Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Schöner Scheitern in Georg M. Oswalds Roman „Alle, die du liebst“

Literatur Schöner Scheitern in Georg M. Oswalds Roman „Alle, die du liebst“

Mit dem Paradies ist es so eine Sache. Die Wenigsten werden daraus vertrieben, die meisten kennen es nur vom Hörensagen. Der Weg dorthin ist ein Holzweg. Georg M. Oswald schickt in seinem neuen Roman „Alle, die du liebst“ seine Helden an die Südküste Afrikas. Sie scheitern. Vor allem an sich selbst.

Der Schriftsteller Georg M. Oswald, Jahrgang 1963.

Quelle: dpa

Leipzig. Mit dem Paradies ist es so eine Sache. Die Wenigsten werden daraus vertrieben, die meisten kennen es nur vom Hörensagen. Und der Weg dorthin kann ein Holzweg sein. „Wir sind mit unseren Frauen hierhergekommen und dachten, wir würden ins Paradies einziehen“, sagt Thomas. Er war im Internet auf „Kiani Village Paradies Homes“ gestoßen, hat eine der kleinen Villen gekauft und ist mit der Frau nach Kenia gezogen.

Zum Haus gehörte ein Koch, der aber gehört jetzt zur Frau und die nicht mehr zu Thomas. Gute Gründe für den Verlassenen, neben Langeweile latenten Rassismus zu pflegen. Nicht dass Thomas die Hauptfigur wäre in Georg M. Oswalds Roman „Alle, die du liebst“, doch in seinem kurzen Monolog bringt er eine Wohlstandsfadheit auf den Punkt, nähert sich allem Fremden nicht mit Neugier oder Demut, sondern besitzergreifend. Wenn westliche Arroganz auf Nonchalance trifft, bedeutet das hier: schöner Scheitern.

Eigentliche Hauptperson ist Ich-Erzähler Hartmut Wilke. Ein erfolgreicher Anwalt, teuer geschieden von Carla und Vater von drei erwachsenen Kindern. Erik, der älteste Sohn, betreibt in Kenia eine Strandbar. Sein Vater hat einen Zuschuss von 50 000 Euro verweigert und reist mit schlechtem Gewissen, aber auch mit neuer Freundin, der 25 Jahre jüngeren Ines, an. Um Erik mit seiner „herablassenden Liebe“ zu verfolgen, wie Ines sagt.

Variation auf die alte Frage nach den Werten im Leben

Die Reise in die tropische Idylle gilt von Anfang an als Risiko. Da ist nicht nur die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes vor Gewalt und des Arztes vor Malaria, das ergibt sich aus der fragilen emotionalen Beziehung zwischen Vater und Sohn. Es geht „um Vertrauen, das enttäuscht worden war und wiederhergestellt werden sollte“. Kiani Island ist in jeder Hinsicht eine Insel.

Georg M. Oswald – Jurist, Schriftsteller und Leiter des Berlin Verlags – erzählt in seiner Variation auf die gute alte Frage nach den Werten im Leben die Geschichte einer Entfremdung. Wie schon in seinem bekanntesten Buch „Alles was zählt“ (2000) geht es um Wohlstand, Macht und Sicherheit. All das geht Hartmut Wilke verloren, nur er ist noch da. Am Ende vielleicht als ein anderer – vielleicht auch nicht.

Über dieses Ende darf nichts verraten werden, denn der Roman lebt über weite Strecken vom Spannungseffekt, wenn Befürchtungen wahr zu werden drohen. Es fällt Hartmut schwer, herauszufinden, ob er Opfer eines Komplotts wird oder selbst sein größter Feind ist. Ob er übers Ohr gehauen oder gerettet wird.

Immer auf der Flucht

Die Leser bleiben mit ihm im Unklaren. Wobei sich Mitleid für diesen Mann in Grenzen hält. Hartmut Wilke und seine Freundin Ines reisen mit jenen Klischees im Kopf, die Westeuropäer mit der „Dritten Welt“ verbinden. Die ist Hartmut sowie suspekt, er nennt sie „niederschmetternd“, eine Reise dorthin „Zeitverschwendung“. Ihn nerven Bestechlichkeit und Armut und auch die Unübersichtlichkeit. Was Sohn Erik als Freiheit empfindet, nimmt der Vater als Zumutung wahr, denn seine Regeln gelten hier nicht, sie sind ja nicht einmal bekannt.

Im Seelen-Gepäck trägt Hartmut Scheidungsgefechte, bei denen er neben Frau Carla viel Geld und den Kontakt zu seinen Kindern verloren hat. Die Ehe: klassisch ermüdet. Als „das letzte der Kinder aus dem Haus war, war da nichts mehr, außer der Gewissheit, etwas Wesentliches versäumt zu haben, und dabei noch nicht einmal zu wissen, was es war.“ Hartmut jedenfalls holt es mit Assistentin Ines nach.

Die Feststellung, dass er zwar vermögend ist, aber alles verloren hat, zieht sich durchs Buch. „Wir waren alt, reich und in Schwierigkeiten.“ Zudem wird zu Hause sehr unschön wegen einer Steuersache gegen ihn ermittelt, weshalb auch das Fluchtmotiv mindestens doppelt zählt.

Es gibt keine Sicherheit

Die Versöhnung mit Erik glückt nicht so, wie erhofft. Alles an ihm „war Wankelmut. Sein Enthusiasmus wurde nur noch übertroffen von seiner Flatterhaftigkeit.“ Denkt sein Vater. „Eine Gelegenheit ergibt sich, und alle, die Lust haben, machen mit“, sagt der Sohn. Damit muss Hartmut sich genauso abfinden wie mit den Geschäften eines Mister Jack, der in Deutschland als Verbrecher gilt, dem Verhalten eines einheimischen Polizeigenerals, der selbst entscheidet, was ein Verbrechen ist, und den Erzählungen jener seltsamen Deutschen um Thomas, die sich dem geschützten Wohnen im „Kiani Village Paradies“ ergeben haben.

Eine Woche an der Küste Afrikas genügt, dass nichts von dem Leben übrig bleibt, wie Hartmut es zu führen gewohnt war. Was als Urlaub begann, wird zur Prüfung, das Fremde zur Gefahr. Die emotionale Verwahrlosung zieht eine Grenze zur Welt. Vergebung zum Beispiel könnte sie überwinden ... Georg M. Oswald nähert sich einem schweren Stoff auf leichtem Fuß. Es gibt keine Sicherheit: im großen Ganzen nicht und nicht in der Familie. Und schon gar nicht auf der Flucht davor.

Georg M. Oswald: Alle, die du liebst.Roman. Piper; 208 Seiten, 18 Euro

Von Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr