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Sängerfest ohne Happy End

Premiere: Giacomo Puccinis „Turandot“ an der Oper Leipzig Sängerfest ohne Happy End

Mit zehnminütigem Jubel quittierte das Publikum in der ausverkauften Leipziger Oper am Samstagabend die erste Premiere von Giacomo Puccinis letzter Oper „Turandot“ seit über 40 Jahren. In Balázs Kovaliks kluger Inszenierung überzeugen musikalisch vor allem die Sänger rund um die sensationelle Jennifer Wilson in der Titelpartie.

Turandot (Jennifer Wilson) und Calaf (Leonard Caimi) im Rätselspiegel

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Kalt gleißt diese Stimme, gefährlich, bedrohlich, unnahbar. Turandot erzählt vom Schicksal einer Ahnin, die vor vielen tausend Jahren vergewaltigt wurde im chinesischen Kaiserpalast, und dass sie dieses Verbrechen nun an allen Männern zu rächen gedenkt. Also stellt sie ihren Freiern drei Fragen, und wer sie nicht korrekt beantwortet, wird geköpft. Eine krude Geschichte – und diese Turandot glaubt sie selbst nicht. Wenige Minuten später, da bekräftigt Puccinis letzte Titelheldin, dass niemand je sie besitzen werden, klingt Jennifer Wilson bereits ganz anders, wärmer, weniger kristallin. Nun scheint eine Gier nach Liebe durch die vokalen Zumutungen dieser Partie hindurch, die die meisten Interpretinnen ungehört lassen, selbst unter dene Großen. Gina Cigna fand Zwischentöne, die Callas – und nun Jennifer Wilson, die sich mit der Leipziger Premiere von Puccinis letzter Oper am Samstagabend eindrucksvoll als derzeit amtliche Turandot in Stellung bringt.

Turandot, das ist meist von der gewaltigen Auftrittsarie mitten im zweiten Akt bis zum scheppernden Verklärungs-Pathos im von Franco Alfano ergänzten und von Arturo Toscanini zusammengestrichenen Finale ein einziger Parforce-Ritt: je lauter, desto gut. Auch nach diesen Kriterien ist Wilson eine exzellente Turandot. Da kann im Graben das gewaltige Orchester alles geben, können Oper-, Extra- und Kinderchor um die Wette brüllen – lässig überstrahlt dieser Sopran sie noch. Scharf klingt er dann, aber nicht grob, schneidend, aber nicht lästig – und immer bleiben Reserven. Einzigartig indes wird diese Turandot erst durch das, was Wilson am anderen Ende der Lautstärkeskala leistet, wie sie in der Nähe zur Stille nach Nuancen für eine wunde Seele sucht, nach Menschlichkeit hinter dem Opern-Standbild. Und weil sie dabei auch auf die Kollegen hört und alles, was sonst geschieht um sie herum, wird man eine bessere Turandot derzeit nirgends finden.

Überhaupt ist die erste Leipziger Turandot-Produktion nach über 40 Jahren ein Sängerfest. Leonardo Caimi hört man zwar an, dass auch Calaf eine außergewöhnlich anspruchsvolle Partie ist. Aber da sein Perser-Prinz eher sein Heil in musikalischer und emotionaler Wahrhaftigkeit sucht als in tenoraler Kraftmeierei, im Lyrischen mehr als im Heldischen um jeden Preis und leerer Spitzenton-Angeberei, lässt auch dieses Rollenporträt kaum Wünsche unerfüllt.

Rundum grandios ist Olena Tokar als liebende Sklavin Liú. Im ersten Akt bereits greift sie nach der Seele, im dritten rührt sie zu Tränen mit ihrem blitzsauberen, leicht geführten und doch kraftvollen Sopran, der keinen Zweifel daran zulässt, für welche Partie dieser Oper Puccinis Herz schlug. Auch für diese Liú gilt: Besser geht das nicht – und anders möchte es kaum jemand haben, der dies gehört hat.

Ein Befund, der sich fortsetzt: Jonathan Michie, Sergei Pisarev und Keith Bold als Masken-Minister Ping, Pong und Pang, Randall Jakobsh als Calafs Vater Timur, Sejang Changs Mandarin, der konturierte Kaiser Altoum Martin Petzolds bilden ein Ensemble der Sonderklasse. Alessandro Zuppardos und Sophie Bauers Chor-Armeen bleiben dieser ausgewachsenen Choroper ebenfalls nichts schuldig. Ob da geifernd der Mob nach Blut dürstet oder in zarter Versenkung den Mond beschwört, ob im Finale Alfano nicht ganz geschmackssicher mit Frauenchor-Vokalisen und Morgenblumen eine unmögliche Liebe zu erzwingen versucht oder die Wände wackeln beim Absingen der Kaiser-Hymne – so geht Opernchor. Und so geht folglich auch Applaus: Gut zehn Minuten lang donnert der Jubel durch den Saal, gellen die Bravi für Wilson, Tokar, Caimi, den Chor.

