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Schauspiel Leipzig bringt Flucht und Asyl auf die Bühne

„Die Schutzflehenden“ Schauspiel Leipzig bringt Flucht und Asyl auf die Bühne

Die Bilder von Flüchtlingen sind überall. Jetzt bringt das Schauspiel Leipzig mit „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“ ein Stück über Flucht und Asyl auf die Bühne. Doch was vermag die Kunst gegen die Wucht der Ereignisse? LVZ.de sprach mit Intendant Enrico Lübbe.

Die Schutzflehenden: Enrico Lübbe rückt den antiken Chor ins Zentrum des Stücks über Flucht und Asyl.

Quelle: Rolf Arnold / André Kempner

Leipzig. Die Bilder sind überall. Ein Flüchtlingstreck auf dem Weg nach Deutschland. Kinder, die an Bahnhöfen auf Beton schlafen. Familien, die in Züge gepfercht werden. Da sind die Rechtsextremen, die in Heidenau grölen und anderswo Brandsätze auf Asylbewerberheime werfen. Auf der anderen Seite Menschen, die Wasser bringen, Decken, Duschgel. Das Nötigste für ein Leben auf Feldbetten, aufgereiht in Turnhallen und Zelten.

Warum dürfen die und wir nicht? Unter dieses Zitat aus Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ stellt das Schauspiel Leipzig seine neue Spielzeit. Am 2. Oktober hat das Stück in Verbindung mit einem antiken Aischylos-Drama als „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“ Premiere. Ein Spiel über Flucht und Asyl in diesen Zeiten?!

Enrico Lübbe, Intendant am Schauspiel Leipzig.

Enrico Lübbe, Intendant am Schauspiel Leipzig.

Quelle: André Kempner

„Flüchtlinge spielen, geht gar nicht“, stellt Intendant und Regisseur Lübbe klar. Die Grenzen des Möglichen scheinen eng: „Die Realität dessen, was täglich geschieht, können und wollen wir nicht nachspielen.“, sagt der Theatermann, strahlt aber alles andere als Verzagtheit aus. Das Politische wird zur künstlerischen Herausforderung, und die Energie, mit der sich Lübbe der Sache widmet, spricht aus jeder Geste.

 Ausgangspunkt Protest-Camp

Eine ganz konkrete Situation ist Ausgangspunkt für den Jelinek-Text. Es geht um das Refugee-Protest-Camp Wien im Winter 2012/2013. Dabei zogen sich Teilnehmer in die Votivkirche zurück, einige traten später in den Hungerstreik. Die Flüchtlinge forderten unter anderem die Grundversorgung von Asylbewerbern und den Zugang zum Arbeitsmarkt. Letztlich scheiterte der Protest und endete für viele mit Abschiebungen oder Haft.

„Viel tagesaktuelle Wut“ macht Lübbe im Jelinek-Text aus. Die Österreicherin konfrontiert ihre Leser mit einer soghaften Rede, in der Gefühle von Fremdheit und Angst, Einsamkeit und gleichzeitig Dankbarkeit für das blanke Leben und ein Dach über dem Kopf ineinander wirbeln – überwiegend aus der vermeintlichen Wir-Perspektive der Flüchtlinge erzählt.

„Aber können wir wirklich nachvollziehen, was diese Menschen an Leid erfahren haben?“, sagt Lübbe. Alles Psychologische verbiete sich daher.Jedes Abbild könnte nur ein Abklatsch der Realität sein. Also wird er versuchen, die Inszenierung von der täglichen Bilderflut abzukoppeln. Dabei hilft es, dass Lübbe „schon seit längerem ein antikes Stück machen wollte“, und Jelinek auch selbst aus dem 21. Jahrhundert die Brücke zu Aischylos schlägt.

Die Schutzflehenden/ Die Schutzbefohlenen

Die Schutzflehenden/ Die Schutzbefohlenen: Das Bühnenbild erinnert an einen gewaltigen Schiffsrumpf.

Quelle: Rolf Arnold

Gigantischer Chor

Also verbannt der Regisseur für den Aischylos Farben und Alltagskleider von der Bühne und wagt ein Experiment: Das Schauspiel castete 50 Laiendarsteller für einen gigantischen Chor, der in weißen Gewändern agiert und Stadtgesichter hinter Masken verschwinden lässt.

„Noch nie haben wir mit einem so großen Chor gearbeitet“, sagt Lübbe. Von der Einstudierung durch Marcus Crome ist er begeistert. Der Schauer, wenn die Vielen mit einer Stimme sprechen. Die Männer repräsentieren Aischylos‘ Jungfrauen auf der Flucht ins Reich Argos, die Frauen sind kraftvolle Gegenwart: „25 Elfriede-Jelinek-Wiedergängerinnen, die sich auskotzen. Das ist schon ein Erlebnis“, gerät Lübbe ins Schwärmen.

Der Chor wird zum Sinnbild für die „Entindividualisierung als Kunstform“. Und darin liegt für Lübbe die Chance des Schauspiels, gerade jetzt, gerade hier.

Kein Menschenzoo

„Wir dürfen ja eigentlich alles im Theater“, sagt er, und sieht ziemlich fröhlich aus für einen, der sich mit so einem Stück getrost zwischen alle Stühle setzen kann. Jelineks Text habe Sprachwitz, arbeite oft mit beißender Ironie. „Es gibt Stellen, die trotz des harten Themas ein Lachen provozieren.“ Andererseits könne auf der Bühne auch überzeichnet werden, „was manche Zeitgenossen draußen so sagen“. Vorurteile und Vorbehalte werden auf der Bühne wieder zum Stoff, über den geredet wird.

Kein Menschenzoo, kein Agitprop – mit vielen Abgrenzungen umkreist Lübbe, was die Zuschauer bei der offenen Probe am 24. September (18 Uhr) und dann in 13 Aufführungen von „Die Schutzbefohlenen/Die Schutzflehenden“ bis zum Mai 2016 erwartet. Und weil das Künstlerische auch im Koordinatensystem des Politischen steht, flankiert das Schauspiel Leipzig ausgewählte Aufführungen mit Expertenrunden: Kirchenasyl und der Ablauf von Asylverfahren, die psychologische Betrachtung der Angst vor dem Fremden oder die Sicherung der EU-Außengrenzen werden nach den Aufführungen zum Thema.

„Ich weiß, es ist eine Utopie, aber man hofft immer, mit der Kunst auch die zu erreichen, die bisher für Argumente nicht erreichbar waren“, sagt Lübbe. Bei Aischylos lässt der König Pelasgos sein Volk entscheiden, ob die Jungfrauen Zuflucht finden sollen. Die Menschlichkeit bekommt eine Chance.

Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen (Aischylos/Elfriede Jelinek), Schauspiel Leipzig, offene Probe 24.9. (18 Uhr), Premiere 2.10. (19.30 Uhr) alle Termine und Karteninfo: www.schauspiel-leipzig.de

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