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Satire pur: Ralf Königs Comics zum Katholikentag

Ausstellung und Lesung in der Moritzbastei Satire pur: Ralf Königs Comics zum Katholikentag

Böse, saukomisch und auf den Punkt hat Comiczeichner Ralf König nicht nur das Schwulsein buchstäblich illustriert, sondern auch das Thema Religion. Zum 100. Katholikentag zeigt die Moritzbastei ab Donnerstag Königs Ausstellung „Ihr Heiden, seht mich an!!!“, dazu gibt’s eine Lesung mit dem Künstler.

Provokantes und Saukomisches: Ralf Königs Kunst kommt nach Leipzig.

Quelle: Raimond Spekking

Leipzig. Der bekannte Comiczeichner Ralf König verhandelt bevorzugt Themen, an denen sich Geister, Ideologien oder Wertvorstellungen scheiden. Böse, saukomisch und auf den Punkt hat er nicht nur das Schwulsein buchstäblich illustriert, sondern auch das Thema Religion. Punktlandend zum 100. Katholikentag zeigt die Moritzbastei ab Donnerstag Königs Ausstellung „Ihr Heiden, seht mich an!!!“, dazu gibt’s eine Lesung mit dem 55-jährigen Künstler.

Woran glauben Sie?

Ans Finanzamt. Die Einkommensteuer vergisst einen nie!

Und an wen glauben Sie?

An mein Bauchgefühl. Ich hab meinen Glauben verloren, als ich als kleines Kind auf einer Weihnachtsfeier auf dem Schoß vom Nikolaus sitzen musste und dabei entdeckte, dass der einen falschen Bart trägt, mit Gummiband um die Ohren! Alle Erwachsenen taten so, als sei das der Nikolaus, wurden also alle im Saal getäuscht oder täuschten alle mich? Und wenn ja, warum? Sehr verstörend, wie ein David-Lynch-Film! Und schon der Kern der Religionsfrage, leider hab ich damals den Skandal nicht lauthals aufgedeckt!

Gelinde gesagt ist Homosexualität und der Islam ein schwieriges Thema, aber auch Katholiken tun sich an diesem Punkt schwer. Würden Sie Ihre Kunst als Rache oder Aufklärung bezeichnen?

Na, eher Aufklärung. Ich bin in einem kleinen Dorf in Westfalen aufgewachsen, sehr katholisch, aber meine Eltern ließen mich gottlob damit in Ruhe. Trotzdem: Sonntagsmessen, Jugendmessen, Religionsunterricht, da kleisterten sie die neugierigen Hirne der Kinder schon damit zu. Ich musste mir diese Mythen später abstrampeln, ich entdeckte als Teenager die Bücher des Wissenschaftlers Hoimar von Ditfurth und war begeistert. Aber Schuldgefühle wegen meiner Sexualität oder was anderem hatte ich nie. Im Gegenteil, um heimlich die Super-8-Pornofilme meines Vaters auf die geblümte Schlafzimmertapete zu projezieren, musste ich erst mal den Heiland vom Nagel nehmen.

Was sagen Sie zu der These, dass Glauben nur erschaffen wurde, um die Leidensfähigkeit des Menschen zu erhöhen?

Vielleicht hilft es dem Einzelnen wirklich, sich an einen unsichtbaren Erlöser zu klammern, wenn man Leid und Not erfährt, und dann ist es ja okay. Problematisch sind eher die Gestalten, die genau das ausnutzen und Ängste schüren, um dann scheinheilig zu trösten und Gesetze erlassen. Egal ob Priester, Imame oder Rabbis, da geht’s um Macht und Kontrolle.

Wann und warum haben Sie sich in Ihrer Arbeit der Religionskritik zugewandt?

Ich hatte das Angebot, für eine Weile den Comicstrip der FAZ zu zeichnen, und da hab ich mir „Prototyp“ ausgedacht, meine Version von Adam und Schlange im Baum, und dann „Archetyp“, die Noah-Geschichte mit der Sintflut. Das war einigen schon zu viel Spaß, es gab wütende Proteste und sogar Abo-Kündigungen. Aber das wurde dann meine Bibel-Trilogie bei Rowohlt, ich hab’ mit dem Buch „Antityp“ noch den Sprung ins Neue Testament gemacht und mir den Apostel Paulus vorgeknöpft, meinen biblischen Lieblingsfeind! Fast alle Probleme, die wir noch heute mit den Kirchen haben, kommen von diesem schlecht gelaunten, verklemmten Besserwisser.

Was finden Sie am Glauben am verdächtigsten?

Dass die Erklärungen allzu simpel sind, und das heutzutage, wo wir Menschen so viel sehen und wissen können vom Weltall und der Evolution, mehr als je zuvor. Jedes Foto vom Hubble-Teleskop sollte eher ehrfürchtig machen als diese religiösen Geschichten von Jungfrauengeburten und Himmelfahrten! Sicher sind da unerforschte Geheimnisse, und das Universum als Ganzes wird unser kleines Hirn womöglich nie begreifen können, aber es sollte der Menschheit langsam dämmern, dass da keine Götter am Werk sind, die letztlich genauso drauf sind wie wir. Stattdessen ist da dieser winzige Erdball, um den wir uns behutsam sorgen sollten, aber dazu sind wir leider zu dumm und gierig.

Reagieren Sie auf Empörung, die beispielsweise vom christlichen Medienverbund KEP kam? Und wenn, wie?