Auch das Gewandhausorchester bekommt seinen verdienten Anteil. Denn die Farben die Puccini mischte, als er eine Klangwelt ersann, die der italienischen Oper unter Zuhilfenahme eines erfundenen Uralt-China die Zukunft sichern sollte, entwickeln unter der Leitung Matthias Foremnys immer wieder unwiderstehlichen Reiz. Vor allem da, wo Puccini sie dünn auftrug, filigran, durchscheinend, zerbrechlich. Wo wenige Instrumente zu Unerhörtem verschmelzen, Mixturen funkeln, unverbrauchte Klänge entstehen. Dennoch geht die Rechnung nicht restlos auf. Denn vor lauter Liebe zum Detail und zum Einzelereignis bleibt allzu oft der dramatische Fluss auf der Strecke.

Bereits der Beginn ist so verstörend langsam, dass das Gewandhausorchester drei Anläufe braucht, bis die bedrohlich pochenden Cis-Dur-d-moll-Schläge wirklich übereinander sind. Und diese Klapperneigung hält sich den ganzen ersten Akt über mit unbefriedigender Hartnäckigkeit. Bisweilen sind überdies Bühne und Graben in anderen Zeitfenstern unterwegs – was daran liegen mag, dass immer wieder Sänger versuchen, Tempo zu machen, weil Foremnys Ruhe ihnen die Arbeit erheblich erschwert.

Puccini hat diese Oper nicht vollendet. Als er 1924 starb, fehlte dem dritten Akt der Schluss. Wahrscheinlich wäre er auch dann nicht fertig geworden, hätte er den Kampf gegen den Kehlkopfkrebs gewonnen. Denn nach dem Tod Liús führt kein Weg mehr ins Liebes-Happy-End. Schon gar nicht in der unbefriedigendsten aller Schlussfassungen, für die die Oper Leipzig sich aus pragmatischen Gründen entschied.

Aber Balázs Kovalik findet einen verblüffend plausiblen Ausweg aus dem Dilemma. Bei ihm ist das Happy End nämlich keines. Hier werden wir Zeugen eines abgekarteten Spiels: Die zynischen Masken-Minister zeigen Calaf zu Beginn des zweiten Aktes in der Sauna der Rätsel Lösungen, weil sie der ewigen Köpferei müde sind. Und am Ende, nachdem der Bann gebrochen ist, der irre Diktator Altoum tot über dem Geländer hängt, Turandot zu Liebe und schlechtem Gewissen gefunden hat, macht der Prinz sich nach einem langen Blick auf Liús Leiche aus dem Staub. Damit ist zwar Turandot nicht unter der Haube, aber das Chor-Volk endlich frei.

Für diese kluge Deutung hat Heike Scheele ein monumentales Einheits-Bühnenbild gebaut: In repräsentativem Sichtbeton türmen sich die Waben, in denen dieses Volk lebt, wenn es nicht gerade durch die Gassen geprügelt oder rituell mit frischem Prinzenblut übergossen wird. Zwischendrin führt ein Steg in den Palast des durchgeknallten Potentaten, dessen Bronze-Statue immer wieder den Blick auf den praktischen Enthauptungs-Propeller verstellt. Auch die Kostüme Sebastian Ellrichs tragen zur szenischen Wirkungsmacht dieser „Turandot“ bei: Da tragen die Schergen schicken Farenheit-451-Look, und die Geknechteten, an der Stirn mit den Insignien ihres Ranges im totalitären Gefüge gekennzeichnet, unter ihrer Einheitskluft Reste von Individualität. Und weil Jennifer Wilson nur stimmlich die beste Turandot ist, die man sich vorstellen kann, trägt ihr rotes Kleid leuchtenden LED-Schmuck.

Das alles zusammengenommen ist gut für eine glanzvolle Premiere und rechtfertigt den Jubel allemal. Würde Foremny seine Karajan-Tempi noch einmal überdenken und sich für ein wenig mehr Zügigkeit und Italianità durchringen – Weltklasse wäre greifbar.

Vorstellungen: 5., 27. November (mit LVZ-Opernclub), 23. Dezember, 14. Januar, 19. März, 16. April; Karten im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und www.lvz-ticket.de, unter der Telefonnummer 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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