkung beim Leipziger Gastspiel aus überraschenden Perspektiven.

Rimini Protokoll untersuchen Hitlers „Mein Kampf“ auf der Bühne.

Quelle: Candy Welz

Leipzig.

Einen Prozess mit den Mitteln des Theaters könnte nun erwarten, wer dem Stück „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“, inszeniert von Rimini Protokoll, beim Gastspiel gestern und am Mittwochabend im Leipziger Schauspiel folgte. Doch darum geht es nicht in dieser suchenden Inszenierung, nicht um eine einfache Abrechnung mit Hetztiraden, nicht um Anklage und schon gar nicht um einen Schuldspruch. Der liegt auf der Hand. Helgard Haug und Daniel Wetzel, die Macher des Abends, beleuchten das Propaganda-Konvolut multiperspektivisch, ordnen es ein in die Geschichte, fragen nach seinen Bedeutungsebenen und der Gefahr, die bis heute davon ausgeht – und setzen es in Bezug zum Leben der fünf Personen auf der Bühne.

Dass das Konzept ohne professionelle Schauspieler aufgehen kann, setzt ein sorgfältiges Casting voraus. Und das ist den Machern gelungen. An den fünf Spielern und ihrer jeweiligen Verbindung oder Konfrontation mit Buch, Nazi-Zeit oder heutigen neonazistischen Auswüchsen – ob als Jurist, Israeli, musizierender Deutsch-Türke oder Spross einer Familie mit schuldhafter Verstrickung in die Nazi-Epoche – lassen sich die Fragen des Abends exemplarisch aufspannen. Ohne Pathos, ohne Betroffenheitsdünkel, aber ehrlich, zweifelnd und mit Humor.

Ausgangspunkt der Recherche war für Rimini Protokoll die Suche nach Ausgaben von „Mein Kampf“ rund um den Erdball. Von Chile bis Iran sind sie fündig geworden. Man erfährt von der Debatte in Israel, die der hebräischen Ausgabe vorausging. Volkan T Error hat aus der Türkei eine Manga-Ausgabe mitgebracht. 180 Seiten Hitler-Biografie. „Dann zwei Seiten über die Machtergreifung, eine Seite über den Zweiten Weltkrieg“, erzählt er beim Durchblättern. Christian Spremberg liest aus einer antiquarischen Ausgabe in Braille-Schrift vor. Auch in Blindenschrift wurde das Buch verbreitet. Insgesamt lag die Auflage der Hetzschrift, im Krieg als mentales Rüstzeug für das Volk in bizarren Größenordnungen gedruckt, 1944 bei rund 12,5 Millionen Exemplaren.

Und dann, ein Jahr später, als der Spuk vorbei war, als es darum ging, sich zu distanzieren? Wurde das Buch verbrannt, vergraben, versteckt oder diente es „für einige Wochen als Klopapier“, wie Sibylla Flügge vermutet?

Matthias Hageböck hat in seinem Garten gegraben und Nazi-Abzeichen gefunden. Die Inszenierung nimmt die Spur des Buches also auch nach der Nazizeit auf, fragt nach der Wirkung in verschiedenen Epochen. Bis heute. Und zieht vorsichtig geschichtliche Linien aus der Familie von Flügge, deren Schwester als RAF-Kämpferin untertauchte. Linke Gewalt gegen faschistische Gewalt. Gedanken über den Wert eines Lebens, den die Schwester in ihrem ideologischen Abschiedsbrief formuliert. Da ist es nur ein kleiner Schritt zur millionenfachen Negierung von Leben, wie in „Mein Kampf“ postuliert. Dieses Buch, ist es noch gefährlich? Verführt es – und wenn ja, wegen des Inhalts oder als Fetisch?

Fragen, die den Abend über mitschwingen und nicht nur intellektuell verhandelt werden. Mal spielerisch, wenn sich die Akteure in offener Selbstbefragung auf die Ja- oder Nein-Seite der Bühne stellen. Eine Art Lieblingselement des gegenwärtigen analytischen Theaters. Und immer noch wirkungsvoll, weil sich das Publikum unwillkürlich stumm selbst positioniert.

Musiker T Volkan Error sucht die ästhetische Ebene, befragt die Mitspieler, wie „Mein Kampf“ für sie klinge und setzt es elektronisch um.

Der Abend nimmt dem Buch die Aura des Verbotenen, ohne es zu verharmlosen. Doch verboten war nur der Nachdruck des 1925 und 1926 in zwei Bänden erschienenen Werks, nicht der Besitz. Dennoch bleibt ein Rest Unbehagen. Juristin Anna Gilsbach (die später die spitzfindigen Bedingungen erörtert, unter denen „Mein Kampf“ heute verbreitet werden darf, ohne dass es als propagandistisches Tun justiziabel ist) gesteht, das Buch nur unter dem Kürzel „MK“ in ihrem Reader zu speichern. Sie wolle nicht, dass die falschen Schlüsse gezogen werden.

Alon Kraus, Rechtsanwalt aus Tel Aviv, hat andere Voraussetzungen. Er provoziere gern, sagt er. Und will noch besser Deutsch lernen. Das kombiniert er damit, dass er Facebook-Freund der NPD ist. „Da lerne ich viele neue Vokabeln.“ Auch hier schwingt, wie so oft an diesem Abend, die Frage nach der Legitimität unausgesprochen mit.

Flügge erzählt, wie sie Hitlers Hetzschrift als Jugendliche, mit Che-Guevara-Poster an der Wand, gelesen hat, wie sie die wichtigsten Stellen zusammenfasste. Wie ihr klar wurde, dass das Buch „eine Anleitung für Verführer“ sei.

Inhaltlich arbeitet der Abend knapp Hitlers Grundthese vom „Kampf als Lebenselexier“ heraus. Schaut, wie er sich als Opfer, als missachtete Person stilisiert. Was sich deckt mit moderner Hirnforschung, wonach solcherlei Gefühle das Schmerzzentrum im Hirn tangieren und zu Aggressivität führen können. Und als dritte Säule, ebenso knapp, wird die antisemitische Propaganda beleuchtet, das Einschwören auf den Feind, den zu bekämpfen Hitler in die Nähe eines Gott-gewollten Tuns rückt. Inhaltlich, auch nach der Tat, immer noch erschreckend. Stilistisch, findet Alon Kraus, sei das Buch keineswegs so lächerlich wie gern behauptet, sondern im Mittelmaß der Literatur der Zeit angesiedelt.

Mag sein, dass der ein oder andere ein tieferes Eindringen in den Text erwartet hat. Das freilich ist in der Selbstlektüre auch im Anschluss an den so sprunghaften wie inspirierenden Abend möglich. Seit diesem Jahr durch die Publikation einer kommentierten Neuauflage einfacher denn je. Der Theaterabend motiviert dazu. Die kritische Auseinandersetzung mit „Mein Kampf“, auch das wird unterschwellig deutlich, bleibt gerade in diesen Zeiten wichtig, da auf der Straße „Mein-Kampf“-Vokabeln wie „Lügenpresse“ wieder ganz unbefangen skandiert werden.

Von Dimo Riess

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