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"Schau auf diese verbrannten Seelen" - Das Literaturfestival Berlin gibt sich politisch

"Schau auf diese verbrannten Seelen" - Das Literaturfestival Berlin gibt sich politisch

Wie Ameisen wirken die winzigen chinesischen Zeichen, die dicht an dicht übers Papier verteilt sind. Kaum Freiraum lassend. Sie zeugen von der Bedrängnis des Verfassers, der es gewohnt ist, heimlich zu schreiben.

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Liao Yiwu in Berlin.

Berlin. Es handelt sich um das Manuskript von Liao Yiwus Werk „Für ein Lied und hundert Lieder", in dem er seine Haft und Foltererfahrungen in China verarbeitet. Vier Jahre wurde der diesjährige Friedenspreisträger 1989 eingesperrt für das Gedicht „Massaker" über die Katastrophe auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Auch nach seiner Entlassung und nach seiner Flucht nach Deutschland 2011 schreibt Liao Yiwu noch immer in Ameisenzeichen und zieht es vor, in beengten Räumen zu arbeiten. Seine Manuskripte sind Teil der Ausstellung „Von sichtbaren und unsichtbaren Gefängnissen" im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Yiwu eröffnete es am Dienstagabend im Haus der Berliner Festspiele an der Schaperstraße mit der Forderung, Tibet zu befreien.

„Ach Welt, schau auf diese verbrannten Seelen!" Diese Worte, gewidmet den Selbstmördern, die auf die Unterdrückung der Tibetaner durch die chinesische Regierung aufmerksam machen wollten, brennen sich tief ein in die Köpfe der Zuhörer. Eins würde Schreiben konstant vermitteln, heißt es am Ende von „Für ein Lied und hundert Lieder": Würde. Und Würde strahlt dieser körperlich nicht sonderlich große Mensch tatsächlich aus, auf der Bühne, aber auch jenseits davon, umlagert von Journalisten. Denen er sagt, jeder andere Gast des Festivals sei bedeutender als er, kleine Ameise.

Als Pflicht des Exilanten bezeichnet es Yiwu in seiner Rede, nach der Flucht aus einem Land der Unterdrückung sich für die Zurückgebliebenen einzusetzen. Yiwu zitiert aus einem Brief an den deutschen Außenminister Guido Westerwelle, in dem er ihn bittet, ihm zu helfen, den höchsten Lama des tibetischen Buddhismus, zum Literaturfestival nach Berlin zu holen.

Diese provozierende Eröffnungsrede ist durchaus programmatisch für das Literaturfestival, das bis zum 16. September 186 Autoren aus 46 Ländern präsentiert. Es gibt sich kämpferischer als andere Lesefeste. Auf der Homepage prangt der Aufruf „Free Pussy Riot", am 12. Dezember soll der Protest gegen die Inhaftierung der russischen Guerilla-Band mit einer Lesung fortgesetzt werden. Im März sammelte Yiwu im Namen des Festivals Unterschriften für seinen inhaftierten Freund Li Bifeng, und bereits im April wurde eine Lesung gegen das Assad-Regime organisiert.

Pressesprecherin Barbara Schindler sagt: „Wir machen kein Programm für junge Hipster, wollen nicht die neue Charlotte Roche entdecken. Sondern wir wollen auf politische Defizite in allen Ecken dieser Welt aufmerksam machen." So stellen Georg Seesslein und Markus Metz beim Festival ihr „Handbuch für den zivilen Ungehorsam" vor, Amir Hassan Cheheltan berichtet in „Teheran, Stadt ohne Himmel" erstmals unzensiert aus iranischen Foltergefängnissen, Pilar Velasco wurde stellvertretend für die spanische Protestbewegung „Reale Demokratie – jetzt!" eingeladen.

Zu den ins politische Geschehen eingreifenden Autorengästen gehört auch die israelische Autorin Zeruya Shalev, die in einem aktuellen öffentlichen Brief an Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vor einem Militärschlag gegen den Iran warnt.

Festivaldirektor Ulrich Schreiber erklärt am Rande des Geschehens: „Wir erleben zur Zeit eine Verschiebung der Gesetze einer Zivilgesellschaft, die Berlusconisierung oder Putinisierung zieht immer weitere Kreise. Wie schnell das Eis auch in Deutschland brechen kann, zeigte der Fall Guttenberg, der mit einem Schlag das Selbstverständnis zertrümmern wollte, dass sich Generationen von Wissenschaftlern aufgebaut haben." Die Ausstellung „Von sichtbaren und unsichtbaren Gefängnissen" sei also nicht als „abstrakte Solidarisierung mit irgendwelchen Chinesen" sondern als Mahnung zu verstehen, Werte und Grundrechte auch hierzulande nicht außer Acht zu lassen.

Die Ausstellung vereint neben Yiwus Manuskripten eine dokumentarische Arbeit Ai Weiweis aus den Tausenden von Opfernamen der Schüler, die 2008 beim Einsturz eines nicht normgerechten Schulgebäudes während eines Erdbebens starben, mit Fotografien Tsering Dorjees von der chinesischen Kulturrevolution in Tibet. Ein Motiv zeigt eine junge Nonne, die mit einem Schild um den Hals und einer Papiermütze öffentlich gedemütigt wird. Dorjees Tochter hat die Aufnahmen jahrzentelang versteckt gehalten, eine der wenigen Dokumentationen dieser Schreckensperiode.

Besonders unheimlich sind die Puppenfotografien von Liu Xia, der Frau des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Sie arrangiert Puppen mit Kulleraugen auf Klippen oder platziert sie gefesselt vor Büchern. In ihrem Schicksal spiegelt sich der Titel der Ausstellung: Während ihr Mann in Haft sitzt, steht sie selbst unter Hausarrest, hat minimalem Kontakt zur Außenwelt. So ist ihr Mann von einem sichtbaren, sie von einem unsichtbaren Gefängnis umgeben. Nina May

Service: Ausstellung „Von sichtbaren und unsichtbaren Gefängnissen", bis 16. September im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Berlin; www.literaturfestival.com

Nina May

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