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Schau-Ensemble feiert mit Stück über Nobelpreisträger Joseph Brodsky Premiere

Premiere in der Schaubühne Lindenfels Schau-Ensemble feiert mit Stück über Nobelpreisträger Joseph Brodsky Premiere

Er war ein großer Poet. Aber auch ein großer Polemiker, der Bertolt Brecht einen „Hurensohn“ nannte. Im Mai wäre der Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky 75 Jahre alt geworden. Das Schau-Ensemble widmet sich nun seinem Leben und Schaffen. Am Donnerstagabend hat die Produktion „Brodsky“ in der Schaubühne Lindenfels Premiere.

Das Schau-Ensemble probt „Brodsky“ in der Schaubühne Lindenfels.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Er ist einer der wirklich Großen der Weltliteratur. Was genau der Grund sein dürfte, dass er heute kaum wahrgenommen wird. Denn wie sagte es Joseph Brodsky einmal so schön: „Der Mensch ist, was er liest.“

Schlicht „Brodsky“ nennt sich die neue Produktion des Schau-Ensembles, die Donnerstagabend in der Schaubühne Lindenfels Premiere hat. Und man ist fast geneigt, ein Ausrufezeichen hinter diesen Titel setzen zu wollen. „Brodsky!“ – das wäre angemessen schon deshalb, weil allein der Fakt, dass sich eine Bühneninszenierung diesem Dichter widmet, wie ein Statement wider dem Zeitgeist, nicht zuletzt dem an deutschen Theatern, lesbar ist.

Und vielleicht vermeint man im Gespräch mit der Kostüm- und Bühnenbildnerin Elisabeth Schiller-Witzmann und dem Schauspieler David Jeker auch deshalb etwas von einer Gleichzeitigkeit aus Nähe und Ferne, Verstehen und Fremdheit gegenüber diesem Autor zu spüren. Nichts jedenfalls ist zu hören vom Tonfall jener anstrengend kernigen Selbstgewissheit, zu der gerade Theatermacher gern neigen beim Versuch, den Gegenstand ihrer Betrachtung mit dem eigenen geistigen Horizont kompatibel zu machen. Jeker formuliert dagegen wohltuender Weise

Großer Poet, großer Polemiker

Großer Poet, großer Polemiker: Joseph Brodsky im Jahr 1988.

Quelle: Anefo

fast schon tastend: „Brodsky? Das ist ein Mensch mit Biographie und Weltsicht. Und darin verankert oder daraus hervorgehend offenbart sich … ja, dieses Universum an Poesie.“

„Ein Exilant von Anfang an“, ein in „die Dichtung immigrierter“ sei dieser Mann gewesen, fügt Jeker hinzu. Und hat recht. Es ist eine fast schon radikal zu nennende Selbstbehauptung des Poetischen, wofür Brodsky und sein Werk stehen. „Elitär und absolut einzelgängerisch“ sei der Autor, so Solschenizyn. Sich selbst sah Brodsky etwas lakonischer: „Ich bin Jude, russischer Dichter und amerikanischer Staatsbürger.“

Geboren 1940 im damaligen Leningrad ist Brodsky früh von der Literatur, vom Schreiben infiziert. Was dazu beiträgt, dass er 1964 wegen „Schmarotzertums“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wird. 1972 folgt die Ausbürgerung. Das Leben in den USA, das unstete Reisen, das Schreiben in einer neuen Sprache, in Englisch. Der Nobelpreis 1987. Das zu frühe Sterben in Folge Herzversagens 1996.

Eine Collage

Biographische Stationen. Und was bedeuten sie im Kontext von Leben und Werk – wie nähert man sich dem an? Schiller- Witzmann: „Von Anfang an war klar: Wir wollen kein Bio-Pic. Was uns vorschwebte, war eine Collage. Strukturiert ist die Inszenierung erst einmal durch Orte. Die Orte dieses Lebens, die sich allesamt im Saal befinden und an die wir uns begeben. Aber die Reise dahin ist eine ohne zeitliche Chronologie.“

Ist weniger Abfolge als Gleich-Zeitigkeit einer assoziativen Geometrie, aus der sich ein biographisch-poetisches Muster ergibt. „Die Vergangenheit in die Referenz nehmen“, nennt Jeker das. Und die Brodsky-Orte (Leningrad, Byzanz, Venedig, Amerika) eben durch Brodskys Texte sehen und darüber Brodsky begreifen. Jeker: „Durch die Orte die Poesie sprechen lassen.“

Interessant mag dabei der Umstand sein, dass das Schau-Ensemble selbst schon seit längerer Zeit dem „Sujet Brodsky“ nachhängt. Oder anders formuliert: Dass Brodsky immer wieder mal Thema, immer wieder mal präsent war. „Schon bei unserer ersten Produktion war der auf der Agenda“, erzählt Schiller-Witzmann: „Doch verlor sich das wieder. Und plötzlich, nach unserem letzten, dem Camus-Projekt, war er erneut ganz stark präsent. René Reinhardt fragte da: Wollen wir nicht Brodsky machen?“

Man wollte. Als sei dieses Sujet aus einer ferneren Umlaufellipse am Bewusstseinsrand wieder in den Fokus gerückt. Dass Brodsky im Mai 75 Jahre alt geworden wäre, mag ein Grund dafür gewesen sein. Allerdings tatsächlich nur einer. Bietet doch diese Literatur und dieses Leben weit bessere Perspektiven einer Weltreflexion, die weiter hinaus und tiefer sowieso geht als das, was gemeinhin unter dem Schlagwort „Aktualitätsbezug“ in hiesigen Theatern frohgemut wichtigtuerisch vor sich hin trivialisieren darf.

Man darf gespannt sein, was Regisseur René Reinhardt samt fünfköpfigem Darstellerensemble aus dieser Steilvorlage gemacht haben. Wie auch aus dem Umstand, dass Brodsky nicht nur ein großer Poet, sondern ein ebenso großer Polemiker ist.

„Hurensohn Brecht“

Wenn der etwa vom „Hurensohn Brecht“ spricht, meint das nicht nur dessen (in Brodskys Augen) eher lausige literarische Qualität, sondern gerade auch jene zumal künstlerische Todsünde des Prostituierens für eine Ideologie. Und auch was Brodsky diesbezüglich dagegen hält, ist etwas, das im Zeitalter der Massen (wie auch denen des Massengeschmacks) in künstlerischer Hinsicht fast zwangsläufig als „elitär“ und „einzelgängerisch“ und moralisch als Provokation wahrgenommen werden muss: „Opfer der Geschichte zu sein“, so Brodsky, sei „in dieser Welt der ehrenhafteste Status eines Menschen“.

Schau-Ensemble: „Brodsky“, Premiere Donnerstag, zudem Freitag, Samstag und 22. bis 24. Oktober, jeweils 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels (Karl-Heine-Straße 50), Eintritt 14/10 Euro.

Von Steffen Georgi

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