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Schauspiel Leipzig zeigt „Drei sind wir“ von Wolfram Höll

Uraufführung Schauspiel Leipzig zeigt „Drei sind wir“ von Wolfram Höll

Wolfram Höll wurde für sein Debüt-Text „Und dann“ mehrfach ausgezeichnet. Die Inszenierung gehört schon im dritten Jahr zum Spielplan des Leipziger Schauspiels. Jetzt ist das Auftragswerk „Drei sind wir“ in der Regie von Thirza Bruncken zu sehen. Eine kühle Abrechnung mit dem Menschen, der sein Schicksal nicht annehmen will.

Vom Kind abgewandt: Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow (v.l.).

Quelle: Rolf Arnold

Leipzig. Das Gruseligste, was die hiesige 60er-Jahre-Architektur zu bieten hat, steht Pate für die klaustrophobische Guckkastenbühne. Fahl, steril, funktionell wie ein Behördenflur. Konstruiert für Wischmob und Homo oeconomicus. Ein Eindruck, der auf den ersten Blick von steifer Garderobe verstärkt wird. Auf den Zweiten von mechanischen, in zwanghaften Wiederholungen gefangenen Gesten und von der Übertragung des Wackeldackels auf die Schauspielerei: Vier Akteure, die vom Schicksal angefasst den Körper schwingen lassen, offenkundig unfähig zur Aktion. Und ja, das ist alles in sich schlüssig, um familiäre Katastrophen, die sich verdichten und überlagern in „Drei sind wir“, zu vermitteln. Ob die Inszenierung von Thirza Bruncken, die am Samstagabend ihre Uraufführungen in der Schauspiel-Diskothek erlebte, damit die Tiefen des Textes auslotet, das darf man bezweifeln. Ein Fünkchen Leben, das müsste doch zu finden sein hinter diesen tatsächlich kunstvoll versteinerten Mienen, die Anna Keil, Bettina Schmidt, Julius Bornemann und Sebastian Tessenow durch den Abend tragen. Ist es aber nicht.

Wolfram Hölls beeindruckendes Debüt „Und dann“ steht in der dritten Saison auf dem Spielplan des Schauspiels. „Drei sind wir“, ein Auftragswerk des Hauses, vergeben an den jungen Dramatiker, der in der Schweiz lebt und in Leipzig aufwuchs, ist jetzt hinzugekommen. Wieder dreht sich alles um das Verschwinden. Um ein Kind, dessen Schicksal im Mutterleib gedeutet wird. Trisomie. Die Lebenserwartung beträgt in diesem Fall ein paar Monate. Ob Flucht oder Erfüllung eines Traumes: Die Eltern wandern mit dem Kind nach Kanada aus. Die Verwandten kommen vorbei. Eine familiäre Lebenslüge offenbart sich beim Besuch.

Das in etwa lässt sich als Handlungsstrang destillieren aus Hölls lyrischer Feder, die Bilder erschafft, Stimmen und Stimmungen ineinander verwebt und klare Rollenabgrenzungen in Unschärfe taucht. Die Inszenierung entscheidet sich dagegen, das erzählerische Moment herauszuarbeiten, bleibt lieber vage und setzt darauf, Seelenzustände auszustellen. Das Schicksal der Nicht-Normalität, so scheint die Grundthese zu lauten, wird vom perfektionistischen Vollkasko-Menschen der Gegenwart verweigert. Der Satz „wir setzen über“, als die Kleinfamilie mit dem Säugling auf dem Schoß nach Kanada fliegt, verwandelt sich in den verhackstückten Wortkaskaden nach und nach in „ersetz ihn“.

Aus dem Schicksal, das nicht akzeptiert wird, gibt es kein Entrinnen, so wie die vier Akteure den hermetischen Raum nie verlassen, obgleich sie sich der Tür immer wieder annähern. Und im Konflikt von Verweigerung und Tatsachen versteinert der Mensch.

Das wiederum ist überzeugend gespielt. Bettina Schmidt lächelt dieses leere Lächeln ohne jeden Trost. Aussage und Timing stimmen, wenn Sebastian Tessenow „I want to break free“ gegen die Wand singt. Und sich Julius Bornmann überrascht umdreht, als die Textzeile „live still goes on“ zu hören ist – als sei genau das ein Frevel zu denken: dass das Leben weitergehe.

Die Linie ist, auch wenn sich die sehenswerten Choreografien nicht immer recht einfügen wollen, konsequent eingehalten. Bis hin zum Kältegipfel, wenn sich die Mutter vom nuckelnden Baby abwendet. Doch drängt sich den ganzen Abend über die Frage auf, warum sich unter der hermetischen eierschalenfarbenen, marmorharten Tristesse nicht ein Hauch Liebe regt angesichts eines hilflosen Menschleins. Warum die Inszenierung nicht zu berühren weiß – nicht berühren will. Warum sie sich nur auf eine Seite des Textes schlägt und das Gefühlsspektrum so krampfhaft einengt, Menschlichkeit fast komplett verweigert.

Am Schluss, wenn vor der Videokulisse einer Inuit-Familie die Schauspieler in einem Fellberg graben, als suchten sie wie Schlittenhunde nach dem verschwundenen, wieder aus der Welt gegangenen Kind, nach der realen und seelischen Leerstelle, wird auch dieses ergreifende Bild schon im Ansatz wieder ausgeknipst, schlüpfen die Spieler in die Felle und der Abend verweht wie das Jaulen der Schlittenhunde im Wind. Bravo-Rufe, das soll nicht verschwiegen werden, gibt es nach den rund 80 Minuten auch.

„Drei sind wir“, Schauspiel, weitere Termine: 23. Feb., 3. und 12. März, jeweils 20 Uhr, Kartentel: 0341 1268168

 

Von Dimo Riess

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