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Sarah Stricker im Gespräch über ihren Debüt-Roman "Fünf Kopeken"

Sarah Stricker im Gespräch über ihren Debüt-Roman "Fünf Kopeken"

Es gibt erste Sätze, die sind wie eine Ohrfeige - und so grandios, dass man weiterlesen muss. Sarah Stricker ist in ihrem Debütroman "Fünf Kopeken" ein solcher Einstiegssatz gelungen: "Meine Mutter war sehr hässlich, alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt.

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Sarah Stricker, 33, wuchs in der Pfalz auf und lebt seit 2009 in Tel Aviv. Ihre Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Georg-K.-Glaser-Preis. Im Herbst ist ihr hoch gelobter Debütroman "Fünf Kopeken" im Eichborn Verlag erschienen, für den sie den Martha-Saalfeld-Preis des Landes Rheinland Pfalz und des SWR erhielt.

Quelle: privat

Leipzig. " Kritik und Publikum waren begeistert. Winfried Schumacher traf die Autorin in ihrer neuen Heimat Tel Aviv.

LVZ:

Spricht Ihre Mutter noch mit Ihnen?

Sarah Stricker:

Ja, wir haben gerade telefoniert, um zu klären, ob sie es zu meiner nächsten Lesung schafft.

Wie hat sie denn reagiert, als sie die ersten Seiten gelesen hat?

Sie hat sich beschwert, dass ich ihr nur ein Kapitel und nicht den ganzen Roman gegeben habe - sie wollte wissen, wie's weitergeht. Meiner Mutter war sofort klar, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt und nicht um eine Autobiographie.

Ist es wirklich reine Fiktion? Viele der Figuren sind so lebendig, dass man sich schwer vorstellen kann, dass Sie sich die nur ausgedacht haben.

Naja, wäre es offensichtlich, hätte ich wahrscheinlich meinen Beruf verfehlt.

Also ist nichts an der Geschichte wahr?

Im Gegenteil. Alles daran ist wahr! Aber das bedeutet nicht, dass sich die Handlung tatsächlich so zugetragen hätte. Eugen Ruge schreibt in seinem Roman Cabo de Gata sinngemäß "diese Geschichte habe ich mir ausgedacht, um zu erzählen, wie es wirklich war". Nur weil etwas erfunden ist, heißt es noch lange nicht, dass es nicht wahr ist. Die Themen und Gefühle, über die ich schreibe, sind ja nicht aus dem luftleeren Raum gegriffen, sondern die, die mich schon mein Leben lang beschäftigen.

Auch ich kenne diese "Ohne Fleiß kein Preis"-Mentalität, das Gefühl, funktionieren zu müssen, überhaupt immer etwas müssen zu müssen. Auch ich komme aus einem kleinen Dorf und wollte mehr sehen von der Welt. Und wie so ziemlich jede Frau kenne auch ich Momente, in denen man fest davon überzeugt ist, abgrundtief hässlich zu sein.

Ist die Fiktion also ein Weg, um die Realität zu verarbeiten?

"Verarbeiten" klingt immer so nach Psychocouch und Räucherstäbchen. Aber da ist natürlich was dran. Ohne das Erzählen von Geschichten wäre ich wahrscheinlich depressiv. Schreiben bewahrt mich davor, in schwachen Momenten in den Abgrund zu rutschen. Es gibt keine noch so schreckliche Situation, die nicht ein wenig erträglicher würde, wenn man sich nebenher ausmalt, wie man sie zu einer Szene verwursten könnte.

Gerade während man an einem Roman arbeitet, läuft man wie ein Schwamm durchs Leben. Das hat teilweise etwas ziemlich Asoziales, wenn einem etwa ein Freund sein Herz ausschüttet und man plötzlich merkt, wie man sich innerlich Notizen macht. Zum anderen geht es so weit, dass ich manchmal gar nicht mehr unterscheiden kann, was real ist und was nicht.

