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Risto Joost dirigiert seinen sensationellen Chor, großartige Solisten und das MDR-Orchester

Wagner-Gala des MDR im Gewandhaus Risto Joost dirigiert seinen sensationellen Chor, großartige Solisten und das MDR-Orchester

Großflächige Ausschnitte aus den „Meistersingern“, „Parsifal“, „Tannhäuser“ und dem „Fliegenden Holländer“ standen am Sonntagabend auf dem Programm der von Risto Joost dirigierten Wagner-Gala im vollen Gewandhaus

Leipzig. Seit 2013, als Chefdirigent Kristjan Järvi mit seinen Klangkörpern am 200. Geburtstag des größten in Leipzig geborenen Komponisten zur kunterbunten Häppchen-Hölle in die Oper geladen hatte, schuldete der MDR dem Andenken Richard Wagners noch eine anständige Gala. Diese Schuld hat nun am 203. Geburtstag, am Sonntagabend im fast ausverkauften Gewandhaus, Chorchef Risto Joost abgetragen. Mit großflächigen jeweils rund halbstündigen Potpourri-Tableaux aus den „Meistersingern“, „Parsifal“, „Tannhäuser“ und dem „Fliegenden Holländer“. Mit großer Ernsthaftigkeit und großem Gesang.

Bei den Solisten beispielsweise hat der MDR in die Vollen gegriffen, ist auf dem Gipfel des Wagner-Gesangs auf Einkaufstour gegangen und hat die international gefeierte Sopranistin Camilla Nylund und den ebenfalls in aller Welt gefragten Gerd Grochowski ins Gewandhaus geholt. Und schon die beiden lohnen den Besuch des live auf MDR Kultur übertragenen Konzerts. Wie Nylund die Hallenarie und das Gebet der Elisabeth aus dem „Tannhäuser“ mit großer dramatischer Geste, aber ohne Hysterie, mit enormer, aber nie ausgestellter Kraft, mit ihrem unvergleichlich warmen und vielfarbigen Timbre nicht nur gestaltet, sondern belebt, das ist auf kleinem Raum große Charakterisierungskunst. Auch der Senta-Ballade aus dem „Holländer“ bleibt Nylund nichts schuldig und stattet überdies die eben erblühende Fraulichkeit dieser Rolle mit ganz andere Farben aus als die „Tannhäuser“-Heroine auf ihrem Weg zur Heiligkeit.

Dahinter muss Gerd Grochowski sich nicht verstecken. Ob als Sachs in den „Meistersingern“ als Gurnemanz im „Parsifal“ oder als Holländer – von diesem blitzsauber geführten Brokat-Bassbariton würde man gern mehr hören. Größere Ausschnitte erstens und zweitens mehr Details, die nicht untergehen im Wagner-Rausch eines dynamisch enthemmten Orchesters.

Da tut sich der gut 70-köpfige MDR-Chor schon Kraft seiner schieren Masse leichter. Die Masse ist indes nicht der Trumpf, mit dem Joosts ziemlich einzigartiges Gesangskombinat hier trumpft. Denn gerade am anderen Ende der Dynamik-Skala sind die Sängerinnen und Sänger für beglückende Momente gut: Die Frauen im Parsifal kann man in einem Opernhaus so eigentlich nie hören – auch nicht in Bayreuth. Ja selbst auf Platte wird die Luft dünn. Der sinnliche Pianissimo-Schmelz, der glasklare Oberton-Prunk, dazu das Durchsetzungsvermögen im Forte, wo die Damen auf Augenhöhe mit dem gleichfalls sensationellen Männerchor unterwegs sind, der seinerseits als Pilger-Masse oder Matrosen-Pulk, als Gralsritter-Total oder auf der Meistersinger-Festwiese die Sterne vom Himmel singt – das alles wirft die Frage auf, warum der MDR diesen einzigartigen Klangkörper nicht häufiger für große Chorsinfonik nutzt. Der Jubel im Saal jedenfalls zeigt eindrucksvoll, dass derlei auch beim Publikum bestens ankommt.

Das stört sich auch nicht an der bisweilen recht fragwürdigen Zusammenstellung der Gala. Wenn man etwa nur knapp 25 Minuten für einen Parforce-Ritt durch die „Meistersinger“ hat, scheint es mindestens allzu sorglos, darin auch Wagner Chauvinismus-Destillat der Schlussansprache Sachsens unterzubringen. Der hat in dieser Riesenoper gewiss Substanzielleres zu singen. Und Grochowskis Stimme hätte beispielsweise zum Flieder-Monolog sehr schön gepasst. Dann allerdings hätte Joost das Orchester weiter zurücknehmen müssen, als er es über weite Strecken des Abends tut.

Schlagtechnisch ist das gut, was er da macht, sehr gut sogar. Inspirierend ist es auch. Aber meist findet Joost den Lautstärkeregler nicht. Aus dem ohnehin schon durchweg zu lauten Blech plautzt die (zugegeben eindrucksvolle) Solotrompete noch einmal heraus, so dass schon im Anfangsakkord der „Meistersinger“-Ouvertüre die vielen Streicher (14er-Besetzung) nicht zu hören sind – wirklich gar nicht. Weil im Gegenzug fast immer alles sehr laut ist, scheidet eine dynamische Steigerungs-Dramaturgie von vornherein aus. Also steigt Joost, soll es besonders wuchtig werden, aufs Bremspedal, wird es in gewaltigen Ritardandi besonders langsam. Das ist wohl Folge seiner ungefilterten Wagner-Begeisterung, in die er sich rückhaltlos hineinfallen lässt.

Allen Ungereimtheiten zum Trotz , überträgt sich die auf viele seiner Musiker und aufs beinahe komplette Publikum. Man kann Wagner gewiss feinsinniger, eleganter, subtiler, mit dem Kopf also dirigieren, aber mit dem Bauch geht’s zur Not auch. Tumultuöser Jubel im Saal.

Von Peter Korfmacher

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