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Rock im Park 2010: Zwischen Zeltplatz, Bühne und Dixi-Klo

Rock im Park 2010: Zwischen Zeltplatz, Bühne und Dixi-Klo

Erst Regen, dann gnadenlose Sonne, die die Zelte in kleine Saunas verwandelt. Und dann ist da auch noch das Problem mit den Klos. Ein Festival-Besuch ist anstrengend.

Nürnberg. Erfahrungen bei „Rock im Park“.

Die Arme schmerzen, die Füße auch. Langsam aber sicher durchweicht das Kissen, das ich in letzter Minute mitgenommen und auf meine Tasche geschnallt hatte. Ich habe keine Lust mehr, ich will nach Hause - und dabei hat „Rock im Park“ noch nicht einmal angefangen. Vier Tage Camping liegen vor uns.

Jeder von uns trägt mindestens vier Taschen - auf den Schultern, dem Rücken, in der Hand. Wir haben einen Grill dabei, Gaskocher, Sonnenbrillen und Regenjacken; kurze Hosen, lange Hosen... und doch das Wichtigste vergessen. Die Menschen, die uns entgegenkommen, werfen mitleidige Blicke auf unsere Leinen-Turnschuhe, die bei jedem Schritt tiefer im Matsch versinken. Wir blicken neidisch auf ihre Gummistiefel.

Tagelanger Regen hat das Nürnberger Zeppelin-Feld, auf dem in diesem Jahr die 15. Ausgabe von „Rock im Park“ stattfindet, in ein großes Schlamm-Gelände verwandelt. Die Veranstalter legen große Planen und Plastik-Paletten auf den Wiesen aus, um die Rock-Fans vor dem Schlimmsten zu bewahren - die Zeltplätze aber sind aufgeweicht. Das Bayerische Rote Kreuz wird später erzählen, dass sich viele Besucher verletzten, als sie in kleinen Schlammlöchern versanken.

Einem jungen Mann scheint das Ganze zu viel zu werden. Mit einem gellenden Schrei stürzt er sich aus etwa 20 Metern in die Tiefe - begleitet von den entsetzten Blicken seiner Freunde. Kurz vor dem Aufprall schnellt er aber wie ein Flummi wieder hoch - ach so, das ist nur Bungee-Jumping. Vor der riesigen Hauptbühne, der „Center Stage“, stehen drei Kräne, von denen sich die Besucher - sollte ihnen danach sein - todesmutig in die Tiefe stürzen können. Auf die Musik allein wollen sich die Festival-Veranstalter nicht mehr verlassen.

Als wir gerade dabei sind, unser Iglu-Zelt direkt zwischen Hauptbühne und der etwas kleineren „Alterna-Stage“ aufzubauen, ruft eine Freundin an, die die Tage beim größeren „Rock am Ring“ in der Eifel verbringt, und über das dortige Spitzen-Wetter jubelt.

Wir beißen die Zähne zusammen, bauen das Zelt schneller und problemloser auf als gedacht, sind stolz und würden den Erfolg gerne mit dem ersten Bier begießen. Doch das ist noch im Kofferraum des etwa drei Kilometer entfernten Autos. Nach einer Beruhigungs- Zigarette und einem Bier im Plastik-Becher für vier Euro wagen wir den ersten Rundgang über das Gelände.

Es ist eine kleine Stadt, die da für „Rock im Park“ entsteht. Mehr als 60 000 Menschen nennen das Festival-Gelände für vier Tage ihr Zuhause. Zwei Wochen dauert es, bis alle Fress- und Bier-Stände, die Sanitäts-Zelte, die mehr als 500 Klo-Häuschen und natürlich die drei großen Bühnen aufgebaut sind. 19 Kilometer Bau-Zaun trennen die Camper von der angrenzenden Tier- und Pflanzen-Welt und die Bands, Veranstalter und VIP-Gäste von den Campern.

Ohne Schutz sind die nahe gelegenen Läden: ein Discounter, ein Bau- und ein Getränke-Markt, die vier Tage lang von Festival- Besuchern auf der Jagd nach Fleisch und Bier überrannt werden - dafür aber auch das Geschäft des Jahres machen. Der Getränkemarkt verkauft - so sagt der Chef - eigentlich 100 kleine Bierfässer in der Woche. Während der vier Festival-Tage sind es etwa 8000.

Der viele Alkohol macht sich auch auf dem Festival-Gelände bemerkbar: Einige Besucher haben sich mit Klebeband Handtaschen aus Tetra-Paks gebastelt und sie mit Wodka-Mischungen gefüllt, die sie mit langen Strohhalmen trinken. Noch bevor die erste Band spielt - die Metalrock-Dinosaurier Rage Against The Machine geben sich die Ehre - lehnt eine junge Frau sichtlich erschöpft an einem Zaun. Ihre Freundinnen reden beruhigend auf sie ein, sie nickt und nickt und nickt - und fällt mit dem Gesicht in den Schlamm. Die Anderen lächeln verständnisvoll-mitleidig und streichen ihr zur Beruhigung über den Rücken.

Als die Band dann auf der Bühne steht, hat es endlich aufgehört zu regnen. Der Wettergott muss ein Rock-Fan sein. Kurz bevor die Sonne ganz untergeht, sind kleine Löcher in der Wolkendecke zu erkennen. Sie machen Hoffnung.

Am nächsten Morgen werden wir wach, weil die Sonne gnadenlos auf das Zeltdach scheint und unser Iglu-Zelt in eine kleine Sauna verwandelt. Noch vor dem Aufstehen sind wir durchgeschwitzt. Wir reißen das Zelt auf und sehen einen jungen Mann, der - das verstrubbelte Haupt voraus - mit geschlossenen Augen aus dem Zelt kriecht. Mühevoll richtet er sich draußen auf, lässt die Hand in seine Hose gleiten und zieht eine Schachtel Zigaretten heraus. Erst nach dem ersten Zug öffnet er die Augen und sucht nach dem ersten Dosenbier. Nebenan schmeißt eine Gruppe Jungs zum Frühstück den Grill an.

Wir suchen erstmal eine Dusche, fühlen uns danach wie neu geboren und bereuen doch sofort wieder, uns überhaupt die Mühe gemacht zu haben. Die Sonne knallt so heiß vom Himmel, dass wir sofort wieder anfangen zu schwitzen. Und auf dem Weg zurück zum Campingplatz wartet ein scheinbar unüberwindbares Hindernis auf uns: Die Herren der Schöpfung haben sich anscheinend von den direkt daneben stehenden Dixi-Klos inspirieren lassen und sich in Scharen im Eingang zu unserem Platz erleichtert. Wir halten die Luft an, krempeln die Hosen hoch und waten durch den stinkenden Schlamm.

Doch das Alles ist vergessen, als wir in der Sonne vor der Bühne sitzen, Bier trinken und die Auftritte von Bands wie The Hives, Pendulum oder Bad Religion genießen. Auch als ein junger Herr mir im Vorbeigehen sein Bier über den Kopf schüttet, bin ich einigermaßen entspannt und fasse den Entschluss, mir das Duschen auf dem Festival ab jetzt zu sparen - lohnt sich einfach nicht. Am Abend liefert die Band Die Sterne den passenden Soundtrack dazu. Ihr Lied „Aber andererseits“ startet mit den Worten: „Ich bin nicht sauber, ich bin nicht sauber. Ich bin, ich bin, ich bin, ich bin verdreckt. Ich bin nicht sauber, ich muss mich waschen. Ihr glaubt ja nicht, was alles an mir klebt.“

Britta Schultejans, dpa

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