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Schmerz der Freiheit - Zum Tod der Schriftstellerin Helga M. Novak

Schmerz der Freiheit - Zum Tod der Schriftstellerin Helga M. Novak

Sie kostete die Freiheit bis zum Schmerz, das Leben bis zur Neige aus. Am Heiligabend ist die Schriftstellerin Helga M. Novak im Alter von 78 Jahren gestorben. In den 50ern und 60ern hatte sie in Leipzig studiert, wurde 1966 aus der DDR ausgewiesen.

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Die Schriftstellerin Helga M. Novak, aufgenommen im Jahr 2005.

Quelle: LVZArchiv

Ein Leben als Abenteuer und ewige Suche.

Getrieben war Helga M. Novak ihr ganzes Leben lang, rast- und heimatlos. "Mir fehlten die Fähigkeiten, mich sesshaft zu machen und mich gesellschaftlichen Normen und Maßregeln zu unterwerfen." Am Heiligabend ist die Lyrikerin und Schriftstellerin im Alter von 78 Jahren in Rüdersdorf bei Berlin gestorben. Wie ihr Verlag Schöffling in Frankfurt mitteilte, sei sie einem langen Leiden erlegen. Noch im September war der dritte Teil ihrer Autobiographie "Im Schwanenhals" erschienen, nach "Die Eisheiligen" (1979) und "Vogel federlos" (1982) geht es hier um die Jahre zwischen 1954 und 1967.

Helga M. Novak, 1935 in Berlin-Köpenick als Maria Karlsdottir geboren, ist immer eine Außenseiterin, auch im Literaturbetrieb. "Diese Dichterin ist schlimmer als nur verkannt und ist schlimmer als nur vergessen. Sie blieb einfach unbemerkt", sagte Wolf Biermann in den frühen 90ern über sie, die zehn Jahre vor ihm aus der DDR geschmissen worden war, als erste Schriftstellerin überhaupt. Als "herausragenden Monolithen" beschreibt Kollege Michael Lentz ihr Werk, außerdem "unbeugsam", "erschütternd" und "ohne Vergleich".

Worte, die unbedingt auch für die Autorin selbst gelten und ein Leben, das blieb, wie es begann: "Ich bin im Kinderheim zur Welt gekommen, vierzehn Tage später ist meine Mutter gegangen. Ich wurde adoptiert, und mich erwischte es, bei den für mich unpassendsten Eltern zu bleiben." Nicht Bleiben, nie Ankommen - das könnte über dieser Biographie einer charismatischen Vagabundin stehen, die vor allem sich selbst nicht verschont in ihrer präzise-scharfen Prosa.

1954 bis 1957 studiert Novak Philosophie und Journalistik an der Universität Leipzig. Eine Frau, die aneckt und auffällt: Wie in einem "Laufgitter" fühlt sie sich, wendet sich Sartre zu. Sie trägt schwarze Röhrenhosen, einen schwarzen Rollkragenpullover und lange schwarze Haare - "fertig war die Existenzialistin". Als "hochintelligent und flatterhaft" schätzt sie die Staatssicherheit ein. Die hat vor allem ihren Kontakt zu isländischen Studenten im Auge, wirbt sie an, um diese auszuhorchen. Als sie sich weigert, haut sie mir ihrem Freund, einem Isländer auf die kalte ferne Insel ab. Zwei Kinder bekommt sie dort. Glücklich wird sie nicht. Das Paradies ist immer da, wo sie nicht ist. Da, wo sie ist, ist Leben, Leidenschaft, aber auch Bedrängnis, Enge, Zwang. 1965 kehrt sie noch einmal zurück in die DDR, studiert am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig. Weil sie selbst verfielfältigte, regimekritische Texte verteilt, muss sie das Land 1966, innerhalb von 24 Stunden verlassen. Sie geht zunächst nach Island, im folgenden Jahr in die Bundesrepublik.

Eine wie sie konnte in einem Land wie der DDR niemals zurechtkommen, eine wie sie konnte das in keinem Land. Ein Leben als Abenteuer und Antithese zu jedem Regelwerk, jeder Konvention. Sie sei "ungebunden, unbeherrscht, unwillig, ungläubig, unhöflich, unzuverlässig, unverblümt, unzugehörig, unverantwortlich, ungehorsam, ungenießbar, unverbesserlich, undiszipliniert, ungezügelt, unberechenbar etc.", schreibt sie über sich. Als ewiger Hippie reist sie mit leichtem Gepäck durch Europa, von Liebe zu Liebe, Aufstand zu Aufstand - vom bundesdeutschen Häuserkampf zur Nelken-Revolution nach Portugal. Meist lebt sie am Existenzminimum wie in Palermo, wo sie mit Dynamit fischen muss, um zu essen zu haben. 1987 zieht sie nach Polen, wo leichte, beinahe fliegende Gedichte entstehen, die Kritiker mit denen Sarah Kirschs vergleichen. In der DDR ist ihre Lyrik nie erschienen, man findet sie nur als Abschrift in den Akten der Staatssicherheit.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort hätte sie ein Star sein können. Alles, was die Popkultur vergöttert, trug sie in sich. Doch Novak zog es vor, die Freiheit bis zum Schmerz, das Leben bis zur Neige auszuschöpfen, statt irgendwo mitzumachen. Ein paar Auszeichnungen hat sie bekommen, unter anderem den Kranichsteiner Literaturpreis und zuletzt, 2012, den Drostepreis der Stadt Meersburg. Unbemerkt ist sie nicht mehr, zu entdecken immer noch. Jürgen Kleindienst

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.12.2013

Jürgen Kleindienst

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