Nein, interessiert mich nicht, ich zeichne meine Comics und bin kein Aktivist in dem Sinne. Im Grunde bin ich nach meiner Version der katholischen Legende von der Heiligen Ursula und ihren „Elftausend Jungfrauen“ mit dem Thema durch. Ich war immer ungläubig, drum ist es mir auch nicht sooo wichtig, dass ich mich noch jahrelang damit beschäftigen müsste.

Ihre Leipziger Vernissage und die Lesung finden nicht zufällig am zweiten Tag des 100. Katholikentages in Leipzig statt. Gehen Sie auch mal raus, Christen besichtigen?

Ach, davon hab ich seit der Kindheit einige gesehen. Aber durch die Bücher hatte ich oft überraschend vergnügliche, lockere Diskussionen. Sogar Pfarrer sehen das oft gar nicht so verbissen. Die müssen ja auch diesen Spagat hinkriegen, in der Moderne zu leben und trotzdem an die Auferstehung von Jesus zu glauben zu wollen oder müssen. Der ganze katholische Katechismus, das muss man sich mal wirklich durchlesen! Aber da ist dann Paulus wieder hilfreich: Man soll es glauben, gerade es unglaublich ist! Wenn man’s so sieht, kommt man natürlich aus der Zweifelsschleife nicht raus, sehr geschickte Gehirnwäsche, sag ich mal.

In Leipzig gab es im Vorfeld Debatten, weil die nicht wirklich arme Kirche von der Stadt Leipzig mit einer Million bezuschusst wird. Macht Sie das eher ärgerlich oder amüsiert es Sie?

Ja, das ärgert. Kirche und Geld ärgert meistens. Wie Kirchensteuer und Staatsabgaben. Dass auch Agnostiker und Atheisten und Andersgläubige zahlen, nur weil es irgendwo geschrieben steht und immer so war. Da wäre die konsequente Trennung von Kirche und Staat fair und vernünftig, aber Vernunft ist in diesen Kreisen nicht so beliebt. Der Osten wird ja nach der Öffnung massiv missioniert, ich hoffe, die Leute interessiert das nach wie vor wenig und sie fletschen weiterhin die Zähne. Die Katholiken bilden nur eine größere Sekte, warum sollte man als Außenstehender deren Rituale bezuschussen?

Die Welt kehrt gerade in ein überwunden geglaubtes Stadium von totalitären Denkweisen und Staatsformen zurück – siehe Erdogan, Trump, Orban, AfD, Pegida und seine Ableger. Das beunruhigt die Mehrheit der Europäer ohnehin – ist die Angst vor dieser Entwicklung bei Homosexuellen größer?

Ja, das ist beängstigend, weil wir hier auf einer verhältnismäßig demokratischen und freien, kleinen Insel leben, um uns herum und weltweit geht es schlimmer zu. Ob schwul oder Frau oder Atheist – allein der Gedanke, irgendwo zu leben, wo man seine Sexualität oder auch seinen Humor geheim halten muss, unerträglich! Sogar schon in Italien hat der Vatikan noch viel Einfluss, da ist an die „Ehe für alle“ nicht zu denken, geschweige denn in Russland oder Polen, von sämtlichen muslimischen Staaten nicht zu reden. Aber es gibt auch Erfreuliches. Dass im katholischen Irland und selbst in den prüden USA mittlerweile gleichgeschlechtlich geheiratet werden kann, ist doch beispielhaft. Umso ärgerlicher, dass unsere derzeitige Regierung zum Beispiel in der Adoptionsfrage nicht mitmachte, und nun mit der AfD im Nacken hat sich das wohl erst mal erledigt.

In den 90ern wurden erfolglos Indizierungsanträge gegen einige Ihrer Bücher gestellt. Ist durch die gesellschaftlichen Veränderungen die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas häufiger passiert, wieder gestiegen?

Ich hab’ einen Science Fiction gezeichnet, da haben die grunzenden, behaarten Außerirdischen gleich drei Riesenpimmel, das regt keinen mehr auf. Wenn doch, sag ich Bescheid. Derzeit scheint mir Gott das Tabu der Zeit, egal welcher der drei.

Haben Gläubige und Diktatoren gemeinsam, dass sie über weniger Humor verfügen als der Rest der Menschheit?

Zumindest verfügen sie über die Anmaßung, zu entscheiden, was Humor sein darf oder nicht. Viele dieser vergrätzten Typen haben kein sehr gelassenes Ego, da ist man schnell beleidigt und in der sogenannten Ehre verletzt. Und wenn man nicht selbst beleidigt ist, dann ist eben Gott beleidigt und man muss ihn verteidigen und rächen. Als ob so’n Gott das nicht selbst könnte, wenn er wollte.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich bin gerade an einem Comic über die Midlife Crisis der Männer. Schwieriges Thema, besonders wenn man selbst knietief drinsteckt. Aber ich suche mir wohl gern komplizierte Themen. Paulus hab ich geknackt, da werd ich das bisschen Älterwerden auch verwursten können. Obwohl... Alterserscheinung „Verringerung des Hodenvolumens“ – da hört auch bei mir der Spaß auf.


Interview

Vernissage Donnerstag um 20.30 Uhr in der Moritzbastei (Eintritt frei), Lesung um 21 Uhr, Karten für 10 Euro an der Abendkasse.

Von Mark Daniel

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