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Samba ist Lächeln - "Brasil Brasileiro" feiert in der Leipziger Oper Premiere

Samba ist Lächeln - "Brasil Brasileiro" feiert in der Leipziger Oper Premiere

Mit dem Samba ist es so eine Sache. Eigentlich gibt es ihn gar nicht, denn der Begriff steht für rund 100 brasilianische Tanz-, Musik- und Gesangsstile, die aus dem Aufeinandertreffen von Afrika und Europa in Brasilien hervorgingen.

Leipzig. Das auf die Bühne zu bekommen, ist schwierig, eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ergibt sich dem fröhlichen Chaos, vertraut seinen Künstlern und zappt sich so durch. Oder man erzählt eine Geschichte. Regisseur Claudio Segovia hat sich bei der Show "Brasil Brasileiro" für Ersteres entschieden und das Thema in gut 25 Episoden zerlegt. Am Dienstagabend war Leipzig-Premiere, bis Sonntag ist das Spektakel in der Oper zu erleben.

Der Anfang hat etwas von esoterischer Strenge. Ein Lichtstrahl durchdringt das mystisch-dunstige Dunkel auf der Bühne. Weiß gekleidete Tänzerinnen und Tänzer kauern am Boden, schlagen rhythmisch mit den Handflächen auf den Boden. Dann biegt sich der Kreis auf, die Gruppe erhebt sich, eine Trommel kommt dazu, eine Sängerin und immer mehr Musiker, bis sich ein charmant-wilder Haufen zum Jongo wiegt, einem Vorläufer des Samba, der seinen Ursprung in Afrika hat. Wie afrikanisch-archaisch das dann wirklich ist, sei dahingestellt. Die Szene wirkt wie ein Öffner. Das Spektakel beginnt also mit einer effektvoll umgesetzten Idee.

Danach wird es bunt: choreographisch, stilistisch und szenisch - und das wird den gut zweistündigen Abend über auch so bleiben. Zirkusreif turnen Baianinho Capoeira, Jean Lopes und Tiago Moreno den Capoeira, jene Mischung aus Kampfsport, Tanz und Akrobatik, mal konkurrieren sie wie Bodenturnermiteinander, dann wieder wirbeln zwei von ihnen gegeneinander. Eine falsche Bewegung, und das Gegenüber müsste wohl bewusstlos von der Bühne getragen werden. Muss es aber nicht, die Beine greifen gewissermaßen ineinander.

In schneller Folge wechseln Tanzszenen in verschiedenen Konstellationen und Kostümen. Die Damen mal festlich-hochgeschlossen, mal im knappen Röckchen, mal barfuß, mal hochhackig - die Herren in Zwirn oder Ringelshirt und manchmal auch nur in Unterhose. Zwischendurch singen Nelson Félix und Rose Barcellos Lieder, die man in Deutschland eher nicht kennt. Barcellos füllt den Raum nicht nur mit ihrer Stimme, die bisweilen an Cesária Évora, die 2011 gestorbene Diva von den Kapverdischen Inseln, erinnert.

Das Publikum in der gut gefüllten Oper klatscht mal artig, mal begeistert, am Schluss zum größten Teil stehend, der Samba aber findet nur auf der Bühne statt. Dort wischen sich die einzelnen Auftritte so durch wie Bilder auf einem Smartphone. Für sich genommen sind sie fast durchweg nett bis hinreißend. Eine Linie oder gar eine Story gibt es leider wie gesagt nicht. Dabei hätte sie gewissermaßen auf der Straße gelegen - doch dazu später.

"Brasil Brasileiro" lebt im Augenblick und von der Energie der Künstler, die Segovia über Jahre zusammengesucht hat. Um die Samba-Stereotype, etwa den bierernsten Standardtanz oder die federgeschmückte Fleischbeschau, die wir vom Karneval in Rio kennen, tanzt die Show einen großen Bogen. Die Männer sind männlich, ob muskulös oder mit Bauchansatz, bei den Frauen weichen viele angenehm vom globalen Magermaß ab. Und Klischees sind hier nur dazu da, um lustvoll durch den Kakao gezogen zu werden, wie etwa jenes, dass brasilianische Männer zwanghaft auf die Hintern der Frauen fixiert sind, während diese genau jenen Körperteil als Lockmittel inszenieren. Witzig eine Szene nach der Pause, in der fünf Männer um eine Frau balgen - mit Ironie und Muskeln, bis einer eher zufällig bei der Dame reüssiert. So ist das Leben.

Doch hier behalten auch Verlierer ihren Humor. Das Lächeln, das sich Musiker wie Tänzer zuwerfen, überstrahlt den Abend, weil es nie zur Grimasse erstarrt. "Lächeln", auf Portugiesisch heißt das "Sorriso", und so hat man den heimlichen Star der Show genannt, der eigentlich auf den Namen Renato Luiz Feliciano Lourenço getauft ist.

Renato Sorriso also, von Beruf Straßenkehrer. 1997 sollte er hinter den Sambaschulen in Rio sauber machen. Das tat er auch. Weil er aber dabei tanzte und man ihn filmte, wurde er berühmt, stand 2012 an der Seite von Fußball-Ikone Pelé im Londoner Olympiastadion. Doch er denkt nicht daran, seinen Job als Straßenkehrer aufzugeben. "Alles, was in meinem Leben gut gelaufen ist, kommt aus dieser Arbeit. Warum sollte ich damit aufhören?", sagt der 49-Jährige. Eine Geschichte wie ein Film - oder der Stoff für ein modernes Sambamärchen? Bei "Brasil Brasileiro" spielt nur ein kurzer Auftritt mit oranger Arbeitskluft und Besen auf die Geschichte an. Nichtmal im ansonsten ausführlichen Programmheft wird die Geschichte angerissen. Für einen Höhepunkt des Abends sorgt Sorriso dennoch. Mit weißem Anzug und Strohhut wechselt er zwischen Stepptanz und Zeitlupe, während sich hinter ihm riesig sein Schatten aufbaut. Alles kann der, was Sorriso kann. Nur nicht lächeln.

Heute und morgen, jeweils 20 Uhr, Sa 15, 20 Uhr, So 14, 19 Uhr. Karten gibt es in allen LVZ-Geschäftsstellen sowie in den Höfen am Brühl für 32-72 Euro.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.08.2014

Jürgen Kleindienst

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