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Risikofaktor Publikum: Mëhrtyrer-Premiere von „Die 120 Tage“ im Lofft

Werkstattmacher Risikofaktor Publikum: Mëhrtyrer-Premiere von „Die 120 Tage“ im Lofft

Ein Textbuch gibt es nicht. Die Theatergruppe Mëhrtyrer führt in ihrem Stück „Die 120 Tage“ nach Marquis de Sade, das am Montag auf der Werkstattbühne im Lofft Premiere hatte, nur eine Struktur ein. Und Spielregeln – die zu befolgen oder nicht, beim Publikum liegt.

Bei ihnen darf das Publikum nicht nur Zuschauer sein: Mëhrtyrer im Lofft.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Mensch ist nur eine anonyme Nummer. Was das Plakat schon andeutet, bekommen die Besucher der Werkstattmacher-Premiere im Lofft am Montagabend beim Einlass deutlich zu spüren: Die Zuschauer werden nummeriert, ein buntes Band am Handgelenk nimmt ihnen die Individualität, sobald sie den schwarzen Saal betreten. Ein Textbuch gibt es nicht, das sich „Mëhrtyrer and friends“ für ihr Stück ausgedacht haben, das in Zusammenarbeit mit Werkstattmacherin Mona Magdalena Bittner entstanden ist. Es gibt eine Struktur, Spielregeln, auf die sich das Publikum blind einlassen soll, und das Thema kann aktueller nicht sein: Voyeurismus und Perversion. Das alles basiert auf Motiven des Episodenromans „Die 120 Tage von Sodom“, obszönen Erzählungen über sadistische Sexualpraktiken aus der Feder von Marquis de Sade. Die freie Spielweise soll das Publikum dazu bringen, die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen und den Blickwinkel zu wechseln, zwischen Voyeur und Akteur, Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Unbehagliches Schweigen herrscht in dem schwarzen, fast leeren Saal. Die Zuschauer drücken sich an den Wänden herum, verunsichert vom Rollentausch, den die Schauspieler provoziert haben. Zu viert sitzen sie auf einer Tribüne, mit Klemmbrettern auf dem Schoß mustern sie ihr Publikum. Ansonsten ist der Saal leer: reine Spielfläche bis auf einen schwarzen Klotz in der Mitte, auf dem eine pinkfarbene Phallusnachbildung mit einem einzelnen Scheinwerfer bestrahlt wird. Als schließlich Fahrstuhlmusik die peinliche Stille durchbricht, steigert sich die Nervosität der einen, während andere Zuschauer entspannt im Takt der Musik wippen.

Beunruhigende Atmosphäre

Als die Schauspieler endlich in Aktion treten, haben die Zuschauer jedoch nicht wie sonst die Möglichkeit, sich entspannt zurückzulehnen und sich berieseln zu lassen. Einer nach dem anderen wird anhand seiner Nummer aufgefordert, aus der Gruppe vorzutreten und muss sich verschiedenste Fragen stellen lassen, die von alltäglichen Sachen bis zu kleinen Aufgaben reichen, die manche hart an die Grenzen ihrer Komfortzone treiben. Geblendet von Lampen am Tribünenrand entsteht eine beunruhigende Atmosphäre. Interessant ist dabei der individuelle Umgang mit der ungewohnten Situation – betont lässig, belustigt oder sichtlich nervös lassen die Einzelnen die Fragen über sich ergehen.

Die Schauspieler selbst fallen durch außergewöhnliche Kostümierung aus dem Rahmen, auch wenn sie sich unter die Menge mischen. In Bademantel oder Slip bewegen sie sich jedoch mit größter Selbstverständlichkeit, so dass die sozial angepasste Wahrnehmung des Zuschauers auf den Prüfstand gestellt wird. Was ist denn überhaupt normal?

Fast unerträgliche Intimität

Marquis de Sade selbst findet ebenfalls seinen Platz in der Inszenierung, in einem Kapitel über sexuelle Leichenschändung, während bei den Schauspielern Damian Popp, Jonathan Strobek, Jonas Schilling und Danilo Andrés immer mehr Hüllen fallen und sie schließlich nur noch in Unterhose dastehen. Das darauffolgende Gespräch über Filterkaffee und seine bevorzugte Zubereitung, die einzige Szene, in der das Publikum wirklich nur Publikum sein darf, entwickelt durch ihre Banalität und die neu hergestellte Distanz zu den Akteuren eine fast unerträgliche Intimität, die den Voyeurismus im Alltag betont und den schwarzen Saal fast zu klein für alle Anwesenden wirken lässt.

Das Ende des Abends baut sich mit Hilfe des Publikums nach und nach auf, indem sie mit den Mit-Voyeuren in Aktion treten, kleine Aufgaben mit Requisiten absolvieren müssen und durch das Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl immer mehr Hemmungen überwinden. Andrés fordert die Gruppen mit spanischem Akzent auf: „And now we play.“

Das Konzept des Abends steht und fällt mit dem Publikum. Werkstattmacherin Julia Schlesinger gibt zu, dass deswegen ein gewisses Risiko besteht: „Die Zuschauer müssen sich natürlich darauf einlassen.“ Das Team geht daher aber auch jeden Abend anders auf die Menschen ein und lässt das vorbereitete Repertoire inspiriert von den jeweils Anwesenden weiterwachsen. Die Mëhrtyrer begeben sich am Dienstag und Mittwoch noch einmal zusammen mit dem Publikum auf eine Reise, deren Ende niemand absehen kann. Sicher ist jedoch, dass die Abende weiteren Stoff zum Nachdenken bieten und die Möglichkeit geben wird, den (eigenen) alltäglichen Voyeurismus mit anderen Augen zu sehen.

„Die 120 Tage“, erneut Dienstag und Mittwoch, jeweils 20 Uhr, Lofft (Lindenauer Markt 21), Eintritt 8/5 Euro

Von Katharina Stork

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