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Schmerz beiseite - Premiere bei den Academixern

Schmerz beiseite - Premiere bei den Academixern

Der Tod ist wie ein unaufgeräumtes Zimmer. Überall bleiben Fragen liegen. Werden nach dem Ableben die Punkte in Flensburg gelöscht, wie lange bekommt man noch Nachrichten der Facebook-Freunde oder Newsletter? Wahrscheinlich, so vermutet Schauspieler Jens Eulenberger als Hagen, hinterlässt man im Netz mehr Spuren als im wahren Leben.

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Prost auf Leben und Tod: Katrin Hart, Claudius Bruns, Barbara Trommer und Jens Eulenberger (v. l.).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Das ist der Moment von "Bestatten? Fröhlich.", in dem das Academixer-Stück - Premiere war am Sonntag - virtuos auf dem schmalen Grat zwischen Scherz- und Schmerzgrenze balanciert.

Kurz zuvor hat Hagen die zweite Hälfte von Volker Insels Inszenierung eröffnet - und dem Team des Bestattungsunternehmens, dass ihm nur noch drei Monate Leben bleiben. Plötzlich klemmt die Amüsierstimmung an einer Sollbruchstelle, die man im Kabarett extrem ungern riskiert. Schließlich soll doch der Zuschauer auf Teufel-komm-raus lachen. Am besten, bis der Arzt kommt.

Dass die Übergänge zwischen Tragik und Komik hier so selbstverständlich fließen, liegt neben Regie und darstellerischer Leistung auch daran, dass Insel das Angekündigte ehrlich einlöst: Der Theatermann macht kein klassisches Kabarett, sondern orientiert sich am Schauspiel. "Bestatten? Fröhlich." ist eine gelungene Boulevardkomödie, bei der man sich natürlich fragen kann. Die in Machart und Originalität turmhoch Produktionen überragt, in denen Grimassenschnitt, Dialekt-Plautzerei und Merkel-Bashing die wahren Totengräber des Genres sind.

Dieses muntere Kammerspielchen schüttet lockere Unterhaltung, Sarkasmus und eine Prise Nachdenklichkeit in eine Urne. Im Wiegeschritt wird das Thema Sterben zu Grabe getragen.

Genau gezeichnet sind die Figuren. Es macht enormen Spaß zuzusehen, wie Katrin Hart die pedantische, überkorrekte Frida Fröhlich gibt und die gewohnt präsente Barbara Trommer das Pendant, die leichtlebig-lüsterne Schwester Freya. Jens Eulenberger als Ex-Friseur und Umschüler Hagen spielt ungekünstelt und locker - ein großer Gewinn für die Academixer. Musiker Claudius Bruns ist zwar die fehlende Erfahrung als Darsteller anzusehen, dennoch spielt er sich beachtlich in seinen Part als Kölsche Jung Bodo Messe - und zaubert ein tolles Solo an den Tasten.

Die Texte von Volker Insel, Julie Bukowski, der Schreibstube Comedien.de, Philipp Schaller, Eulenberger und Paul Skrepek meiden weitestgehend die naheliegenden Allgemeinplätze. Da wirkt auch nichts zusammengeschustert, sondern es fließt am roten Faden entlang.

Um den Fortbestand ihrer Firma zu sichern, erwägen die Fröhlich-Schwestern so manches. Aktionswochen zum Beispiel - zwei Särge zum Preis von einem, das zweite Exemplar wird kostenlos einen Monat zwischengelagert. Es gilt unliebsame Mitmenschen und Probleme zu beseitigen, wenn das XXL-Erdmöbel nicht durch die Krematoriums-Luke passt, wenn die Asche Siegfrieds im Handstaubsauger landet oder die Frau Staatssekretär partout eine bitterböse Trauerrede buchen will. Hinreißend Katrin Harts Gesangssolo als Oma, die sich auf Begräbnis-Tournee an den Leichenschmaus-Büffets satt isst. Schöner schwarzer Humor, an keiner Stelle pietätlos. Dass auch hier die übliche Medley-Manie ausgelebt wird, liegt wohl am verführerischen Song-Angebot für "Trauercharts" (Candle In The Wind, Bella Ciao, Hobellied).

Gerade wegen der Sterbeankündigung Hagens, gerade wegen des melancholischen Liedes "Alt und blöd" entsteht eine Brücke zur Realität, die dem Tod die Sense aus der Hand nimmt, das Katastrophale und Tabuhafte. Schmerz beiseite, man darf auch mal lachen über den Abschied vom Irdischen. Die Zuschauer-Begeisterung jedenfalls ist groß, der Applaus üppig. Und klassisches Kabarett? Nicht unbedingt tot. Aber offenbar auf Sinnsuche.

Nächste Vorstellungen Freitag (20 Uhr), Samstag (16 & 20 Uhr) und Sonntag (18 Uhr), Kupfergasse 2; Kartentelefon 0341 21787878.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.02.2014

Mark Daniel

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