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Saša Stanišić stellt Erzählungen in Leipzig vor

Neuerscheinung Saša Stanišić stellt Erzählungen in Leipzig vor

Nach zwei sehr erfolgreichen Romanen veröffentlicht Saša Stanišić den Erzählungsband „Fallensteller“. Einiges wird den Lesern bekannt vorkommen. Auch das Vermögen des Autors, mit Komik und Poesie gefangen zu nehmen.

Der deutsch-bosnische Autor Saša Stanišić war im März 2014 zu Gast in der LVZ-Autorenarena – mit seinem Roman „Vor dem Fest“, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.

Quelle: Andreas Döring

Leipzig. Der Fallensteller betritt vertrautes Terrain. Fürstenfelde, Uckermark. „Einwohnerzahl: gerade“. Dort leben Lada, Ulli und der stumme Suzi. Leser kennen sie aus dem Roman „Vor dem Fest“, für den Saša Stanišic im Jahr 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Nach dem Fest ist „Fallensteller“ eine von zwölf Geschichten im gleichnamigen Erzählungsband, der am 9. Mai erscheint. Am 11. Mai liest Stanišic daraus im Leipziger Haus des Buches.

Der titelgebende ist der umfangreichste der mit regionalen und menschlichen Eigenheiten spielenden Texte. Der Autor verschwindet im Erzähler und taucht wieder auf im Spiegel des Erzählten, um die Leute und die Dinge zu betrachten. Natürlich unauffällig, genau genommen: raffiniert.

Dabei ist es immer eine Art Provinz, geografisch oder emotional, in die Stanišic führt. Zu Beginn die einer Familien-Firmen-Feier. Sägewerksfamilienmitglied Ferdinand Klingenreiter, 77, steht vor seinem ersten großen Auftritt als Magier, die Zauberkiste ist seine erste eigene Anfertigung – vom Entwurf bis zur Herstellung. Es geht um Kunst, Illusionen und Unausgesprochenes, das eine Verbindung sein kann – hier zwischen Ferdinand und seinem Großneffen Felix. Wobei dem Alten vielleicht ein Wunsch spät in Erfüllung geht und der Junge es ganz anders macht, indem er nicht so lange wartet. „Die Nostalgie ist eine Komplizin von Spinnern, keine von Gewinnern“, heißt es.

Ein Billardsalon wird zu einem dieser magischen Orte, an denen Durchreisende in Träume fallen . Wo ein Russe gewinnt „mit der Gnadenlosigkeit eines schon Totgeglaubten“. Oder Brasilien, wo Georg Horvath aus Bremen sich mit sich selbst verwechselt. Oder die Fabrik zwischen „Gräbern für illyrische Hirten und jugoslawische Partisanen“ auf einem „Karstklotz namens Romanija“. Oder das Ferienlager, in dem der Junge seiner Angst begegnet. Oder dieses Floß, auf dem christliche Menschenrechtsaktivisten ein Rheinfest feiern, bei dem die Gäste „Mo und ich“ mit unvollendeten Smalltalk-Phrasen fechten – so wie später in Stockholm mit den Betroffenheitssätzen im Galeriegespräch in einer Geschichte, die den Titel trägt: „Mo klaut ein surrealistisches Gemälde einer syrischen Surrealistin und will es seinem Vater verkaufen, bzw. egal wem“. Und genau so ist das dann auch.

Dimmt Stanišic in der Heimat-Fremde des Vergangenen den Ton, als wolle er das Bewahren in den Wörtern nicht gefährden und damit das Bewahren in Erinnerungen, so dreht er an anderer Stelle, in der Zeitgeist-Fremde, Handlung und Sprache auf zu Farce. Mit Mo auf dem Fluss, in Stockholm oder Reykjavík eskaliert kolumnistischer Furor, wenn es heißt, dass die Hacker und Künstler „eine Mischung aus Deutsch, Englisch, Technisch und Fahrig“ sprechen oder dass Beates Umarmung „quasi die Stimme von Ulrich Wickert hat“. Aus dem Twitter-Floskel-Reservoire stammt die „Skala von eins bis PEGIDA“. Auch wenn er parodiert, setzt Stanišic seine Sätze präzise gegen Erwartungen, was verblüffend sein kann und komisch.

Saša Stanišic

Saša Stanišic: Fallensteller. Erzählungen. Luchterhand. 288 Seiten, 19,99 Euro (erscheint am 9. Mai)

Quelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

In diesem Vergnügen ankern Gedanken über das Wesen einer Freundschaft beispielsweise, die „auf gemeinsam gesungenen Kinderliedern in einer Kita in Rheinhessen basiert“, denn „mehr als das Nichtverstehen fürchten Mo und ich das Verstehen. Das Begreifen, es ist so viel anstrengender als verwirrt zu bleiben. „Erleben – vergessen. Erleben – vergessen. So sollte es laufen. Immer aufs Neue feststellen müssen, ob man es miteinander aushält.“

Das gilt nicht nur für Beziehungen jeder Art. Es gilt für einen Autor, der es mit der eigenen Erfolgs-Geschichte aushalten muss. Saša Stanišic, 1978 im bosnischen Višegrad geboren, lebt seit 1992 in Deutschland, er hat in Heidelberg studiert sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde 2006 mit seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ nominiert für den Deutschen Buchpreis. Weitere Auszeichnungen folgten und 2014 dann der Preis der Leipziger Buchmesse für „Vor dem Fest“. Nun ist „Fallensteller“ schon vor Erscheinen „NDR Buch des Monats“, war ein Vorabdruck in der Literaturbeilage des „Spiegel“ zu lesen, beim „Literarischen Quartett“ vor einer Woche gab es reichlich Lob.

Und wieder finden sich Gründe für Preise: Sprache, Mut und Zauberei. Diese drei trägt der Fallensteller im Gepäck, als man ihn mit der Kirche ins Dorf lässt. Fürstenfelde, „Literaturmetropole“, seitdem dieser „Jugo-Schriftsteller“ hier war. Als Rattenfänger stellt der Fremde sich vor und seine Falle auf, die aussieht wie eine Kirche. Als er weiterreist, sind die Tiere noch da, die Mäuse, Wildschweine und Wölfe. Das Dorf aber ist ein anderes.

Fragmente und frühe Fassungen einiger Erzählungen sind bereits hier und da veröffentlicht. Sie zeigen in den Unterschieden das Vermögen des Schriftstellers, ganz bei sich und doch ein immer wieder anderer zu sein. Komik und Poesie, Präzision und ironische Distanz, Farce und Fabel – Saša Stanišic führt sie ins Feld, doch nicht gegeneinander. Er bringt Ebenen und Stile zusammen – auch in der letzten Erzählung „In diesem Gewässer versinkt alles“. Sie beginnt mit einer Fahrt in die Ferne, nach Paris, mit einer Reise zu dritt in Konstellationen der Verliebtheit ohne Ziel. Da ruft die Mutter an, weil auch der Großvater sich auf einen Weg gemacht hat, den letzten. Nun tragen die Erinnerungen fort, ohne dem Jetzt zu entkommen. Das beherrscht Stanišic wirklich meisterhaft.

Saša Stanišic im Haus des Buches: 11. Mai, 19.30 Uhr, Gerichtsweg 28 in Leipzig; Karten (4/3 Euro) gibt es unter Telefon 0341 9954134 und an der Abendkasse

Saša Stanišic: Fallensteller. Erzählungen. Luchterhand. 288 Seiten, 19,99 Euro (erscheint am 9. Mai)

Von Janina Fleischer

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