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Rückkehr in den Schoß der Stille

Andris Nelsons mit seinem Boston Symphony Orchestra und Mahlers Neunter im Gewandhaus Rückkehr in den Schoß der Stille

Beeindruckendes Leipzig Debüt: Der designierte Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons und sein Boston Symphony Orchestra mit Mahlers Neunter im ausverkauften Gewandhaus .

Andris Nelsons dirigiert im Gewandhaus seine Bostoner.

Quelle: Kempner

Leipzig. Er hat sein eigenes Podest mitgebracht. Ein wenig befremdlich sieht es aus, ein wenig wie eine eichene Gerichts-Schranke, wärmer, auch solider als der Chrombügel, den Dirigenten sonst im Gewandhaus im Rücken haben. Immer wieder ruht am Donnerstagabend Andris Nelsons’ Linke auf dem Handlauf, fahren die Finger übers Holz, während die Rechte mit dem Dirigierstock die Luft vor dem Orchester filetiert. Es ist sein Orchester, sind die Bostoner Symphoniker, deren Chef der designierte Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons seit rund zwei Jahren ist. Und vielleicht braucht der weltweit gefragte Senkrechtstarter dieses Holz im Rücken, um sich auch haptisch rückzuversichern, dass dieser erstmals in Leipzig zu hörende Klangkörper wirklich der seine ist. Was im Gewandhaus doppelt hilft. Denn das Orchester, das sonst hier spielt, ist demnächst ja auch seins.

Das Podest mag als Nebensächlichkeit erscheinen, steht aber für Nelsons bemerkenswerte Art, sich mit Haut und Haaren auf ein Orchester einzulassen. Dieser Dirigent begegnet seinen Musikern nicht als Despot, nicht als Zuchtmeister, nicht als Verwalter, nicht als Einpeitscher und nicht als Oberlehrer, sondern als Liebhaber, dem die kollektive Geliebte jeden Wunsch von den Augen abliest.

Das ist wichtig für dieses späte Debüt des europäischsten unter den besten US-Orchestern. Denn auf den Pulten liegt Mahlers Neunte. Und die ist anders als jede andere Sinfonie jener deutsch-österreichischen Tradition, hinter die sie den Schlussstrich zieht – und dabei weit in die Zukunft blickt. Man sieht es schon im Notenbild. Kaum einmal finden hier Blöcke oder Register zueinander. Beinahe nirgends lassen sich fundamentale Funktionen erkennen, konkrete Hinweise darauf, wer gerade führt und wer begleitet. Denn niemand führt hier, und niemand begleitet. Das scheinbar undurchdringliche Geflecht der Stimmen lässt die Regeln des Kontrapunktes und der Harmonielehre weit hinter sich, frei fließende Linien selbst ihren Weg sich suchen auf ihrer weiten Reise ins Nichts.

Viel ist geschrieben worden über die Parallelen dieser Sinfonie und Mahlers Lebenssituation. Und im Nachhinein, im Wissen um Mahlers frühen Abschied von der Welt, seine Zehnte blieb bekanntlich Fragment, kann man kaum anders, als diese anderthalb Stunden als Erzählung vom Tod zu lesen. Oder besser: als tönendes Epos, das dem Leben ein Ziel gibt, das Ende eben. So treten die ersten aus dem Metrum gefallenen Töne von Cello, Horn und Harfe ins sanfte Licht des Anfangs, schnell verschattet von tremolierenden Bratschen, schichten sich immer mehr Motive, Bruchstücke, Linien darüber, bilden Allianzen, gehen wieder auseinander, um am Ende dieses gewaltigen Andante comodo in der flirrenden Körperlosigkeit der Streicher-Flageoletts zu zerstäuben.

Das knappe Scherzo versucht es mit polterndem Humor, die Burleske mit derbem Trotz. Aber es hilft alles nichts: Spätestens mit dem Beckenschlag, der im dritten Satz mitten hinein in die selbstzufriedene Fugen-Gewissheit fährt, hat diese Musik nichts mehr in Sinn als die Selbstauslöschung im gewaltigen Adagio, die „ersterbende“ Rückkehr in den Schoß der Stille, die sie gebar.

Diese Stille, das lärmende Nichts nach dem Verebben, es dauert schmerzlich lang nach diesem denkwürdigen Gastspiel im gestopft vollen Gewandhaus. Selbst als Nelsons die Hände senkt, dauert es noch viele gedehnte Sekunden, bis die körperlich spürbare Spannung im Saal sich in enthemmten Jubel löst.

