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Sächsisches Staatsarchiv erhält historisch wertvolle Briefe – darunter 25 Goethe-Originale

Sächsisches Staatsarchiv erhält historisch wertvolle Briefe – darunter 25 Goethe-Originale

Die Furcht geht um. „Revolution“ ist im nach-napoleonischen Deutschen Bund an vielen Höfen ein angsteinflößendes Wort, brodeln doch vielerorts liberale und nationale Tendenzen.

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Briefe von Johann Wolfgang Goethe und Weimarer Dichtern an Carl Wilhelm von Fritsch in einer Vitrine.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach mit seinen Burschenschaften, seiner Pressefreiheit und seinem weltoffenen Großherzog Karl August. Dessen Korrespondenz mit zwei seiner hohen Beamten – den Freiherrn von Fritsch – ist ein spannender Teil von 256 historisch wertvollen Briefen, die aus privatem Nachlass an das Sächsische Staatsarchiv übergeben und am Mittwoch erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Darunter auch bislang verschollene Handschriften Goethes.

„Die Übernahme eines solchen Schatzes gehört zu den Sternstunden eines Archivars“, sagt Abteilungsleiter Volker Jäger in heller Begeisterung. Die Briefbände, allesamt an oder von den großherzoglichen Staatsmännern Jakob Friedrich von Fritsch und seinem Sohn Karl Wilhelm gesendet, würden sich wie ein „Who-is-Who der Weimarer Klassik“ lesen: Wieland, Herder, Humboldt, Hufeland, Goethe und andere Persönlichkeiten sind als Absender verzeichnet, auch ein Fragment von Schillers „Wilhelm Tell“ ist darunter.

Formell gehören die Schriftstücke zum Archiv des ehemaligen Ritterguts Seerhausen bei Oschatz, dessen Besitzer die besagten Freiherrn waren. 800 solcher Rittergutsarchive verwahrt das Sächsische Staatsarchiv, 270 davon in seiner Leipziger Außenstelle. Dass hier nun die Sammlung ergänzt werden kann, darüber ist die Freude groß. Gerade die nicht-amtlichen Schriftwechsel seien es, die staatliche Überlieferungen in allen Bereichen ergänzen könnten, erklärt Referentin Birgit Richter. „Rittergutsarchive sind Quellen der Geschichte unserer Region. Der Schlüssel zu diesen Schätzen liegt aber oft in privatem Nachlass.“

So ist es ein glücklicher Zufall, dass die Erbengemeinschaft der Von-Fritsch-Briefe im Herbst 2010 die Internetseite des Archivs durchsuchte und dabei die lückenhaften Seerhausener Aktenbände entdeckte. „Sie ist dann auf uns zugegangen mit dem Angebot, uns die Schriften zu überlassen“, erinnert sich Jäger. „Gegen eine symbolische Aufwandsentschädigung, die dem Verkaufswert der Briefe nicht ansatzweise nahe kommt.“ Wie die Briefe in die Hände der Erbengemeinschaft gelangt sind, lasse sich leider nicht mehr nachvollziehen, so Jäger. Lücken der historischen Korrespondenz, die durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges entstanden sind, könnten nun – zwar nicht vollständig aber immerhin teilweise – geschlossen werden.

Die Übergabe kann somit als Gewinn für die Bewahrung historischen Wissens wie auch für die Forschung bewertet werden, stehen die Bestände des Staatsarchivs doch für wissenschaftliche Publikationen, Ausstellungen und Vorträge zur Verfügung.

Grund zur Freude hat auch Gerhard Müller vom Goethe-und-Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar. Denn 25 Goethe-Briefe, zwischen 1779 und 1831 an die beiden Freiherrn verfasst, liegen nun wieder im Original vor. Bisher war ihr Verbleib als „unbekannt“ vermerkt. Zwar sei der Inhalt durch ältere Abschriften schon bekannt, nun könne man die Texte aber noch einmal exakt erfassen, so Müller. „Und wenn es nur der Poststempel ist, in den Originalen finden sich immer wieder neue Details, die helfen, das historische Gesamtbild zu rekonstruieren.“ Goethe sei ein diskreter Verfasser gewesen, der mit Umschreibungen und Andeutungen versuchte, Inhalte für den jeweiligen Adressaten zu verschlüsseln. „Um das verstehen zu können, ist es eben wichtig, die Originale zu kennen.“

Diese lesen sich auch als Nicht-Experte interessant, teilweise gar unterhaltsam. Etwa wenn Goethe aufgewühlt an Jakob Friedrich von Fritsch schreibt, nachdem dieser als Leiter des Gesamtministeriums 1776 als Einziger gegen Goethes Aufnahme in die Weimarer Regierung stimmt: „Ich kann nicht schliessen ohne zu entdecken, wie empfindlich und schmerzlich und unerklärlich mir die Art und Weise gewesen, mit welcher mir Exzellenz in dem gestrigen Voto, ein unschuldiges Wort unterstrichen haben zurückgeben wollen.“ In einem anderen Schreiben bittet der Dichter, die nahe gelegene Kegelbahn zu schließen – er empfinde sie als Lärmbelästigung. Ein Anliegen, dem von Fritsch daraufhin nachkommt.

Den größten Komplex der Sammlung bildet die Korrespondenz der von Fritschs mit Großherzog Karl August, die weit über einhundert Schriftstücke umfasst. So geben die Briefe auch Aufschluss darüber, wie Karl August reagiert, als sich die Angst des deutschen Adels vor einem Umbruch in konkrete Pläne zur Überwachung und Bekämpfung der als aufrührerisch angesehenen Stimmung umschlägt.Auf einen Hinweis von Goethe hin, bittet er Karl Wilhelm von Fritsch 1819, zum geheimen Karlsbader Kongress zu reisen und auszuloten, welche Chancen es gäbe, eventuelle Repressalien abzuwenden: „Nach meiner Überzeugung [...] wird es für uns von der größten Wichtigkeit [...] unabänderlich nothwendig seyn, dass ich Sie ersuche, ebenfalls sich für unser Wohl um diese Zeit dahin zu begeben.“

In Karlsbad angekommen, bleibt Karl Wilhelm von Fritsch die Teilnahme verwehrt – das liberale Großherzogtum soll draußen bleiben. Die Folgen des Kongresses sind dramatisch: Überwachung der Universitäten, Zensur der Presse, Demagogenverfolgung, Verbot der Burschenschaften und der Meinngsfreiheit. Als Karlsbader Beschlüsse gehen sie in die Geschichte ein – und erhalten durch die ins Staatsarchiv übernommenen Briefe nun einen weiteren historischen Blickwinkel.

Tobias Ossyra

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