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Road-Roman und Depressionen - Rezension zu Moras „Ungeheuer“

Road-Roman und Depressionen - Rezension zu Moras „Ungeheuer“

Darius Kopp sitzt in einem tiefen Loch. Der Fachmann für drahtlose Computernetzwerke, der zum wiederholten Mal seinen Job verloren hat, wird mit dem Selbstmord seiner geliebten Frau Flora nicht fertig.

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Terézia Mora hat den Deutschen Buchpreis 2013 erhalten.

Quelle: dpa

Frankfurt/München. Erst verlässt der 46-Jährige monatelang seine Berliner Wohnung nicht mehr, dann macht er sich mit der Asche seiner Frau im Kofferraum auf den Weg in deren ungarische Heimat. „Ich muss die Urne endlich beerdigen.“ Terézia Moras Roman „Das Ungeheuer“ knüpft an die Figuren aus ihrem 2009 erschienenen „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ an - für „Das Ungeheuer“ gab es nun den Deutschen Buchpreis, schon der Vorgänger hatte es auf die sogenannte Longlist für die begehrte Auszeichnung geschafft.

„Das Ungeheuer“, mit fast 700 Seiten selbst ein wenig monströs, ist einerseits ein wunderbar erzählter Road-Roman, der die Hauptfigur Darius durch mehrere europäische Länder führt - bis nach Georgien und Armenien. Andererseits beschreibt die aus Ungarn stammende Schriftstellerin und Übersetzerin Mora eindrucksvoll das quälende Ungeheuer Depression (bipolare affektive Psychose), gegen das Flora unter Aufbietung all ihrer Kräfte kämpft. Drei Tage vor ihrem 38. Geburtstag erhängt sie sich an einem Baum im Wald.

Darius’ Erzählungen und Floras Tagebuchdateien trennt Mora mit einem Strich voneinander. Dieser zieht sich durch das gesamte Buch, auch über die Seiten ohne Tagebucheintragung. „Zwischen den Lebenden und den Toten verläuft eine Grenze“, bringt es Christina auf den Punkt, eine Griechin, die Darius am Ende seiner knapp ein Jahr langen Reise kennenlernt. Auch ihr Mann hat sich das Leben genommen.

Auf seiner Reise mit dem Auto durch Länder wie Ungarn, Albanien, die Türkei, Georgien, Armenien und Griechenland lernt der planlose Darius verschiedene Menschen kennen, auch alte Bekannte trifft er wieder. Doch die Schicksale seiner Begleiter und Gastgeber, die Verhältnisse in ihren Ländern beschäftigen ihn nur oberflächlich:

„Weil mich ausschließlich meine privaten Probleme interessieren.“ Seine Reiseerlebnisse beziehen sich auf die eigene Krise, am deutlichsten wird das am Ende, als ein Mob in Athen auf Darius’ Auto los geht.

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Frankfurt/Main. Der Deutsche Buchpreis 2013 geht an Terézia Mora. Die aus Ungarn stammende Autorin (42) wird für ihr Werk „Das Ungeheuer“ ausgezeichnet. Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Montagabend in Frankfurt bekannt. Nominiert war auch der Leipziger Autor Clemens Meyer mit "Im Stein".

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Vom Tagebuch seiner Frau, das Darius auf der Reise liest, wusste er nichts. Es verwundert ihn auch, dass sie auf Ungarisch schrieb. „Die, die ganze Zeit so tat, als hätte sie mit ihrer Herkunft abgeschlossen, die nie ein Wort ungarisch sprach.“ Nach Floras Tod lässt er die Dateien - ganz unterschiedliche Textformen mit vielen Zitaten aus Romanen und Fachliteratur über Depressionen - von einer Studentin übersetzen (bis auf mehrere Überschriften).

Beim Lesen merkt Darius, dass seine einzige große Liebe während der gemeinsamen zehn Jahre in einer Parallelwelt gelebt hat. Er selbst kommt in dem Tagebuch auch kaum vor. Flora erklärt diese Trennung so: „Das ist ein Missverständnis. Dass der Partner oder überhaupt einer einen sehen sollte.“

Da steht Flora schon an der Schwelle zu ihrem neuen Leben auf dem Land. „Sie hat den ganzen stürmischen Herbst und den ganzen harten Winter in einer Hütte am Waldrand überstanden“, schreibt Darius fest. „Sie hat sich geweigert, die Stadt je wieder zu betreten.“ Sie erklärt es nicht als Abwendung, sondern als psychische Linderung, sie habe immer so leben wollen, „in Stille und maßvoll“.

Ihre letzte Eintragung hat Flora eineinhalb Jahre vor ihrem Tod gemacht. „Gerade über das Ende weißt Du nichts“, stellt Darius ratlos fest, und zugleich scheinbar ohne jedes Schuldbewusstsein. Doch er erzählt die Geschichte seiner Ehe erst ganz zum Schluss zu Ende und gibt dem „Ungeheuer“ auf den allerletzten Seiten neben der Depression eine zweite unerwartete Bedeutung, die wesentliche Teile der Geschichte in ein ganz anderes Licht taucht.

Diese abrupte Wendung lässt viele Stellen der Geschichte rückblickend als unschlüssig erscheinen. Dessen ungeachtet ist Mora ein spannender Kontrast gelungen zwischen der sprachlich an vielen Stellen beeindruckend erzählten Reise-Erzählung und den oft beklemmenden und verstörenden Text-Reflexionen Floras.

Ira Schaible, dpa

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