"Fünf Kopeken" ist nicht nur eine irrwitzige Familiensaga, sondern auch die Geschichte einer amour fou. Dabei gibt es auch einige Sexszenen, die in ihrer Härte fast schmerzhaft zu Lesen sind ...

Sex ist einfach oft eine ziemlich hässliche Angelegenheit. Das ist nicht meine Schuld, sondern die der Natur. Verrenkte Glieder, rote Striemen, schwitzendes Fleisch - wenn ich schönen Sex gezeigt bekomme, beschleicht mich persönlich immer der Verdacht, dass das wahrscheinlich keinen großen Spaß gemacht hat. Im Roman gibt es Szenen, denen große Brutalität innewohnt. Das ist nicht nur beim Lesen schwer zu ertragen, sondern auch beim Schreiben. Aber es war mir wichtig zu zeigen, dass "meine Mutter" durch all das Gerede über ihre vermeintliche Hässlichkeit eine solche Distanz zu sich aufbaut, dass sie ihren eigenen Körper nur noch im Schmerz spüren kann.

Sie sind in der Pfalz aufgewachsen, einige Zeit in der Welt herumgezogen und leben jetzt in Israel. Warum sind Sie gerade hier hängen geblieben?

Ich habe mich einfach Hals über Kopf in dieses Land verliebt - irgendwann dann auch in einen Mann da. Aber die Reihenfolge ist entscheidend! Ursprünglich bin ich mit einem Journalisten-Stipendium gekommen, um für die führende israelische Nachrichtenseite zu schreiben. Eigentlich sollte ich nur zwei Monate bleiben. Aber nach zwei Wochen war ich so begeistert von den Menschen, von ihrer Lust, jeden Moment zu genießen.

Ist es nicht komisch, ausgerechnet so weit weg von Zuhause über die Heimat zu schreiben?

Heimat ist etwas Beängstigendes. Da lauern die alten Ichs, die unausgesprochen Fragen, die Erinnerungen ans Schwach-Sein, ans Sich-lächerlich-Machen. Solange man da mitten drin steckt, kann man das nur schwer erfassen, es braucht einen gewissen Abstand. Die Distanz schärft den Blick. Man sieht vielleicht weniger, aber das klarer. Viele sehr deutsche Verhaltensweisen, wie eben dieses ständige etwas müssen Müssen, die Unfähigkeit, einfach mal nichts zu tun, ohne dabei von schlechtem Gewissen zerfressen zu werden, die ganzen verdrängten Ängste der Kriegsgeneration, die nicht nur in deren Kindern, sondern auch in den Enkeln bis heute weiterleben - Und es hat es eine Menge Vorteile, in einem Land zu schreiben, in dem niemand um einen herum die eigene Sprache spricht. Mein Freund hat keine Ahnung, was ich da eigentlich den ganzen Tag fabriziere, ist aber felsenfest davon überzeugt, dass es nobelpreisverdächtig ist. Das hilft sehr, die Selbstzweifel in Schach zu halten.

Die meisten Autoren Ihrer Generation leben von guten Kontakten zu deutschsprachigen Verlagen und Schriftstellerkollegen. Wie schafft man ein so erfolgreiches Debüt ohne Connections im Literaturbetrieb?

Ich glaube, meine eigene kleine Diaspora tut mir ganz gut. Natürlich gibt es Momente, in denen es schön wäre, jemanden zu haben, dem man einfach mal schnell einen Absatz zeigen kann. Andererseits: Warum sich stundenlang den Kopf zerbrechen, ob ein Satz jetzt einzigartig gut oder einzigartig bescheuert ist, wenn man einfach seine Freunden fragen kann? So schafft man nichts Neues. Schreiben muss wehtun, sonst kann man es gleich bleiben lassen.

Am Donnerstag um 20 Uhr, stellt Sarah Stricker im Gespräch mit Katherin Bryla und Yevgeniy Breyger "Fünf Kopeken" im Haus des Buches vor.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.11.2013

Winfried Schumacher

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