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Schenkungsrekord im Leipziger Grassi – Museum blickt auf 2016

Elf Sonderausstellungen Schenkungsrekord im Leipziger Grassi – Museum blickt auf 2016

Finnisches Design und Kunst aus Flandern und den Niederlanden – Küchengeräte aus vier Jahrhunderten und Türklinken: Im Leipziger Grassimuseum für Angewandte Kunst gibt es 2016 elf Sonderausstellungen. Im Vorjahr kamen über 70.000 Besucher. Außerdem wurde ein neuer Schenkungsrekord aufgestellt.

Olaf Thormann, Direktor des Museums für Angewandte Kunst.
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Blauer Himmel, Puderzuckerschnee und lange Schatten. Das Leipziger Grassimuseum sieht an diesem Vormittag selbst aus wie eine Skulptur. Winterschlaf herrsche drinnen allerdings keineswegs, betont Olaf Thormann, seit viereinhalb Monaten Direktor des Hauses, bei der gestrigen Pressekonferenz, die nebenher zur Beweisführung wird. Es gibt auch 2016 viel zu erleben und zu tun im Museum für Angewandte Kunst. Da gehört die Platzierung dreier ganz neuer japanischer Objekte – ermöglicht durch eine Schenkung der Doris-Günther-Stiftung – noch zu den einfacheren Aufgaben.

Insgesamt elf Sonderausstellungen stehen auf dem Programm, dazu hunderte Veranstaltungen – Angebote, Führungen und Feste sowie diverse Forschungs- und Restaurierungsprojekte. Gerade begonnen habe das neue Veranstaltungsformat „Kunst weltweit“ mit Gesprächen, Film- und Kunstprojekten, das sich an Neu-Leipziger wie Einheimische richte, wie Museums-Sprecherin Anett Lamprecht erklärt. Ab April sollen in diesem Rahmen auch Führungen auf Englisch und Arabisch angeboten werden.

Mehr Besucher als im Vorjahr

Traditionell geht der Blick so kurz nach dem Jahreswechsel auch zurück. Mit knapp 71.000 Besuchern seien 2015 rund acht Prozent mehr Besucher gekommen als im Vorjahr. Einen Rekord gibt es bei den Neuerwerbungen. Insgesamt 1581 Objekte kamen hinzu, so viele wie noch nie nach der Wiedereröffnung des Museums Ende 2007. Der Bilanzwert dieser vor allem durch Schenkungen dazugewonnenen Stücke liege bei rund zwei Millionen Euro, so Thormann weiter.

Der 1962 im sächsischen Limbach geborene Direktor, langjähriger Stellvertreter von Eva-Maria Hoyer, die das Museum ein Vierteljahrhundert geprägt hat, steht für Kontinuität und akribische Planung. So kann er jetzt schon auf das Bauhausjubiläum 2019 blicken und eine Schau, mit der das Museum im Sommer 2017 ein Publikum anlocken will, das sonst nicht unbedingt Museen stürmt. In „Bikes. Das Rad neu erfinden“ soll das Fahrraddesign der vergangenen 10 bis 15 Jahre präsentiert werden. Das klingt ähnlich abgefahren wie die Schuh-Ausstellung, die mit rund 40.000 Besuchern 2013 einen überaus „starken Auftritt“ am Johannisplatz hatte.

Gegenstände zu zeigen, die im Alltag funktionieren und gleichzeitig ästhetisch sind, das ist gewissermaßen das Kerngeschäft eines Museums für Angewandte Kunst. Auch in diesem Jahr gibt es gleich mehrere Gelegenheiten, das scheinbar Vertraute neu und anders zu sehen. Vom 24. November an sollen sich im Grassi nicht nur Besucher die Klinke in die Hand geben, sondern diese als kleine Kunstwerke am Bau näher kennenlernen. In der Schau „Begreifbare Baukunst. Die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur“ geht sollen Exponate von Karl Friedrich Schinkel, Walter Gropius oder David Chipperfield gezeigt werden. Kulturgeschichte zum Anfassen. „Das bisschen Haushalt“ wird ab 5. November in der Ausstellung „Backen, Bügeln, Putzen, Kochen“ präsentiert – mit Gerätschaften aus vier Jahrhunderten, vom Mangelbrett bis zum Dampfbügeleisen, vom Pfannenknecht bis zum Schnellkochtopf. Das Auge arbeitet mit.

Blicke aufs Reformationsjubiläum

Zwei große Sonderschauen widmen sich dem Reformationsjubiläum 2017, auch sie beginnen im November. In „Gottes Werk und Wort vor Augen“ (24.11. bis 1.1.2018) sollen Objekte innerhalb der Ständigen Ausstellung „Antike bis Historismus“ mit Bezug zur Reformation durch ein eigenes Wegeleitsystem erschlossen und gesondert beschrieben werden. Während es hier eher historisch-gediegen zugehen dürfte, führt „Gedanken Raum geben“ (24.11. bis 28.5.2017) ins Hier und Jetzt, wenn Künstler und Architekten Räume der Meditation, des Gebets und Innehaltens erschaffen.

Die erste neue Ausstellung in diesem Jahr ist ein Satellit der Frankfurter Buchmesse, bei der in diesem Jahr die Niederlande und Flandern Ehrengäste sind. Im Grassimuseum sind ab 16. April historische und zeitgenössische Meisterwerke der angewandten Kunst von dort zu sehen. Nach Norden geht es vom 2. Juni bis zum 3. Oktober. Dann sind die schlicht gehaltenen, der Flora und Fauna seiner Heimat entlehnten Gefäße des finnischen Designers Tapio Wirkkala zu entdecken. Das Sein bestimmt das Design.

In die „Gesichter des Wave-Gotik-Treffens“ können Besucher parallel zum Festival vom 13. bis 16. Mai bei einer Fotoausstellung mit Arbeiten von Marcus Rietzsch schauen. „25 Jahre Schenken und Fördern werden vom 2. Juni bis zum 15. September gefeiert, wenn die Erwerbungen des 1991 gegründeten Freundes- und Förderkreises präsentiert werden.

Dass die Sammlung so kontinuierlich wachse, sei natürlich wunderbar, sagt Direktor Olaf Thormann. Mittelfristig stehe man dadurch aber vor einem Problem. „Wir platzen aus den Nähten.“ Neue größere Konvolute würden das Haus schon jetzt räumlich vor Probleme stellen. Gemeinsam mit der Stadt werde nach Lösungen gesucht. Wie auch andere Häuser benötige das Grassi neue Depots, so Thormann – entweder zentral gemeinsam mit den anderen Museen oder eben am Johannisplatz. Nein, nach Winterschlaf sieht es hier aber auch so gar nicht aus.

Grassimuseum für Angewandte Kunst (Johannisplatz 5-11), geöffnet Di-So, 10-18 Uhr; Eintritt 8/5,50/4 Euro, bis 18 Jahre frei; 31. 1., 11-17 Uhr: Familienfest der drei Museen im Grassi

Von Jürgen Kleindienst

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