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Schauspieler Otto Sander im Alter von 72 Jahren gestorben - ein Nachruf

Schauspieler Otto Sander im Alter von 72 Jahren gestorben - ein Nachruf

Otto Sander ist tot. Der Charakterdarsteller mit der einzigartigen Stimme, der seit über 40 Jahren auf der Leinwand, im Fernsehen und vor allem auf den Theaterbühnen präsent war, erlag am Donnerstag in Berlin 72-jährig einem Krebsleiden.

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Otto Sander bei Dreharbeiten 2011. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Leipzig. Es war sein letzter großer Auftritt auf der Leinwand: Bernd Böhlichs Senioren-Komödie „Bis zum Horizont, dann links!". Kein großer Film, beileibe nicht. Aber wie Otto Sander da als rüstiger Flugzeug-Entführer Tiedgen inmitten ebenfalls in Würde gereifter Kollegen (Angelica Domröse, Herbert Köfer, Tilo Prückner, Monika Lennartz ...) ein langes Leben eingefangen hatte, das machte jede Minute sehenswert.

Dabei machte er gar nicht viel, musste er nicht, musste er nie: Die immer ein wenig feuchten leuchtend blauen Augen mit den markant knittrigen Lidern unter hellen Wimpern, darüber die vom Hochsee-Segeln gegerbte Stirn, die Züge, in die Erfahrung und Alkohol tiefe Furchen gezogen haben, während der Dreharbeiten zu diesem Film längst auch der Krebs – auf diese maritime und immer ein wenig melancholischen Gesichts-Landschaften musste die Kamera nur draufhalten, und Bilder wurden zu Ereignissen. Wie die Töne, Silben, Worte, Sätze, die Otto Sander sagte mit dieser Stimme, die sich unter die Haut raspelte, die das Herz wärmte und doch überall Widerhaken auslegte. Sonor war sie und tief, volltönend und immer etwas leise, was Aufmerksamkeit garantierte, markant und zerbrechlich, satt und sanft – und unvergesslich.

Dieses Gesicht und diese Stimme, das waren die Gaben, mit denen Otto Sanders bereits überreich ausgestattet war, als der 1941 in Hannover geborene Ingenieurs-Sohn sich in den frühen 60ern nach München aufmachte, um mit dem festen Ziel „Regisseur wollte ich werden" an der Ludwig-Maximilians-Universität Theaterwissenschaft, Germanistik, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie zu studieren. Dann sammelte er Bühnen-Erfahrungen im Studentenkabarett und wechselte 1964 an die Otto-Falckenberg-Schule, um Schauspielunterricht zu nehmen. Dort flog er schon im Jahr darauf wegen „ungebührlichen Betragens" raus, konnte aber seine Ausbildung mit einer externen Prüfung abschließen. 1966 folgte das Erstengagement in Düsseldorf, und über Verpflichtungen in Heidelberg und Kassel spielte er sich schließlich nach Berlin, auf die Bühnen der Stadt, die von 1970 an seine Heimat wurde. Wo er so regelmäßig in der Paris-Bar stand, dass am Tresen ein Messingschild seinen Stammplatz markiert. Wo er 1971 zu den Gründungsmitgliedern der Schaubühne gehörte. Und deren Ruf als Theater-Mekka er in den goldenen 70ern und 80ern mitbegründete. Als Darsteller in Produktionen Peter Steins und Klaus Peymanns, Robert Wilsons und Luc Bondys, als großer Tragöde und als kleiner Mann, als Hauptmann von Köpenick und bei den Salzburger Festspielen als Tod.

Ein knappes halbes Jahrhundert auf den Brettern, die die Welt bedeuten – das hat ihn unsterblich gemacht. Wie die vier Jahrzehnte, in denen er auf der Kino-Leinwand und auf der Mattscheibe unvorstellbar fruchtbar aktiv war. Die Hörbücher, in denen er großen und kleinen Autoren seine Stimme lieh, natürlich auch.

Otto Sander war nicht wählerisch, nicht, was die Genres anbelangte, und nicht in Sachen Ambition. Seine rund 150 Streifen zählende Filmografie weist anarchische Komödie (Nicht fummeln, Liebling, 1970, Das Kondom des Grauens, 1996) auf und große Filmkunst wie Wim Wenders Diptychon „Der Himmel über Berlin und „In weiter Ferne so nah", worin er an der Seite seines langjährigen Bühnenpartners Bruno Ganz dem in schlichter Menschlichkeit das Publikum weltweit zu Tränen rührenden Engel Cassiel seine blauen Augen lieh, sein Gesicht und seine Wunder-Stimme.

„Das Boot", „Die Blechtrommel", „Comedian Harmonists", „Marlene", „Sass" – drehten die Großen des deutschen und des europäischen Films, kamen sie an Otto Sander kaum vorbei, auch der Autorenfilm ist ohne ihn kaum denkbar: Eric Rohmer, Andrzej Wajda, Wolfgang Petersen, Volker Schlöndorff, Werner Schroeter, Michael Verhoeven, Margarethe von Trotta, Matti Geschonneck, Joseph Vilsmaier, sie alle ließen ihn, der, gleich ob ihn Komik oder Tragik, in historischem Breitwandformat oder intimem Kammerspiel, hinter Rollen Menschen fand, ihre Werke adeln.

In den letzten beiden Jahrzehnten gern mit familiärer Unterstützung: Immer wieder stand er mit seinen Ziehkindern Ben und Meret Becker, die seine Ehefrau Monika Hansen aus ihrer ersten Ehe mit Rolf Becker mitgebracht hatte, vor der Kamera. In Rosa von Praunheims „Der Einstein des Sex" war 1999 sogar die ganze Familie beteiligt, und auch die Brandenburger Polizeirufe in denen er an der Seite Ben Beckers dem Streckenwärter Lansky die Seele einhauchte, zeugen vom partnerschaftlichen Schauspielverständnis, das Sander grundsätzlich bevorzugte, aber in Familie naturgemäß besonders intensiv ausleben konnte.

Seiner Witwe schickte Bundespräsident Joachim Gauck am Donnerstag ein Beileidstelegramm: „Ich erinnere mich" heißt es darin", „an Otto Sander als einen der glaubwürdigsten Schauspieler unserer Zeit." Ja, das war er ohne Zweifel.

Peter Korfmacher

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