Man kann sich, grob vereinfacht, von zwei Seiten dieser Sinfonie der letzten Dinge nähern. Riccardo Chailly, der die Neunte im Rahmen seines Leipziger Mahler-Zyklus zuletzt 2013 mit dem Gewandhausorchester aufgeführt hat, ging eher analytisch vor, brachte die langsamen äußeren in Fluss und die Binnen-Sätze erbarmungslos auf Tempo. Mit dem Ergebnis einer strukturellen Unentrinnbarkeit, die das finale Nichts um so trostloser wirken ließ. Bei Nelsons nun ist dieses Nichts anders aufgeladen, mit Hoffnung eher als mit der Einsicht in das Unausweichliche. Weil er seine Musiker in den anderthalb Stunden von Mahlers universalem Schicksals-Tableau nicht an einer abstrakten Idee Maß nehmen lässt, sondern an sich selbst. Am Menschen.

Hier also loten Individuen das Sein aus, findet jedes Solo, jede Linie, jede Farbe und jedes Detail den Weg ins Licht – ohne dass, und dies zeichnet die Magie des Dirigenten Nelsons aus, das Ganze je zäh würde, in unverbindlicher Üppigkeit sich festliefe oder zum Mosaik isolierter Schönheiten sich fügte. Ohne offensichtlichen Zwang lässt Nelsons eine Großform sich selbst zeugen, deren Logik im Moment entsteht. Ganz selbstverständlich umspielen sich da im Kopfsatz das überirdisch weiche Solo-Horn James Somervilles und die Flöte von Elisabeth Rowe. In größter Selbstverständlichkeit lassen die satten Blechbläser rund um den sensationellen Solotrompeter Thomas Rolfs auch im Tutti den Streichern um Konzertmeister Malcolm Lowe Luft zum Atmen, zum Blühen, zum Glänzen.

Keine Frage: Die Bostoner Symphoniker sind ein grandioses Orchester. Sie sind nicht besser oder schlechter als das des Gewandhauses. Sie sind – bei aller historisch bedingten Verwandtschaft – anders. Die Streicher etwas kompakter, was auch an der Aufstellung mit den Celli rechts außen liegen mag. Das Holz eine Spur weicher und homogener. Das Blech heller. Alles zusammen vielleicht dennoch mehr auf Rundung angelegt. Und wenn die beiden Klangkörper künftig unter der gemeinsamen Stabführung von Andris Nelsons zusammenrücken, dann haben gewiss beide Seiten etwas davon.

Der schlagtechnisch über jeden Zweifel erhabene Andris Nelsons schließlich dirigiert nicht schlechter als der schlagtechnisch über jeden Zweifel erhabene Riccardo Chailly und nicht besser. Er dirigiert anders. Man könnte es, obwohl auch er sehr genau weiß, wohin er will, demokratischer nennen. Nelsons gestaltet, indem er entstehen lässt, führt, indem er seine Musiker abholt. Und gerade diese Unterschiede nähren die Hoffnung, dass der lettische Liebhaber nach dem Italienischen Erzieher eine gute, weil konsequente Wahl für Leipzig ist. Nachzuprüfen bereits in drei Wochen. Dann dirigiert der kommende Chef noch als Gast in den Großen Concerten Werke von Webern, Wagner, Strawinsky und Bruckner.

Und wenn er dann ab 2018 endlich angekommen ist, bringt er hoffentlich auch mal wieder seine Bostoner mit, an die er bei diesem ersten Gastkonzert den Jubel der Leipziger bescheiden weiterleitet. Und die er von der Bühne zerren muss, weil er sonst wohl niemals enden würde, der Applaus.

25. Mai, 20 Uhr: Andris Nelsons dirigiert im Entdecker-Konzert Strawinskys Sacre du Printemps; 26., 27. Mai, 20 Uhr: Andris Nelsons dirigiert im Großen Concert Strawinskys Sacre, Wagners Wesendonk-Lieder und Weberns Orchesterstücke op. 6; 2., 3. Juni, 20 Uhr, Andris Nelsons mit Bruckners Dritter und Ausschnitten aus Wagners Tannhäuser und Tristan. Restkarten unter Tel. 0341 1270280; www.gewandhausorchester.de

Von Peter Korfmacher

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