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Schreibweh: "Aufzeichnungen eines albernen Menschen" von Carl-Christian Elze

Schreibweh: "Aufzeichnungen eines albernen Menschen" von Carl-Christian Elze

Die Stimmen reden umeinander herum und lassen Wörter fallen. Dazwischen steht er, Carl-Christian Elze. Er hebt sie auf. Er ist ein Dichter. Seine Gedichte erzählen von Vätern und Söhnen, vom Denken, Schreiben und dem Meer.

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Der Leipziger Schriftsteller Carl-Christian Elze.

Quelle: Hans Praefke

Jetzt sind sie Prosa geworden. "Aufzeichnungen eines albernen Menschen" heißt der Erzählungsband, der im Verlagshaus J. Frank erschienen ist, einem Berliner Independent-Verlag, der sich der Gegenwartsliteratur und Illustration verschrieben hat, in diesem Fall stammen die Bilder von Anne Baier.

Albern ist ein vielschichtiges Wort. Und es kehrt wieder. Meint Elze närrisch? Lustig? Dumm? Sein letzter Lyrikband hieß "ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist" (luxbooks, 2013). Das titelgebende Gedicht enthält die Zeile "das meer ist eine katze, der ich nichts anvertrauen kann". So also.

Ähnlich bildhaft gelingen die kurzen Geschichten. "Immer beim Öffnen der Tür wehen Schwaden von Schweineluft mit herein, so gewaltig, als hinge das ganze Schwein mit in der Luft", heißt es in einem kurzen, nur zwei Seiten langen Text über einen Geist, dem ein Bauernhaus hergerichtet wird für seine Bedürfnisse. So etwas ist eine Verpflichtung. Doch wenn er vom "allergrößten Spuk" erschöpft ist, nutzt er die nahegelegene Autobahn, "um anderswo weniger anstrengend zu spuken".

So geht auch er, der Autor, in fremden Köpfen um, kehrt zurück, lässt sich nieder. Und erzählt. Man kann nie sicher sein, was sich tatsächlich zugetragen hat und was nur so gewesen sein könnte, weil ein Geist auf Reisen manches träumt. Dies ist eine Gegenwartsprosa auch in dem Sinn, dass sie in der Gegenwart des Lesers, in dessen Beisein sozusagen, zu entstehen scheint.

Elze versteckt sich nicht, er reflektiert das Schreiben als Beschäftigung mit sich selbst, als Suche nach einer festen Form für kreisende Gedanken. Da sitzt das Ich mit dem Stift in der Hand und will aufschreiben, was ein Freund erzählt hat, denn "das ist nun allemal eine präzise Erinnerung wert", doch es bleibt beim Versuch, bei einem Versprechen.

Die Lösung muss in der eigenen Wohnung zu finden sein. Trotzdem fällt der Blick auf den Nachbarn. Einen "Vielfraß. Immerschreiber, Nimmersatt", der Tag und Nacht auf seiner Schreibmaschine hämmert und einen Roman nach dem anderen raushaut, mit Erfolg. Der keine Zweifel kennt, nicht aufzuhalten ist. Er frisst sein grübelndes Gegenüber auf: "Es ist zum Verzweifeln, man ist nur noch ein Fellbalg mit Luftfüllung und angenähten Äuglein, ein ausgestopfter Lemming, der ständig am Fenster steht und über die Schlucht glotzt, anstatt endlich zu springen." Der Dichter und sein Lemming, sie "sind nicht dumm geworden, aber feige". Sie trauen sich einfach gar nichts mehr. "Erst nicht mehr auf dem Papier, dann nicht mehr im Leben."

Um dieses Leben geht es. Um das Lebendigsein. Das eines Freundes, der ein T im Kopf hat, nicht operabel. Oder des Kommilitonen, der sich nach zehn Jahren meldet, weil er Geld für eine Geschäftsidee braucht, für eine Mischung aus Bestattungshaus und Tierheim. Er könnte seine Gedichte veröffentlichen, findet jedoch: "Gedichte sind zwar auch Leichen, die einen lebendiger machen, aber die echten Leichen sind mir viel wichtiger." Elze erzählt in einer Art Protokoll von Georg Heym und dessen Freund Ernst Balcke, die am 16. Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen in der Havel ertranken. Oder von einer geheimnisvollen Hörkassette auf dem Nachttisch mit einer beunruhigenden, dabei einleuchtenden Mitteilung. Oder vom Jungen, der sich im "Intershop" im Leipziger Hotel "Merkur" unter die Westmenschen mischt, von der Klofrau als "eener von'dr Straße" enttarnt und vom Vater beschützt wird.

Carl-Christian Elze, 1974 in Berlin geboren, ist in Leipzig aufgewachsen. Er hat Biologie, Germanistik und am Deutschen Literaturinstitut studiert, war Redakteur und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "plumbum" und im vergangenen Jahr für drei Monate erster "poet in residence" in Dresden. Zu den Preisen, die er erhalten hat, gehören der Lyrik-Debütpreis Poetenladen (2005), das New York-Stipendium des Deutschen Hauses NY und der Max-Kade-Foundation (2010) und der Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis für Lyrik, der ihm am 14. Juni in Cuxhaven übergeben wird. Hauptpreisträgerin Ulrike Draesner, die den Nachwuchspreisträger bestimmen darf, würdigt in ihrer Begründung, Elze berühre mit zärtlicher Ironie und dichte in berückender Nähe von Komik und Ernst, von Groteske, Verzweiflung und Lebensmut.

Dies gilt auch für seine Prosa, die in verdunkelten Räumen leise auftritt. Aus der eine Sehnsucht spricht, die sich anfühlt wie Heimweh - nach dem Alltäglichen und dem Besonderen, nach Lärm und Stille, nach Klarheit und Verwirrung. Auf dem Papier wie im Leben. Es könnte Schreibweh sein.

Carl-Christian Elze: Aufzeichnungen eines albernen Menschen. Mit Illustrationen von Anne Baier.Verlagshaus J. Frank; 135 Seiten,13,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.06.2014

Janina Fleischer

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